Photovoltaik und Windenergie lösten 2023 in den Regionen zehn Milliarden Euro an Wertschöpfungseffekten aus und brachten bundesweit 51.000 Menschen in Arbeit. Die unter Habeck beauftragte Studie wurde außergewöhnlich kommuniziert.
Die Studie „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien“ soll monatelang auf der BMWE-Internetseite, die nun zum Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gehört, gestanden haben, bevor sie in einem Webinar, unter Beteiligung eines Ex-Staatssekretärs ihres Vorgängers, von einem der Autoren näher vorgestellt wurde. Auf rund 200 Seiten der noch unter Robert Habeck initiierten Studie sprechen Zahlen und Prognosen davon, dass sich der Umstieg auf erneuerbare Energien für Wirtschaft und Menschen, zumal in eher strukturschwachen Regionen, weiterhin lohnt. Denn die in den Standortregionen ausgelösten und zum Teil über die Standortregionen hinaus wirksamen Wertschöpfungseffekte sollen von 2023 bis 2033 von etwa zehn Milliarden Euro auf fast 21 Milliarden Euro wachsen. Allerdings rechnet die Studie bei diesen Zahlen keine kursverändernden Ausbau-Bremsen ein.
„Bis 2033 steigen die bundesweit generierten, direkten Beschäftigungseffekte durch den EE-Anlagenzubau und -betrieb auf über 100.000 Vollzeitarbeitsplätze. Davon entfallen über 67.000 auf die Windenergieanlagen und circa 34.000 auf die Photovoltaik-Dach- und Freiflächenanlagen“, heißt es in der Studie, die mehrere Tausend Webinar-Teilnehmer am sonnigen 1. Mai-Vorabend an die Zoom- und Youtube-Bildschirme lockte. Im Einladungstext schrieben Sven Giegold und Maximilian Fries vom Veranstalter „Europe Calling“: „Die beauftragten Wirtschaftsforschungsinstitute IÖW, IW und Berlin-Institut haben einen Top-Job gemacht.“
Eine Chance für eher ländliche Regionen
Die Studie zeigt in wissenschaftlich-sachlicher Aufbereitung, dass der Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland bereits heute substanzielle regionale Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte erzeugt, und gibt Handlungsempfehlungen. Analysiert werden Windenergie (onshore), Photovoltaik-Dachanlagen und Photovoltaik-Freiflächenanlagen für alle 400 Landkreise und kreisfreien Städte auf Basis der Daten des Marktstammdatenregisters für das Jahr 2023 sowie qualitative Fallstudien aus fünf Kommunen.
„Europe Calling“-Erfinder Sven Giegold, der bis 2024 als Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und dort zuständig für Grundsatzfragen der Wirtschaftspolitik war, sagte beim Webinar, er habe von der Veröffentlichung der Studie „erst durch die öffentliche Debatte auf Linkedin“ erfahren. Üblich sei, dass ein Ministerium Studien aktiv kommuniziere. Dass dies hier ausblieb, bezeichnete der Vize-Chef der Grünen als „ungewöhnlich“. Diese Studie zu den Wertschöpfungseffekten und zu Beschäftigung durch erneuerbare Energien in den Regionen sei „direkter Ausfluss einer Arbeit, die wir im Ministerium damals bei Robert Habeck gemacht haben und die ich initiiert hatte“, sagte Giegold. „Die Leitfrage, die mich damals umtrieb, war: Wie können wir dafür sorgen, dass mehr von der Wertschöpfung aus den erneuerbaren Energien tatsächlich in den Regionen landet? Denn gerade die Erneuerbaren sind ja eine Chance für Regionen, die viel Fläche haben, aber vergleichsweise weniger Einwohnerinnen.“
Erneuerbare Energien böten hier „eine riesige Chance“, um wirtschaftliche Aktivität zu sichern und die im Grundgesetz verankerte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse zu stärken. Bislang fehlte jedoch eine belastbare Datengrundlage. Weder Politik noch Verwaltung konnten genau sagen, „wie viel Beschäftigung, wie viel Wertschöpfung in welcher Region in Deutschland eigentlich durch die Erneuerbaren erzielt“ werde. Ebenso unklar war, unter welchen Bedingungen diese Wertschöpfung tatsächlich vor Ort bleibt.
