Seit Kurzem bohrt ein niederländischer Energiekonzern im Wattenmeer nach Gas. Auf der Insel Borkum sorgen sich die Menschen deshalb ums Klima, um den Tourismus – und ihre Zukunft.
An einem warmen Spätsommertag steigt Melanie Helms auf die Bühne. Die stellvertretende Bürgermeisterin von Borkum trägt ein T-Shirt unter ihrem Blazer. Darauf zu sehen: eine Robbe, umrahmt von Windrädern und einer Sonne. Die Robbe reckt ein Schild in die Höhe: „Exit Gas“. Es ist nicht der einzige Slogan an diesem Vormittag. In einem kleinen Park, zwischen Inselbahnhof und Tourist-Information, drängen sich mehrere Hundert Menschen. Viele von ihnen halten Plakate in die Höhe: Zukunft statt Zerstörung! „Team Robbe“ oder „Hände weg vom Wattenmeer!“ ist darauf zu lesen. Melanie Helms ist sichtlich bewegt, sie ringt mit den Tränen. „Ich stehe hier als Borkumerin und als Mutter zweier Töchter“, ruft die SPD-Politikerin. „Dieses Meer gehört nicht Konzernen – es gehört uns allen.“ Applaus brandet auf, der Ton ist gesetzt. Auf Borkum, der kleinen Nordseeinsel mit nicht einmal 5.000 Einwohnern, denkt niemand ans Aufgeben. An diesem sonst so idyllischen Urlaubsort verdichten sich die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Es geht um Klimawandel, Naturschutz, Artensterben. Und ums große Geld.
Vertrag wurde im Juli unterzeichnet
Borkum liegt im Nationalpark Wattenmeer. 20 Kilometer vor der Küste, auf niederländischer Seite, hat der Konzern One-Dyas eine Gas-Bohrinsel errichtet. Die Plattform N05-A läuft derzeit im Testbetrieb. Nach Angaben von One-Dyas fördert sie aktuell zwei Millionen Kubikmeter Erdgas pro Tag. Damit lassen sich etwa zwei Prozent des deutschen Gasbedarfs decken. Um an den Rohstoff zu gelangen, stößt die Plattform 1.500 Meter unter dem Meeresgrund auf deutsches Gebiet vor, weshalb ein Abkommen zwischen Deutschland und den Nieder-
landen nötig ist. Im Juli hat das Bundeskabinett einen solchen völkerrechtlichen Vertrag unterzeichnet.
Ein Drittel des Erdgases, das dieses Jahr gefördert wird, soll nach Deutschland gehen. Der Energieversorger EWE hat sich die entsprechenden Anteile gesichert. Umweltverbände zeigten sich empört, weil die Regierung damit gegen die eigenen Klimaziele verstoße.
Der Streit schwelt seit Jahren, sowohl politisch als auch vor Gericht. Die Deutsche Umwelthilfe klagt zusammen mit der Stadt Borkum gegen das Projekt. Während der ehemalige Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zunächst die Urteile abwarten wollte, befürwortet seine Nachfolgerin Katherina Reiche (CDU) den „Sofortvollzug“ des Projekts. Reiche leitete bis zu ihrem Amtsantritt den Energiekonzern Westenergie, der im Erdgasgeschäft tätig ist.
Auf Borkum setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. Zunächst geht es an der historischen Bimmelbahn vorbei, dann mitten durch die Altstadt, vorbei an Imbissständen, Souvenirshops und Kneipen. Melanie Helms schwenkt eine Fahne. Darauf das Inselmotto „Mediis tranquillus in undis“, also „Ruhig inmitten der Wogen“. Die stellvertretende Bürgermeisterin hat es um ein „No“ ergänzt. Neben ihr hält eine junge Frau ein Schild in die Höhe. Darauf: eine durchgestrichene Bohrinsel. „Es gibt kein Recht, auf Borkum Gas zu bohren“, ertönt es im Chor. „Borkum retten! Borkum retten! Retten, retten, retten!“
Die meisten Passanten sind zunächst unsicher, was um sie herum geschieht. „Müssen die nicht arbeiten?“, lästern zwei Jugendliche, die mit ihren Fahrrädern vorbeifahren. „Was sind denn das für Spinner?“, fragt ein Mann in einem Fischrestaurant. Der Wirt korrigiert ihn: „Die tun wenigstens was.“ Immer wieder gehen Haustüren und Fenster auf. Ein älteres Ehepaar tritt hervor, sichtlich gerührt. „Danke, dass ihr für uns einsteht“, ruft der Mann. Ein Stück weiter klatschen Passanten Beifall.
