Der Thrihnukagigur auf Island bietet ein sehr seltenes Erlebnis: In geführten Touren können Abenteuerlustige in sein Innerstes hinabfahren.
Wir schreiben das Jahr 1863. Der Hamburger Geologe Professor Lidenbrock startet seine Expedition zum Snaefellsjökull (1448 Meter) in Island. Im Krater des nordwestlich von Reykjavik gelegenen Vulkans findet er den Eingang zu einer Höhle. Mit etlichen Gerätschaften im Schlepptau wie Ruhmkorffschen Lampen und Strickleitern seilt er sich schließlich ab, dringt in ungeahnte Tiefen vor und stößt im Innersten der Erde auf eine surreale Landschaft aus murmelnden Bächen, Meeren, Wäldern und Riesenpilzen.
Der Abstieg beziehungsweise „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ist Fiktion. Jules Verne hat die Geschichte geschrieben, die viele kennen. Vulkane geben ihr Innerstes nicht preis. Allenfalls in Form von Ausbrüchen. Bislang war das so. Seit ein paar Jahren ist das anders. Und erneut ist es Island, das von sich reden macht.
Der Vulkan ist nur 560 Meter hoch
Wir treffen uns im Bláfjöll (übersetzt: Blaue Berge), einem Skigebiet 20 Kilometer südöstlich von Reykjavik. Die Pisten sind aus Asche, rabenschwarz, das passt zum Anlass. Nebel trübt die Sicht. Dazu weht ein stürmischer Wind. Und dann gibt es noch jede Menge Regen, der uns ins Gesicht peitscht. Was ein Schietwetter! Ziel ist der Thrihnukagigur, ein Winzling von einem Vulkan, aber er hat es in sich. Auch der Weg zum Vulkan hat es in sich. Als wir endlich Kilometer an Lavageröll, sumpfigen Moosflächen und Erdspalten überwunden haben und das Basislager erreichen, sind die meisten aus unserem 15-köpfigen Expeditionstrupp klitschnass. Von wegen wasserresistente Top-Regenjacke, wie der Trekkingausrüster in Berlin meinte! Vom stechenden Charakter des isländischen Regens wusste er offensichtlich nichts.
„Ihr seid privilegiert“, betont Tourguide Thora, die im Nebenberuf Schauspielerin ist, „es ist pro Tag nur einer kleinen Gruppe vergönnt, den Vulkan zu sehen.“ Das ist richtig, aber auch jede Menge Marketing. Die Touren zum Thrihnukagigur gibt es seit 2012. Die Saison ist kurz, die Zahl der Teilnehmer begrenzt. „Nur 60 pro Tag“, fährt Thora fort, „werden von der Umweltbehörde zugelassen.“ Schlappe 560 Meter ist der Thrihnukagigur hoch. Aber mit einem bewegenden Innenleben. Árni B. Stefánsson, ein Arzt und Höhlenforscher, entdeckte die Öffnung im Krater bereits 1974. Er seilte sich ab in die finstere Tiefe und das, was er unten mit seiner Helmlampe sah, verschlug ihm die Sprache. Der Entdecker kehrte nach Reykjavik zurück und hütete sein Geheimnis.
Auf der Welt existieren unzählige Vulkane, es sind mehrere tausend, etliche befinden sich in den Ozeanen. Vulkanologen unterscheiden drei Typen: aktive, schlafende, erloschene. Als erloschen gilt, wer 10.000 Jahre nicht ausbrach. Aktive Vulkane gibt es auf der Erde in etwa 500 bis 600, sie können jederzeit ausbrechen. Diese Vulkane sind mit der Magmakammer in der Tiefe durch einen offenen Schlot verbunden. Der Ätna auf Sizilien wäre hier so ein Beispiel, der zwar bestiegen werden kann, dessen Krater aber Sperrgebiet ist. Der Großteil der Vulkane ist aber in der Regel dicht, was ausnahmslos für schlafende und erloschene Vulkane gilt. Nach einem Ausbruch brechen die Ausbruchszonen zusammen, bilden Krater, Maare, Lavadome, es gibt da viele Ausprägungen. Nichts verbindet mehr direkt mit dem Erdinneren. Allenfalls beflügeln Schwefeldämpfe wie auf dem Teide in Teneriffa menschliche Vorstellungen vom Eigenleben eines Feuerriesen. Mit dem Thrihnukagigur ist das anders. Eine Laune der Natur hat ihn bei dem Prozess des Dichtmachens vergessen. Zum Glück aller Neugierigen.
Im Basislager, früher waren es zwei schlichte Container, inzwischen besteht es aus einem formidablen Hausensemble, erhalten wir Kaffee und ein Lammsüppchen. Das wärmt und tut gut. Aber nur kurz, dann geht es wieder raus ins Nass. Einar Stefánsson, Bruder von Árni und einer der ersten Isländer, die den Mount Everest bestiegen, übernimmt die Gruppe. Ausgestattet mit Helm und Hüftgurt kämpfen wir uns in Fünfergruppen hoch zum Krater. Auf den letzten Metern demonstriert der Wind noch einmal seine gewaltige Kraft. „Vorsicht!“, ruft Einar und geht mir mit zupackendem Griff an die Wäsche, ehe mich eine Bö den steilen Abhang hinunterfegt. Geschafft! Nun befinden wir uns auf der Leeseite des Kraters. Vor uns das ovale Loch des Schlotes mit dem gelben Stahlträger, an dem der Kabellift, deutsches Fabrikat, an dünnen Seilen für die Fahrt in die Unterwelt hängt. Ein Gang noch über einen schmalen Steg, dann holt Páll die mit Karabinern Gesicherten zu sich in die Gondel. Auf geht’s und ab, 120 Meter in die Tiefe. Es empfiehlt sich, schwindelfrei zu sein.