Klagen über auswärtige Betriebe
Die zunächst über soziale Netzwerke reichlich bekannt gewordene Studie auf der BMWE-Website verbindet volkswirtschaftliche Analysen mit Gesprächen in betroffenen Gemeinden und untersucht gezielt die Geling-Bedingungen regionaler Wertschöpfung. Damit liefert sie eine fundierte Grundlage für aktuelle energiepolitische Debatten: etwa zur Zukunft von Einspeisevergütungen, zu Eigentums- und Beteiligungsmodellen oder zum Vergleich von Aufdach-Photovoltaik und Freiflächenanlagen. „Wir wissen alle, dass es Klagen gibt, zum Beispiel von Bürgermeistern, zum Beispiel in Ostdeutschland, über Investoren, große Windparks, die von auswärtigen Investoren betrieben werden. Wo praktisch in diesen Regionen kaum etwas von der Wertschöpfung verbleibt“, sagte der Staatssekretär a. D. Die Politik habe darauf reagiert, etwa dadurch, dass Gewerbesteueranteile in den jeweiligen Regionen, wo produziert wird, auszuweisen sind. „Einige Bundesländer, wie mein eigenes, Brandenburg, aber auch Nordrhein-Westfalen, haben Beteiligungsgesetze gemacht, die einen lokalen Anteil an der Wertschöpfung garantieren. Aber es gibt auch viele andere Modelle.“
Genaue Informationen, wie es vor Ort mit Wertschöpfung und Beschäftigung aufgrund klimafreundlicher Energien aussieht, fehlten also, bevor die Studie beauftragt wurde. „Und deshalb ist es so spannend, was jetzt in dieser Studie steht“, betonte Giegold. Denn „offensichtlich“ passe das zu einer sehr aktuellen Diskussion. „Nämlich: Wie sollen die Erneuerbaren weiterentwickelt werden? Sollen weiter Aufdach-PV-Anlagen eine garantierte Einspeisevergütung bekommen? Oder soll das wegfallen, wie Katherina Reiche das derzeit ja angekündigt hat für die kleineren Anlagen?“
Die Studie definiert regionale Wertschöpfung als Summe aus Unternehmensgewinnen (nach Steuern), Einkommen der Beschäftigten sowie kommunalen Steuereinnahmen. Im minimalen regionalen Szenario für 2023 entfallen rund 28 Prozent der regionalen Wertschöpfung auf kommunale Steuereinnahmen, vor allem Gewerbesteuer, ein substanzieller Anteil auf Pachteinnahmen für Flächen sowie weitere Anteile auf lokale Installations- und Wartungsleistungen. Gerade diese Komponenten gelten laut Studie als besonders stabil und langfristig wirksam für kommunale Haushalte.
Die Regionalenergie-Studie zeigt außerdem: Wind treibt Wertschöpfung, Solar treibt Beschäftigung vor Ort. Wobei der aktuell in den politischen Planungen präferierte Freiflächen-Solar lediglich minimale lokale Effekte hat. Aufdach-Solar könnte bei weitergeführtem Ausbau bis 2033 12.800 Vollzeitjobs vor Ort bewirken, Photovoltaik auf Freiflächen hingegen nur 100 komplette Arbeitsplätze und Windenergie 7.700 Vollzeitarbeitsplätze. Vor allem in sehr dicht bebauten Städten wie Regensburg und Leipzig treibt Aufdach-Solar Beschäftigung. „Die Regionen in Bayern, die absolut hohe Freiflächen-PV-Ausbauzahlen haben, sind in der Grafik hier rot oder hellrot, und es gelingt ihnen häufig nicht, auch aufzuschließen zu dem Wertschöpfungspotenzial, das etwa durch die Windenergie möglich ist, auch im Süden“, kommentierte der Wirtschaftspolitiker live Auffälligkeiten der Studien-Präsentation.
Charakteristisch ist die regionale Verankerung, besonders bei kleinen Photovoltaik-Dachanlagen: Installation und Wartung von PV-Dachanlagen unter 100 Kilowatt werden überwiegend durch lokale Handwerksbetriebe erbracht. Deshalb entfallen in den regionalen Szenarien rund 75 Prozent der lokal verbleibenden Beschäftigungseffekte auf Photovoltaik-Dachanlagen. Der regional verbleibende Anteil an der Beschäftigung verdoppelt sich laut Studie bis 2033 gegenüber 2023 deutlich, vor allem durch den wachsenden Anlagenbestand im Betrieb. Die Studie hatte Redaktionsschluss im Juli 2025. Die Autoren wussten zu diesem Zeitpunkt also noch nichts von den im Frühjahr 2026 diskutierten Transformations-Änderungsplänen aus dem Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche. Änderungspläne, die trotz des für Klima und Beschäftigung wichtigen Potenzials der kleinen Photovoltaik-Dachanlagen, das die Studie aufzeigt, auch im Hitze-Sommer 2026 weitergetrieben werden und zu einem Wegfall der Einspeisevergütung für neue Anlagen im Januar 2027 führen sollen.