Ein paar Hundert Meter entfernt steht Volkmar Vogel an der Rezeption. Der 57-Jährige sieht mit seinen Ohrringen und dem gestreiften Pullover nicht nach Verbandsvorstand aus, eher wie einer seiner Gäste. Doch der Eindruck täuscht: Vogel leitet nicht nur das „Hotel Atlantik“, ein Traditionshaus in der Nähe der Strandpromenade. Er ist außerdem der Chef des Borkumer Hotel- und Gaststättenverbandes. Und auch er schimpft auf das Erdgas.
Hauptproblem: Der Eingriff in die Natur
Zwar glaubt er nicht, dass durch die Debatte Urlauber abgeschreckt werden. Seine größte Sorge bleibt jedoch eine Havarie: „Es kann sehr schnell etwas passieren, und dann haben wir ein Problem.“ Vogel erinnert sich an das Containerschiff MSC Zoe, das Anfang 2019 in schwere See geriet und mehrere Hundert Container verlor. „Danach haben wir wochenlang Plastikspielzeug am Strand gefunden.“
Schon mit den über hundert Windrädern, die in Sichtweite des Strandes Strom produzieren, hätten viele Insulaner gehadert, erzählt Vogel. Die Optik. Die Vögel. Der Eingriff in die Natur. Jetzt sieht man vom Ufer aus auch noch eine Bohrinsel, jedenfalls bei gutem Wetter. „Wir sind ein Kurbad“, sagt Vogel. „Hier werben alle mit dem guten Klima, auch die Kliniken. Und dann haben wir so eine klimaschädliche Plattform direkt vor der Haustür.“
Unten, am Strand, haben die Protestierenden eine Holzkonstruktion mit der Aufschrift „Bohrkum“ errichtet. Das H sieht aus wie eine Bohrinsel. Luisa Neubauer, die Galionsfigur von Fridays for Future, marschiert vorneweg. Wenn jemand den Begriff Multitasking verkörpert, dann sie. Mal feuert sie den Protestzug an, dann filmt sie ihn und sich selbst. Im nächsten Moment greift sie zum Mikro, um die Teilnehmenden zu dirigieren: Noch ein Stück nach links, die Umgebung freimachen, und bitte konzentrieren! Soll ja schön aussehen.
Eine Drohne steigt auf, Kamerateams und Fotografen gehen in Position. Dann ist die Aktion auch schon wieder vorbei. Nur Luisa Neubauer bleibt noch am Strand, um ein Interview nach dem anderen zu geben. Als ein Freund sie fragt, wie lange sie Zeit hat, antwortet sie: „Solange es eben dauert.“
Janneke Vermeer, die Sprecherin des Energiekonzerns One-Dyas, will nicht vor die Kamera. Ein persönliches Interview lehnt sie ab, doch per E-Mail beantwortet sie geduldig alle Fragen. Warum also braucht Europa heute noch neue Gasfelder, wo die EU doch bis 2050 klimaneutral werden will? Die Antwort: Das Erdgas sei nötig für die Energiesicherheit und als Übergangslösung, schreibt Vermeer. Man habe „die aufwendigste Umweltverträglichkeitsprüfung der Nordsee“ durchgeführt.
Außerdem zeigten Untersuchungen des Oxford Institute for Energy Studies (OIES), dass Emissionen niederländischer Erdgasfelder deutlich kleiner seien, als wenn man das Gas per Pipeline oder Schiff importiere. Ein entsprechendes Paper von 2021 existiert tatsächlich. Es stammt von Marshall Hall, einem Wissenschaftler, der laut seiner eigenen Profilseite bis 2016 für den Energiekonzern BP gearbeitet hat.
