Wenn jemand plötzlich nicht mehr weiß, welcher Tag heute ist oder wo er sich befindet, kann dahinter eine Transiente Globale Amnesie (TGA) stecken. Zwar sind mögliche Auslöser der vorübergehenden Gedächtnisstörung bekannt, aber Forscher wissen bislang nicht, welcher Mechanismus eine TGA verursacht.
Das Erste, woran sich Bertha K. (Name von der Red. geändert) erinnern kann, ist, dass sie Fragen stellte, die nicht zur Situation passten. Als es passierte, war sie mit einem Mann zusammen. Mit dem hatte sie über mehrere Stunden Sex, den sie als intensiv und körperlich anstrengend erlebte. Mehrfach fragte sie ihn, welcher Tag heute sei und warum sie nicht arbeiten müsse. Dass sich das erste Date mit einem Mann, den sie zuvor über eine Datingplattform kennengelernt hatte, so entwickeln würde, hätte sie wohl nie gedacht. Aber später merkte sie „ein seltsames, kaum greifbares Gefühl in ihrem Kopf“. „Es hat sich organisch angefühlt – wie ein ständiges Kribbeln im Hirn“, erzählt die 55-Jährige, die in Saarbrücken lebt. Zu Hause angekommen, ließ ihr der Gedanke, dass etwas nicht in Ordnung sei, keine Ruhe. Im Gespräch mit ihrer 16-jährigen Tochter stellte sie – wie zuvor ihrem Sexpartner – wieder dieselben Fragen zum Wochentag und zur Arbeit. Um abklären zu lassen, was ihr zugestoßen war, ließ sie sich am selben Tag in einem Krankenhaus untersuchen. In der Stroke-Unit checkte man sie durch, aber anders als vermutet hatte sie keine Transitorische Ischämische Attacke (TIA) erlitten. Tags darauf teilte ihr einer der Ärzte, die die Visite machten, mit, dass sie eine Transiente Globale Amnesie durchgemacht hatte.
15 Fälle pro 100.000 Einwohner
Als Transiente Globale Amnesie, kurz TGA, bezeichnet man in der Neurologie eine vorübergehende, akut auftretende Funktionsstörung des Gehirns. Die Inzidenz der TGA beträgt zwischen drei und acht pro 100.000 Einwohnern pro Jahr, heißt es in den 2025 aktualisierten Leitlinien zur Transienten Globalen Amnesie, die von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie herausgegeben wurde. Der überwiegende Teil der Patientinnen und Patienten sei zwischen 50 und 70 Jahre alt, heißt es weiter. Eine TGA unter 50 Jahren sei hingegen eine Rarität. Neuere Daten legen eine höhere Häufigkeit von 15 Fällen pro 100.000 Einwohnern nahe. „Wenn ältere Menschen betroffen sind, handelt es sich in der Regel um geistig sehr fitte Menschen“, sagt Prof. Dr. Kristina Szabo, Leitende Oberärztin der Neurologischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim. Nach aktuellem Stand gebe es keinen Grund zur Annahme, dass die TGA über die Episode hinaus einen relevanten Krankheitswert habe. Außerdem gebe es bislang keine Hinweise darauf, dass eine TGA das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz oder für einen späteren Schlaganfall erhöhe.
Wenn eine solche Episode auftritt, ist das Gehirn vorübergehend nicht mehr in der Lage, neue Gedächtnisinhalte dauerhaft zu speichern. „Das betrifft vor allem das episodische Gedächtnis. Wenn man etwas macht, kann das sozusagen nicht in den Langzeitspeicher überführt werden“, erklärt Kristina Szabo. So ist es zu erklären, dass die betroffenen Personen immer wieder Fragen zu den Dingen stellen, die sie sich nicht merken können. Zu den häufigsten Fragen zählen: Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen? Dabei sind TGA-Patienten zur eigenen Person orientiert, aber sie können hinsichtlich Zeit und Situation desorientiert sein.
Psychischer und physischer Stress
Zurück bleibt für die Zeit, in der die Episode stattgefunden hat, eine Gedächtnislücke. „Diese Phase beginnt plötzlich, und ab da sind die Menschen nicht in der Lage, neue Gedächtnisinhalte dauerhaft zu speichern. Die Störung bildet sich in der Regel innerhalb von sechs bis acht Stunden spontan zurück. Definitionsgemäß liegt die Grenze bei 24 Stunden“, sagt Kristina Szabo. Kurz: Das Hauptkennzeichen ist eine anterograde, also nach vorne gerichtete Gedächtnisstörung. Bei vielen Patienten ist zudem der Abruf bereits gebildeter Langzeitgedächtnisinhalte beeinträchtigt. Diese retrograde Gedächtnisstörung kann auch Ereignisse betreffen, die Wochen oder Monate zurückliegen. „Wir haben Patienten gesehen, die wenige Tage vor einer TGA Geburtstag gefeiert hatten oder Großeltern geworden waren, aber diese Informationen fehlten ihnen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer begleitenden retrograden Gedächtnisstörung, die allerdings häufig weniger ausgeprägt ist.“ Wichtig ist der Expertin für Transiente Globale Amnesie zu betonen, dass die unmittelbare Behaltensspanne beziehungsweise das Kurzzeitgedächtnis grundsätzlich erhalten bleibt. „Wir neigen dazu zu denken: Wenn ich mir nicht merken kann, was um mich herum passiert, ist es eine Kurzzeitgedächtnisstörung. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall“, sagt Kristina Szabo.