Wertschöpfung nach Bundesländern
Die Studie differenziert die regional verbleibende Wertschöpfung nach Bundesländern. Für 2023 zeigen sich deutliche Unterschiede, ausgehend vom Minimal-Szenario. Der Bericht identifiziert ein Nord-Süd-Gefälle bei der Windenergie, während Photovoltaik insbesondere in süddeutschen Regionen hohe regionale Effekte erzielt. Bayern kommt mit rund 594 Millionen Euro auf den höchsten regionalen Wertschöpfungsbetrag, dominiert durch Photovoltaik-Dachanlagen. Niedersachsen folgt mit rund 518 Millionen Euro, hier mit starkem Schwerpunkt auf Windenergie. Auch Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Brandenburg weisen jeweils mehrere Hundert Millionen Euro regional verbleibender Wertschöpfung auf. „Auf die Aufdach-PV kommt es für die regionale Wertschöpfung an, denn sie ist fast immer im Besitz regionalen Kapitals“, analysierte Sven Giegold im Nachgang der Präsentation. Beim Wind zähle ebenso, wem die Anlagen gehören. „Regionales Kapital könnte hier die regionale Wertschöpfung im Jahr 2033 von jährlich 3,6 Milliarden Euro auf 6,2 Milliarden Euro steigern. Das Potenzial bei Freiflächen-Solar liegt im Jahr 2033 „nur“ bei 0,7 Milliarden Euro jährlich, so Giegold.
Eine finanzielle Beteiligung ist besonders für strukturschwache Kommunen interessant. „Kommunen können Steuereinnahmen generieren, also wirklich auch substanziell. Gerade da, wo seit den Umbrüchen, seit den Neunzigern beispielsweise, auch viele Einnahmen weggefallen sind“, sagte Studienautor Dr. Steven Salecki.
„Bei den Rahmenbedingungen haben wir uns mehreren Aspekten gewidmet. Man kann gesetzliche und regulatorische Anpassungen vornehmen, zum Beispiel, um Eigentumsbeteiligung zu stärken.“ Das sei teilweise schon bei Landesbeteiligungsgesetzen so vorgesehen, dass Bürger und Bürgerinnen und Kommunen auch Beteiligungsangebote gemacht werden müssten seitens der Anlagenbetreiber.
„Kommunen in Haushaltsnotlage sollten die Möglichkeit bekommen, in Erneuerbare selbst zu investieren“, trug Giegold nach. „Bundesländer können wie in Niedersachsen und NRW verbindliche Regeln für die Beteiligung von Kommunen und Anwohnerinnen an neuen Erneuerbaren-Anlagen erlassen.“
Anhand von fünf Fallstudien – Dardesheim, Feldheim, Lichtenau, Wilstedt und Wunsiedel – zeigt die Studie, wie regionale Wertschöpfung praktisch realisiert wird. Gewerbesteuereinnahmen, Pachten, kommunale Beteiligungen und Bürgerenergie-Modelle ermöglichen Investitionen in Infrastruktur, Kitas, Schulen, Breitband und Daseinsvorsorge. In mehreren Gemeinden konnte der Ausbau erneuerbarer Energien zur Stabilisierung der kommunalen Finanzlage, Ansiedlung neuer Unternehmen und Verbesserung der Lebensverhältnisse beitragen. Die Studie dokumentiert außerdem positive Effekte auf Bevölkerungsentwicklung und Standortattraktivität.
Staatssekretär a. D. Giegold zog aus der vom früheren Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz beauftragten Studie das Fazit, dass strukturell benachteiligte Regionen von erneuerbaren Energien besonders profitieren. „In Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, NRW, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein sind die Regionen mit hoher Wertschöpfung im Jahr 2023 aus Erneuerbaren auch benachteiligte Regionen“, analysiert Giegold. Sie profitierten besonders und könnten Fördergelder aus der Regionalpolitik des Bundes, der EU und der Länder für ihre wirtschaftliche Zukunft einsetzen. „Erneuerbare tragen daher zur Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse bei“, so Giegold.
„Nach wie vor“ sei es bedauerlich, dass das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche diese wichtige Studie nicht öffentlich würdige, verlautbarte Giegold zwei Tage nach der Präsentation. „Nach wie vor“, Stand 2. Mai, stehe sie kommentarlos auf der BMWE-Webseite.