Beim 1:1 in Wiesbaden überzeugt der 1. FC Saarbrücken kämpferisch und spielerisch. Lediglich die Disziplin bereitet Sorgen.
Nach dem offiziellen Teil der Pressekonferenz wurde FCS-Trainer Alois Schwartz fast ein wenig väterlich. „Ich werde jetzt nicht den Stab über den Jungen brechen. Er ist 22 Jahre alt und hat sich sehr unclever verhalten. Er hat sich entschuldigt und damit ist es auch gut“, sagte der 58-Jährige über Mittelfeldspieler Elijah Krahn. Der zentrale Mittelfeldspieler hatte ohnehin einen gebrauchten Tag erwischt, leistete sich kurz vor der Halbzeit dann einen folgenschweren Aussetzer. Provoziert von Gegenspieler Suarez ließ sich Krahn zu einem leichten Ellenbogenstoß hinreißen. Er traf die Brust des Weheners, der ging schreiend zu Boden und hielt sich das Gesicht. „Er macht aus wenig sehr viel. Das ist okay, wir bieten es an. Es ist das zweite Mal innerhalb einer Woche, dass wir es den Schiedsrichtern leicht machen, uns zu bestrafen. Das müssen wir dringend abstellen“, sagte Schwartz.
Zu diesem Zeitpunkt führten die Wiesbadener mit 1:0 nach einem Treffer des Ex-Saarbrückers Lukas Schleimer, der nach einer Standardsituation den zweiten Abschluss in die Maschen setzte. „Das verteidigen wir nicht gut“, sagte Torwart Phillip Menzel, der den ersten Ball noch parieren konnte. Zuvor hatten sich beide Teams weitestgehend neutralisiert. „Wir sind gut in die Partie gekommen, waren leider zu wenig konkret nach vorne“, sagte Schwartz und räumte ein: „Dann hatten wir einen Bruch im Spiel und der Gegner ist in Führung gegangen.“
Mit 0:1 in Rückstand und dazu in Unterzahl – nach 45 Minuten sprach nicht mehr viel für den FCS: „Wir haben gesagt, dass wir uns nicht hinten reinstellen und auf einen Glückstreffer hoffen wollen. Wir wollten Fußball spielen, das entspricht dem Naturell der Mannschaft“, sagte der Trainer.
Er brachte Neuzugang Abdoulaye Kamara für den glücklosen Angreifer Patrick Schmidt und beorderte den kleinen Florian Pick ins Angriffszentrum. „Wir hatten schon in der ersten Halbzeit wenig Durchschlagskraft. Das wäre für Paddy in der zweiten Halbzeit nicht besser geworden. Wir wollten den Gegner mit flachen Pässen beschäftigen“, erklärte Schwartz seine Maßnahme, die fruchtete. Zweimal stürmte Pick bei Kontern auf den Wiesbadener Kasten zu, zweimal wurde er in letzter Sekunde gebremst.
Als der FCS immer besser ins Spiel kam, schlug die Stunde des ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichters Robert Kampka. Eindrucksvoll bewies der 43-jährige Truppenarzt, warum ihm unter Fußballern der Ruf vorauseilt, wenig Kompetenz durch große Arroganz auszugleichen. Gefühlt war der Referee permanent damit beschäftigt, Fehlentscheidungen durch Gefälligkeitspfiffe auszugleichen. Im ersten Abschnitt verweigerte Kampka einen klaren Freistoß in aussichtsreicher Position. Nach einer Stunde traf Maurice Multhaup den Wiesbadener Justin Janitzek aus kurzer Distanz im Strafraum am Unterarm.
Als der Saarbrücker Block kurz vor dem Ausflippen war, sah Kampka die Stunde gekommen, dem FCS ein Geschenk zu machen. Linksverteidiger Till Schumacher mag einen minimalen Kontakt am linken Fuß gespürt haben, der allerdings außerhalb des Strafraums war. Pick war’s egal, er verwandelte sicher. Das Spiel wurde schnell – zu schnell für Kampka, der seine läuferischen Defizite mit dem wahllosen Verteilen von Gelben Karten zu kaschieren versuchte. Skandalös seine Fehlentscheidung, einen völlig handelsüblichen Zweikampf zwischen dem Wiesbadener Moritz Flotho und dem Saarbrücker Kasim Rabihic abzupfeifen.
