Unser Autor hat sich in diesem Jahr zum Meinungsfasten entschieden
Also ich hab immer noch nicht so richtig reingefunden in die Fastensaison, tue mich diesmal schwer mit dem Verzicht-Objekt. Die Klassiker des Fastens fallen für mich irgendwie raus: Auf Süßigkeiten verzichten? Ganz ohne Zucker sind bei mir die Entzugserscheinungen so schwerwiegend, dass ich nicht mehr ordentlich arbeiten kann. Bei Süßigkeiten-Verzicht müsste ich mir womöglich Lifestyle-Leistungseinschränkung vorwerfen lassen. Alkohol? Soll jetzt ausgerechnet ich die sowieso schwächelnde Brauereibranche weiter ins Verderben reißen, indem ich meinen bisher mäßigen, aber verlässlich regelmäßigen Bierkonsum einstelle und damit den Niedergang eines weiteren Industriezweiges mitzuverantworten habe? Außerdem kann niemand von mir verlangen, diese täglich niederschmetternden Welt-Nachrichten ständig nüchtern zu ertragen.
Als Nächstes hatte ich ernsthaft erwogen, es mal mit Vitamin-Fasten zu probieren, also für ein paar Wochen komplett auf Vitamin C zu verzichten und mir jegliche Form von Obst- und Salatspeisen zu versagen … überlege dann aber, ob bei weiterhin stabiler Zucker- und Alkoholzufuhr mein Körper nicht irgendein biologisches Gegengewicht benötigt? Rasch wird klar, ich muss den Verzicht außerhalb der Nahrungsaufnahme angehen. Weniger Fernsehen oder radikale Einschränkung meines Konsums von Sozialen Medien wäre vielleicht eine Idee. Die vielen Meinungen, die da auf mich einprasseln, finde ich inzwischen ähnlich schwer verdaulich wie einen Zuckerschock nach zu viel Schokolade.
Hey, erinnern Sie sich noch an die verrückten alten Zeiten, als das mit der Meinungsbildung noch so funktionierte, dass wir uns verschiedene Sichtweisen einer Sache in Ruhe angehört oder durchgelesen haben und dann – hey, war das crazy – versuchten, uns so ganz selber eine differenzierte Meinung zu bilden? Gut, wir wussten es nicht besser, aber haben wir es uns damals vielleicht unnötig selbst schwer gemacht? Heute klicke ich einfach die gängigen Social-Media-Kanäle durch, auf denen ich verkehre, und schon weiß ich, wofür oder wogegen ich sein sollte, ganz radikal, ohne störende Grautöne, und vergebe bei Bedarf ein „Like“. Das ist nicht mehr Meinungsbildung, sondern Meinungsfestigung und -verstärkung.
Manchmal verfalle ich noch in die alte Gewohnheit und schaue, wenn mich eine Nachricht irritiert, in verschiedenen Tageszeitungen und Newsforen nach, um mal zu sehen, wie weit die jeweiligen „roten“ Meinungslinien auseinanderliegen und ob sich da nicht doch „die Wahrheit irgendwo in der Mitte“ finden lässt.
Meistens begehe ich dann den Fehler, die zuweilen komplexen Für- und Wider-Argumente zweier Extrempositionen nicht nur gegeneinander abzuwägen, sondern mein Meinungsbildungs-Ergebnis in den „Communities“ oder sozialen Blasen zu teilen. Das kommt nicht immer gut an. Kompromissmeinungen gelten inzwischen als Charakterschwäche. Wer nicht strikt für oder gegen etwas ist … tja, der könnte auch gleichzeitig Dortmund- und Schalke-Fan sein.
Vielleicht sollte ich einfach mal eine Weile die virtuelle Klappe halten und während der Fastenzeit jeglicher Meinungsäußerung entsagen. Das ist es: Ich mache einfach Meinungsfasten. Vor allem bei Themen, bei denen ich mich eh nicht so auskenne, könnte ich mich doch einfach mal aus jeglichem Meinungs- und Deutungswettkampf heraushalten. Die Sozialen Medien werden’s wohl verkraften, wenn ich mich meinungstechnisch eine Weile rarmache, oder?
Eher jedenfalls als die Bierbrauerbranche, falls ich mich fürs Alkoholfasten entschieden hätte. Ja, ich weiß, auch mit nur einem einzigen Pils abends zur Sportschau belaste ich meinen Körper mit reinem Zellgift. Aber das habe ich, so radikal, erst kürzlich erfahren, und wer weiß, welche toxischen Langzeitwirkungen täglicher Meinungsäußerung noch erforscht werden. Am Ende sagt mir die Wissenschaft: Na, in der Zeit, in der Sie sich haufenweise verschiedenen Radikal-Meinungen ausgesetzt haben, hätten Sie besser mal in Ruhe ein Bier getrunken.
Ich glaube, ich bin mir sicher: Okay, etwas weniger Schoko und Gerstenbräu, aber richtig fasten will ich woanders: Bis Karfreitag halte ich als Meinungsasket bestimmt durch. Ab Ostern kann ich dann ja wieder meinungsverstärkend mitmischen.