Ein Thema beschäftigt derzeit die Welt wie kaum ein anderes: Künstliche Intelligenz. Im weltweiten Wettrennen baut Big Tech zahlreiche Datenzentren. Doch in den USA und weltweit mehren sich Bürgerproteste dagegen.
Es klingt wie eine laufende Flugzeugturbine, sirrend, nervenaufreibend, 24 Stunden, ununterbrochen: In der Nachbarschaft einiger US-Gemeinden, nahe Wohnhäusern und Schulen, ziehen amerikanische Big-Tech-Unternehmen wie Meta, xAI oder OpenAI ihre Datenzentren hoch. Der Strom kommt dabei oft von Gasturbinen, die pausenlos laufen. Die Lärmbelästigung sei unerträglich, der Kühlwasserverbrauch immens, berichten mittlerweile immer mehr Einwohner gegenüber amerikanischen Medien. Der Unmut auf kommunaler Ebene in den USA wächst.
Die Restriktionen für den Bau von Datenzentren hat die Trump-Regierung in den vergangenen Monaten mithilfe von Exekutivmaßnahmen stark gelockert. So wurden Umweltprüfungen abgekürzt; Datenzentren sollten leichter auf Bundesflächen gebaut werden können, dafür sollen auch Brachflächen und Altlastenstandorte freigegeben werden. Qualifizierte Projekte bekommen ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren, das Handelsministerium soll Förderungen wie Darlehen, Zuschüsse und Steueranreize für diese Projekte bereitstellen. Und eine Anordnung der Biden-Regierung wurde aufgehoben, die Diversität und Klimaschutz für Anlagen regelten, die auf von der US-Regierung verwaltetem Land entstehen.
Bauregeln wurden gelockert
Investoren wollen nun rasch auf den Zug aufspringen. So auch der US-Investor Kevin O’Leary. Der aus Kanada stammende O’Leary gilt in den USA und Kanada als eine schillernde Fernseh- und Management-Persönlichkeit, die mittlerweile auch in Kryptowährungen und KI investiert. Sein geplantes Datenzentrum Stratos in Utah wurde trotz massiver Proteste von Hunderten Einwohnern Anfang Juli genehmigt; es soll fast so groß wie Manhattan werden, etwa 80 Quadratkilometer. Doch betroffene Anwohner organisieren sich gegen noch mehr Datenzentren. Am 18. Juli 2026 protestierten US-weit Tausende aus 42 Bundesstaaten in 142 Kundgebungen gegen Rechenzentren. Laut einer Gallup-Umfrage im März 2026 lehnen 70 Prozent der Amerikaner den Bau eines KI-Rechenzentrums in ihrer Nachbarschaft ab, 48 Prozent sogar mit der Antwort „strongly opposed“, stark dagegen. Eine Reuters/Ipsos-Umfrage im Juni fand heraus: Nur 14 Prozent würden ein Rechenzentrum in ihrer Gemeinde für KI-Firmen wie Meta, Alphabet, Amazon, Microsoft oder xAI akzeptieren. Im ersten Quartal 2026 wurden durch lokalen Widerstand 75 Projekte im Wert von 130 Milliarden Dollar blockiert oder verzögert – ungefähr so viele wie im gesamten Jahr 2025, stellte die unabhängige Brookings-Denkfabrik heraus. Über 300 Städte, Gemeinden und Countys haben Baustopps oder Moratorien verhängt.
Die Themen ähneln sich überall. Es geht um den immensen Energie- und Wasserhunger, der den Gemeinden buchstäblich Strom und Wasser abgräbt, sowie um Lärmbelästigung. Anwohner in der Nähe des Rechenzentrums „Colossus 2“ in South Memphis berichteten in lokalen Medien von Lärmpegeln im mittleren 50-Dezibel-Bereich und bezeichneten dies als „eine Form der Folter“. In Manassas, Virginia, haben Anwohner ein konstantes Brummen von 65 Dezibel gemessen. Zum Vergleich: Die US-Umweltschutzbehörde EPA empfahl bereits 1974 Lärmgrenzwerte von 55 Dezibel im Freien und 45 Dezibel in Innenräumen. Amazon musste nach 18 Monaten Druck seitens der Anwohner die Lärmemissionen an einem Standort in Virginia um zehn Dezibel senken.
