Religiöse Strömungen haben die USA von Beginn an geprägt und die Entwicklung mal mehr, mal weniger intensiv beeinflusst. Der Einfluss fundamentalistischer und nationalistisch geprägter evangelikaler Strömungen hat zuletzt stark zugenommen. Polarisierung und Spaltung im US-amerikanischen Kulturkampf sind die Folge.
riegsminister Pete Hegseth hat in Brooks Potteiger seinen persönlichen Pastor, der auch beim Gebet im Kriegsministerium predigt. Vize-Präsident JD Vance ist bekanntlich konvertierter Katholik, wird als solcher auch gerne als „der Katholik an der Seite des Präsidenten“ eingeordnet. Und der Präsident selbst liebt es, sich im Oval Office bei einem gemeinschaftlichen Gebet von führenden evangelikalen Predigern und Predigerinnen die Hand auf die Schulter legen zu lassen als Beistand beim Angriff auf den Iran. Das Bild, das um die Welt ging, dürfte Paula Withe-Cain besonders gefallen haben. Die Predigerin ist spirituelle Beraterin des Präsidenten, leitet im Weißen Haus das „Faith Office“ (Glaubensbüro). Sie hatte die Wahl Trumps schon mal als „göttlichen Plan“ bezeichnet und jeden Widerspruch gegen den Präsidenten als Widerspruch gegen Gott eingeordnet.
Der Präsident und sein Kriegsminister sehen sich ohnehin zuweilen auf einem „Kreuzzug“, wenn es sein muss auch gegen Papst Leo, den ersten US-Amerikaner an der Spitze des Vatikans, der dann auch noch die Kriegspolitik des Präsidenten kritisiert.
USA als „Gottes eigenes Land“
Nach heftigem Schlagabtausch ließ Trump dann gleich mal ein von KI generiertes Foto von sich selbst auf dem Papststuhl über seinen eigenen „Wahrheitskanal“ (Truth Social) weltweit verbreiten. Mit einigen anderen Darstellungen, die ihn in jesusähnlichen Positionen zeigten.
Alles einigermaßen verstörende Bilder, zumindest aus Sicht von Europäern. Dass Trump seine Wahlen wesentlich mit Unterstützung einflussreicher evangelikaler Strömungen gewonnen hat, ist hinlänglich analysiert. So manche Beobachter von Trumps bisheriger zweiter Amtszeit argwöhnen gar, die USA bewegten sich mit dem gold- und pomp-verliebten Präsidenten in Richtung einer besonderen Form von Gottesstaat, was sicher übertrieben ist. Trotzdem ist der Einfluss aus religiösen Kreisen ein entscheidender Faktor.
Das war aber immer schon so in der 250-jährigen Geschichte der USA und geht eben auch zurück auf die Anfangszeiten. Schließlich gehörten zu den ersten bedeutenden Siedlergruppen Anhänger religiöser Gruppen, die im damaligen Europa verfolgt wurden und ihre Zukunft jenseits des großen Teiches suchten.
Heute ist die religiöse Landschaft in den USA ziemlich zersplittert, aber geprägt von einigen einflussreichen Strömungen, allen voran die Evangelikalen. Dabei ist die Glaubensgemeinschaft rein zahlenmäßig nicht einmal besonders groß. Der Einfluss solcher Strömungen auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklung steht sogar eher diametral zur allgemeinen Entwicklung.
Auch in den USA ist die Mitgliederzahl von Kirchen beziehungsweise Religionsgemeinschaften deutlich zurückgegangen, wenn deren Zahl auch weiter auf einem deutlich höheren Niveau als in Europa oder Deutschland liegt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist der Anteil der Menschen, die sich in den USA selbst allgemein als „Christen“ bezeichnen, von 78 auf 62 Prozent gesunken, der Anteil derer, die religiös nicht gebunden sind („Nones“) auf knapp 30 Prozent gestiegen (Quellen: Religionsmonitor 2023 und Pew Research Center 2024). In den vergangenen Jahren hat sich die Entwicklung in etwa stabilisiert.
Wenn von „Christen“ in den USA die Rede ist, zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Das hat nur bedingt damit etwas zu tun, wenn in Deutschland oder Europa über „Christen“ gesprochen wird.