Meinungen gehen stark auseinander
Die Kritik der Klimaaktivisten? „Es überrascht, wie schnell wir vergessen, dass der weltweite Energiebedarf steigt“, erklärt die Konzernsprecherin. Folglich liefen die deutschen Kohlekraftwerke auf Volllast. „Nein zu diesem Projekt zu sagen, löst nicht die zugrunde liegenden Probleme“, schreibt Vermeer. „Im Gegenteil, das führt zu mehr Importen, größeren Umweltauswirkungen und einer höheren Abhängigkeit von Nicht-EU-Ländern.“
Die deutsche Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert sieht das anders. „Die geförderten Mengen vor Borkum würden – optimistisch gerechnet – maximal ein bis zwei Prozent des deutschen Gasbedarfs decken“, schreibt die Expertin auf LinkedIn. „Das ist kein relevanter Beitrag zur Versorgungssicherheit.“ Eine neue Gasförderung vor der deutschen Küste sei „energiepolitisch unnötig und klimapolitisch falsch“. Die wirkliche Antwort auf die Energie- und Klimakrise laute: „Erneuerbare Energien, Speicher und Effizienz. Nur so sichern wir Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit und Klimaschutz.“
Jürgen Akkermann, der Bürgermeister von Borkum, verkörpert mit seiner ruhigen Art das Gegenteil der lauten Klimaproteste. Mit Jackett und Hemd sitzt er in seinem Büro, am Revers das Inselwappen. So bedacht der 59-Jährige aber auch spricht, so fundamental ist seine Kritik: „Hier wird man keine Giftschwaden sehen“, sagt Akkermann. „Aber die Plattform hat trotzdem zerstörerisches Potenzial, weil es zu Absenkungen des Inselsockels und vielleicht sogar zu Erdbeben kommen kann.“ Auf niederländischer Seite, im benachbarten Groningen, ereignen sich seit Jahren immer wieder Erdstöße. Deshalb wurde 2023 die Gasförderung dort eingestellt. Groningen liegt nur wenige Kilometer von Borkum entfernt.
Das Erdbeben-Argument hört man häufig auf Borkum. Und auch sonst gleicht sich die Kritik. „Hier werdet ihr niemanden finden, der für das Projekt ist“, erzählt der Kellner einer Strandbar. „Jedenfalls nicht, wenn er danach noch Freunde haben will.“ Der Spruch ist als Witz gemeint, lässt aber aufhorchen. Denn tatsächlich bekennt sich während der Recherche keine einzige Person zu dem Projekt, nicht einmal anonym. Dabei ist Borkum mitnichten eine Öko-Insel: Bei der Bundestagswahl haben 14 Prozent für die Klimawandel-leugnende AfD gestimmt, nur knapp hinter den Grünen. Die meisten Stimmen erzielte die CDU.
Wo sind all die Leute, für die Klimaschutz doch nicht so wichtig ist? Diejenigen, die auf europäische Energiesouveränität setzen, gerade in konfliktreichen Zeiten? Argumente dafür gäbe es durchaus, doch äußern kann oder will sie niemand. Stattdessen winken immer wieder Personen ab, wenn man auf die Bohrinsel zu sprechen kommt: „Darüber weiß ich nicht genug.“ „Dazu hab’ ich keine Meinung.“ „Zur Politik sage ich nichts.“
Ist das nun Gleichgültigkeit? Gruppenzwang? Oder ist die Sorge um ihre Insel so stark, dass sie alle Borkumerinnen und Borkumer über Parteigrenzen hinweg vereint? Auch nach einer Woche bleibt eine eindeutige Antwort offen.
Am nächsten Tag kehrt wieder Ruhe ein auf Borkum. Die Protestierenden haben ihre Zelte abgebaut, Plakate und Fahnen sind nicht mehr zu sehen. In der Fußgängerzone geht das Leben weiter: Fish and Chips, Borkum-Mützen, Robben aus Plüsch. Auch die Strandbars sind in den letzten Spätsommertagen gut gefüllt. Mit Cocktails in der Hand blicken die Gäste aufs Meer: Hier der Windpark, dort die Bohrinsel. Neue und alte Energie, direkt nebeneinander.