Auch die Wasserversorgung ist betroffen. Der Bundesstaat Wyoming erließ nun strengere Vorschriften, nachdem verunreinigtes Wasser in die örtliche Kanalisation gelangt war. Im ländlichen Coweta County südlich von Atlanta laufen aktuell fünf Rechenzentrumsprojekte parallel. Das größte, „Project Sail“ des Entwicklers Atlas Development, soll für 17 Milliarden Dollar auf knapp 830 Hektar Land entstehen – mitten in einem Gebiet, das der Bundesstaat Georgia als besonders schützenswertes Grundwasser-Neubildungsgebiet eingestuft hat. US-Rechenzentren verbrauchten laut dem Lawrence Berkeley National Laboratory 2023 66 Milliarden Liter Wasser – ein Anstieg von 21,2 Milliarden Litern im Jahr 2014. Das entspricht etwa dem Jahresverbrauch von 160.000 US-Haushalten. Weltweit schätzte die Internationale Energieagentur (IEA) den Gesamtwasserverbrauch von Rechenzentren im Jahr 2023 auf 560 Milliarden Liter, aufgeteilt in 373 Milliarden Liter für die indirekte Kühlung, 140 Milliarden Liter für die direkte Kühlung und 47 Milliarden Liter, die bei der Hardware-Herstellung, also nicht im Datenzentrum direkt, anfallen.
US-Datenfarmen verbrauchen damit zwar nur etwa 0,2 Prozent des gesamten amerikanischen Wassers, lokal gesehen aber steigt der Verbrauch in den Kommunen exorbitant. Googles Rechenzentrum in The Dalles, Oregon, erhöhte den Wasserverbrauch in der Gemeinde um 316 Prozent und verschlingt ein Drittel des gesamten verfügbaren Wassers, während die Einwohnerzahl nur um zwölf Prozent wuchs. Unregulierter Aufwuchs von Datenzentren könnte also vor allem in wasserärmeren Regionen mittelfristig zu Wasserknappheit führen.
Klagen laufen gegen Musks xAI
Schärfer geworden ist der Ton auch in South Memphis. Dort betreibt Elon Musks xAI seit 2024 den Supercomputer-Komplex „Colossus“ – errichtet in rekordverdächtigen 122 Tagen, mit über 230.000 Nvidia-Grafikchips. Um den gewaltigen Strombedarf zu decken, installierte das Unternehmen Dutzende Gasturbinen, zeitweise bis zu 35 Stück, direkt neben Boxtown, einer historisch schwarzen Nachbarschaft. Die NAACP, eine der ältesten und einflussreichsten Interessenvertretungen für People of Color in den USA, reichte gemeinsam mit weiteren Umweltverbänden im April Klage ein: xAI betreibe 27 Gasturbinen am Standort Southaven ohne die nach dem Clean Air Act vorgeschriebene Genehmigung. Laut Klageschrift könnten allein die Turbinen des geplanten zweiten Anlagenteils „Colossus 2“ jährlich über 5.300 Tonnen Stickoxide, 433 Tonnen Feinstaub und 47 Tonnen des krebserregenden Formaldehyds ausstoßen – womit die Anlage nach Einschätzung der Umweltjuristen zur größten Stickoxid-Quelle im Großraum Memphis würde. Parallel verklagten Anwohner aus Southaven/Mississippi das mit xAI verbundene Unternehmen SpaceX wegen Lärmbelästigung durch die Turbinen. Die Trump-Regierung stellte sich in diesem Fall auf die Seite von xAI. Das Justizministerium versucht derzeit, die NAACP-Klage abweisen zu lassen.
Mittlerweile hat Investor O’Leary die Dimension von Stratos verringert und versprochen, mehr für Transparenz zu sorgen, so O’Leary in einem Interview mit MSNOW. Bei den Einwohnern des Countys hat er sich für die schlechte Kommunikation entschuldigt.
Dabei sind die Proteste nicht nur auf die USA beschränkt. Mittlerweile mehren sich die Widerstände, unter anderem in Kanada, Australien, Indien, Südostasien, Südamerika. Einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge wird die weltweite KI-Entwicklung bis 2030 jährlich 945 Terawattstunden Strom und 9,3 Billionen Liter Wasser benötigen – das entspricht dem Wasserbedarf von 1,3 Milliarden Menschen. Gerade angesichts aktueller Dürren ein bedenkenswerter Warnruf. Auch in der EU ist ein KI-Rennen entbrannt. Dabei will es Europa besser machen: KI-Label, Energielabel und Ökolabel sollen künstlich generierten Content und den dafür genutzten Energieverbrauch transparent machen. Es könnte zumindest ein Ansporn sein, knappe Ressourcen nicht dem technologischen Fortschritt unterzuordnen.