Katholiken sind mit etwas über 20 Prozent immer noch die stärkste Konfession, in der sich aber wiederum wie in der Katholischen Kirche insgesamt sowohl liberale als auch konservative Strömungen finden, repräsentiert durch die jeweiligen Bischöfe. Die am stärksten wachsende Gruppe sind protestantische Konfessionen. Die größte Gruppe darunter sind Baptisten, ansonsten gibt es eine Vielzahl von unabhängigen Kirchen, unter anderem konfessionslose evangelikale, fundamentalistische und charismatische Kirchen. Dort steht dann die biblische Autorität (neben persönlicher Berufung) im Mittelpunkt, und damit ein christlicher Fundamentalismus in vielfältigen Schattierungen.
Damit spielen sie mit ihren gesellschaftlichen Positionierungen eine gewichtige Rolle im US-amerikanischen Kulturkampf. Für die Anhänger dieser Kirchen gilt: „Als bedrohlich wird von ihnen ein vermeintlicher Werteverfall durch Säkularisierung und Modernisierung angesehen und insbesondere die Auflösung der traditionellen Geschlechterordnung durch Feminismus und Homosexualität“, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zu „Religiosität als Faktor politischer Polarisierung in den USA“. Die Studie spricht von „defensiver Religiosität“ und meint damit eine grundlegende Abwehrhaltung gegen gesellschaftliche Liberalisierungen. Die Unterstützung für Trump wird in diesem Zusammenhang als eine Form der „kulturellen Gegenwehr“ angesehen. Zudem zeigt die Studie die Anfälligkeit für „Verschwörungstheorien“ bei Anhängern bestimmter religiöser Gruppierungen. Beides wird politisch zur Polarisierung genutzt.
Trump als ein neuer Messias
Von Anhängern solcher Gruppierungen wird Trump in einer „messianischen“ Rolle gesehen, als ein Messias also, der all die Entwicklungen abwehren kann. Dieser schon fast göttliche Nimbus hat sich verstärkt, nachdem Trump im Wahlkampf einem Attentatsversuch entkommen war.
Das mag dem Präsidenten schmeicheln, politisch-strategisch bedeutsamer ist aber: Nicht die religiösen Elemente sind entscheidend, auch nicht die zahlenmäßige Größe dieser „Kirchen“, die nicht besonders bedeutsam ist, sondern dass sie besonders lautstark und aktiv auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Wenn Präsident Trump große Kulturinstitutionen angreift, hat das auch eine Basis auf der kleinen lokalen Ebene, wo auch religiös motivierte Gruppen schon mal in lokalen Bibliotheken unliebsame Bücher entfernen oder bestimmte Themen aus dem Unterricht fernhalten wollen.
Ansonsten dienen religiöse Verbrämungen schlicht der scheinbaren Rechtfertigung von Macht und selbst Krieg. Trumps spirituelle Beraterin Paula White hatte sich zuvor als (TV-)Predigerin des „Wohlstandsevangeliums“ einen Namen gemacht (und Millionen verdient). Das besagt, Wohlstand und Erfolg seien Beweis von Gottes Gunst.
Zur Verbrämung gehört auch, wenn JD Vance mit einer Bibelstelle das harte Vorgehen gegen Migranten zu rechtfertigen versucht. Der spätberufene Katholik Vance wird der Strömung der „Catholic Integralism“ zugerechnet, die oft mit radikalen Evangelikalen verglichen wird. Das alles gepaart mit stark nationalen Zügen passt zu einem Narrativ, das in den USA lange Tradition hat, nämlich einem Selbstverständnis, eine auserwählte Nation zu sein.
Dabei verfolgen nach einer Analyse des US-Soziologen Philip Gorski evangelikal-fundamentalistisch nationalistisch geprägte Strömungen systematisch den Plan, Schlüsselstellen in Politik, Verwaltung, Kultur und Bildung mit Gefolgsleuten zu besetzen und die Institutionen unter ihre Kontrolle zu bringen. Nachzulesen ist das unter anderem beim „Project 2025“, dem politischen Masterplan rechtsreligiöser Thinktanks wie der Heritage Foundation.