Zehn Minuten vor dem Ende hätte es 2:1 für die Gastgeber stehen müssen. Wer geglaubt hatte, Kampka könnte seine Negativ-Performance nicht noch toppen, wurde wenig später eines Besseren belehrt. Den Bruchteil eines Körperkontakts zwischen Lasse Wilhelm und Schleimer ahndete Kampka mit Elfmeter und verwarnte Wilhelm für das Nicht-Foulspiel auch noch. Vier Minuten vor dem Ende drohte der FCS auf die Verliererstraße zu geraten, doch Menzel wehrte Schleimers strammen Schuss mit dem Fuß ab: „Ich habe spekuliert und versucht, mich groß zu machen“, kommentierte Menzel seinen ersten gehaltenen Elfmeter im Saarbrücker Trikot.
In der Nachspielzeit kam der FCS noch einmal in den Wiesbadener Strafraum. Wehens Verteidiger Sascha Mockenhaupt trat Pick ans Standbein, Schiri Kampka hatte freie Sicht auf die Szene, schaute auch neugierig zur Aktion, blieb aber seiner Linie treu, grundsätzlich das Falsche zu pfeifen. „Alles, was ich sage, kann negativ gegen mich ausgelegt werden“, rang Schwartz um Fassung: „Ich gehe immer davon aus, dass alle Beteiligten sich bemühen, ihre beste Leistung zu bringen.“
Wiesbadens Coach Nils Döring war da weniger diplomatisch. „Fußball ist ein Fehlerspiel. Es geht darum, die Anzahl zu minimieren. Das wird von den Trainern erwartet, das erwarten wir von den Spielern, dann dürfen wir das auch von den Schiedsrichtern erwarten.“
So stand am Ende unter dem Strich ein Unentschieden, das irgendwie in Ordnung ging, weil beide Teams gleichermaßen unter Kampkas Fehlerorgie zu leiden hatten. „Wir haben eine tolle Reaktion gezeigt, ich bin stolz auf die Jungs“, sagte Menzel. Und Kasim Rabihic, der im zentralen defensiven Mittelfeld ein bärenstarkes Spiel machte, richtete den Blick Richtung Dienstag, wenn der ungeschlagene Tabellenführer MSV Duisburg in den Ludwigspark kommt: „Die haben die Euphorie mitgenommen und sind gut drauf. Wir sind aber total heiß und wollen sie unbedingt als Erste besiegen. Das wird schwer, aber ich traue es uns zu.“
Der Routinier war Dreh- und Angelpunkt im Saarbrücker Spiel, zog viele Fouls und spielte gute Pässe. „Er war heute unser Taktgeber und hat viel Verantwortung übernommen“, lobte Schwartz.
FORUM-Einzelkritik:
Phillip Menzel: Nicht immer sicher, beim Elfmeter aber grandios. Note 2-
Till Schumacher: Couragierter Auftritt mit kleinen Schwächen. Note 2-
Joel Bichsel: Beste Saisonleistung. Nur ein Fehlpass. Note 2-
Sven Sonnenberg: Einmal mit einem Stellungsfehler, ansonsten gut. Note 2-
Lasse Wilhelm: Abermals bester Mann in der Abwehrkette. Note 2
Maurice Multhaup: Auf ungewohnter Position sehr ordentlich. Note 2-
Elijah Krahn: Zunächst nicht gut in der Partie, dann mit einem Aussetzer. Note 5
Kasim Rabihic: Sehr überlegtes Spiel. Nach der Pause richtig stark. Note 1-
Florian Pick: Versuchte viel, manchmal zu viel. Note 3
Rodney Elongo-Yombo: Ordentliches Spiel, tauchte später etwas ab. Note 2-
Patrick Schmidt: Bewegte sich gut, aber die Spielpraxis fehlte. Note 3
Abdoulaye Kamara: Nahm die Position von Krahn ein und war richtig gut. Note 2