Was kann diese vorübergehende Gedächtnisstörung auslösen? Es sind vor allem Ereignisse, die mit psychischem oder körperlichem Stress beziehungsweise körperlicher Anstrengung verbunden sind. Sowohl positiv als auch negativ besetzte Ereignisse kommen als Auslöser infrage. Dazu zählen zum Beispiel Sport, langes Radfahren, körperliche Arbeit im Garten oder auch sexuelle Aktivität. Auch Schmerzen können ein Auslöser sein. „Beerdigungen von nahestehenden Menschen sind ein negativer emotionaler Stressor, aber auch positive Ereignisse wie Geburtstage oder große Feiern. Je nachdem, wie genau man sucht und nachfragt, findet man dieses Korrelat bei ungefähr der Hälfte der Betroffenen“, sagt Kristina Szabo. Interessanterweise gehört auch der Sprung ins kalte Wasser dazu. Bereits in den 1960er-Jahren wurden Fälle einer TGA nach dem Schwimmen im Meer beschrieben.
Wie solche Ereignisse auf molekularer oder struktureller Ebene tatsächlich eine TGA auslösen, ist bislang nicht geklärt. „Diese Auslöser sind meist Erlebnisse, die es im Leben eines Menschen nicht nur einmal gibt. Trotzdem führen sie in der Regel nur einmal zu einer TGA. Darum können die Auslöser tatsächlich nicht als alleinige Ursache ausgemacht werden“, erklärt Kristina Szabo. Vor diesem Hintergrund wirft die TGA viele unbeantwortete Fragen auf. Es gibt zwar zahlreiche Theorien, aber bislang keinen wissenschaftlich gesicherten Nachweis für einen eindeutigen Mechanismus, der die TGA verursacht. „Mit bildgebenden Verfahren wie der MRT versucht man, dem näherzukommen, ebenso mit verschiedenen anderen Untersuchungsverfahren“, sagt Kristina Szabo. Wichtig ist allerdings: Die Diagnose der TGA wird grundsätzlich klinisch gestellt. Dabei kann die MRT die Diagnostik unterstützen. Sowohl Schlaganfall als auch epileptischer Anfall müssen im Falle einer atypischen Symptomatik als mögliche Differentialdiagnosen berücksichtigt werden. Tatsächlich stieß man jedoch auf einen Befund, der seinerseits Fragen aufwirft.
Forschung an den Ursachen
In der Kernspintomografie lassen sich nach einer solchen Episode bei einem Teil der Betroffenen kleine, punktförmige Veränderungen im Hippocampus nachweisen. Vor allem sind sie in der CA1-Region, einer Teilregion des Hippocampus, zu finden. Allerdings verschwanden die kleinen Veränderungen wieder und hinterließen nach aktuellem Kenntnisstand keine dauerhaften strukturellen Schäden. „Die in der MRT sichtbaren Veränderungen entsprechen kleinsten Schwellungen durch Wasseransammlungen, was an sich unspezifisch ist und die Ursache nicht erklärt. Diese sind zufällig im Rahmen von MRT-Untersuchungen an TGA-PatientInnen entdeckt worden. Der Entstehungsmechanismus ist unklar, aber es sind vorübergehende Veränderungen“, sagt Kristina Szabo. Eines zeigen die rätselhaften Punkte jedoch: Der Hippocampus ist an der Störung beteiligt. „Diese Aufnahmen lieferten uns sozusagen den starken Hinweis, dass diese Hirnstruktur in bestimmter Weise beteiligt und verändert ist“, sagt sie.
Und warum ist man in der Ursachenforschung noch nicht weitergekommen? Zum einen fehlt bislang ein geeignetes Tiermodell, mit dem sich die TGA gezielt auslösen und untersuchen ließe. Zudem können die bisherigen Theorien eine entscheidende Beobachtung nicht schlüssig erklären: In den allermeisten Fällen erleben Menschen nur einmal im Leben diese Gedächtnisstörung. „Wenn ich beispielsweise sagen würde, die Störung wird durch starke körperliche Anstrengung ausgelöst, dann müsste sie bei einer körperlichen Anstrengung wiederholt auftreten. Aber das passiert nicht – obwohl man sich im Leben hundert- oder tausendmal körperlich anstrengt“, argumentiert die Ärztin.
Zurück zu Bertha K.: Bis sie sich wieder bruchstückhaft an die TGA-Episode erinnern konnte, dauerte es einen bis eineinhalb Tage. Aber die Gedächtnislücke, die das Ereignis hinterlassen hat, ist bis heute nicht geschlossen. Bertha K. bleibt zumindest die beruhigende Erkenntnis, dass eine Transiente Globale Amnesie meist einmalig auftritt und keine gesundheitlichen Folgeschäden nach sich zieht.