„Ist es gefährlich in der Magmakammer? Kann der Vulkan explodieren?“, fragt eine junge Amerikanerin, während die Gondel Leine gibt. Páll kennt diese Fragen und hält ein Repertoire an Antworten parat. Die heutige lautet: „Er kann nicht nur, er wird explodieren, aber ihr habt noch etwas Zeit, heute wird es eher nicht passieren, aber irgendwann in den nächsten Tausend Jahren mit Sicherheit.“
Der Thrihnukagigur ist kein inaktiver, sondern nur ein schlafender Vulkan. Wie der Vesuv in Italien. Je länger der Schlaf, desto böser das Erwachen, lautet eine alte Vulkanologenweisheit. Insofern besteht für die Teilnehmer ein gewisses Restrisiko.
Ein Rußloch zeugt von Gasexplosion
Plötzlich knackt es, die Gondel hat den Grund erreicht. Wir steigen aus und schalten die Helmlampen an. Vor uns liegt sie, die Magmakammer, in ganzer Pracht. Und in vollendeter Stille. Nicht schwarz. Nicht grau. Voller Leuchtkraft. 3.500 Quadratmeter Farben. Felsen, Quarze in Schwefelgelb, Eisenrot, Bernstein und Gold. Basaltadern, weiß eingerahmt. Ein riesiges Rußloch an der Wand als Zeugnis einer Gasexplosion. Seitenkanäle mit steingewordenen Spuren fließenden Feuers. Als wäre das alles eben erst passiert. Und in diesem unterirdischen Raum: wir, gut ein Dutzend Menschen, überwältigt von den Dimensionen und den Kräften.
Der Begriff „Magmakammer“, wie ihn der Touranbieter „3H Travel“ wählt, ist eigentlich zu weit gefasst. Magmakammern befinden sich fünf bis 100 Kilometer unter der Erdoberfläche. Kein Mensch könnte zu ihnen vordringen. Im Prinzip handelt es sich beim Thrihnukagigur um den Teil eines Kamins, durch den Magma floss, das dann erkaltete und den Vulkan unterirdisch abschloss. Das ist sein Alleinstellungsmerkmal.
Die Tour hat ihren Preis. Schon damals, als es losging, war die Sache mit rund 230 Euro nicht eben billig. Inzwischen hat sich das einmalige Ereignis mit dem Thrihnukagigur rumgesprochen, ist zum „Must-have“ geworden, etwas, das bei Kennern auf keiner Bucket-List fehlen darf. Aktuell muss man – inklusive Abholung in Reykjavik – 55.000 isländische Kronen berappen, das sind rund 375 Euro. Ein hübsches Sümmchen! Das liegt nicht nur an der Geschäftstüchtigkeit der Isländer, sondern auch daran, dass Dinge wie Trinkwasser zum Basislager hochgeflogen werden müssen.
Apropos: Seit den ersten Touren hat sich einiges getan. Die Wege wurden ausgebaut, eine Brücke über eine imposante Lavahöhle gespannt, das Team vergrößert, Regenjacken für die Teilnehmer angeschafft – und teure Merchandisingartikel. Und wer es sich leisten kann, erspart sich das Rumgekraxel und lässt sich gleich per Helikopter zum Basislager fliegen. „Die Flüge kommen gut an“, behauptet Thora mit Blick auf die Bilanzen, dabei weiß sie genau, dass das Abenteuer Vulkan viel intensiver ist, wenn man sich den Weg dorthin erwandert.
Fairerweise muss man anmerken, dass der Zauber Islands so oder so ins Geld geht. Auch für eine andere berühmte Naturattraktion, die Blaue Lagune, muss man mittlerweile 120 Euro berappen. Es geht aber auch kostspieliger, je nachdem, welchen verzichtbaren Luxusprogrammpunkt man dazubucht. Weniger bekannt, aber ein ähnliches Vergnügen bereitet die Earth Lagoon Myvatn im Nordosten der Insel. Die Preise sind zwar mit Jahresbeginn 2026 auf 7.900 ISK (= 54 Euro) angestiegen, aber das ist nicht mal halb so viel wie der Eintritt in die Blaue Lagune. Dann gibt es auf Island noch das Tauchabenteuer dive.is. Tauchen in der Silfra-Spalte zwischen den Kontinentalplatten, in geothermisch aufgewärmtem, kristallklarem Wasser. Der Spaß für 30 bis 40 Minuten geht ab 230 Euro los, kann aber für einen privaten Tauchgang auch ein Vielfaches davon betragen.
Es wird zu weiteren Erdbeben kommen
Island ist und bleibt ein heißes Pflaster, ein Pulverfass, und das sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Erinnert sei an den Ausbruch des Hekla-Vulkans im Jahr 2000, den Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010, der aufgrund seiner immensen Aschewolke sogar den Flugverkehr in Mitteleuropa zum Erliegen brachte. Ende 2023 und erneut im Januar 2024 öffnete sich die Erde unweit der Blauen Lagune vor dem Örtchen Grindavik. Lavafontänen schossen aus dem Boden, Glut bohrte sich durch das Land, erfasste trotz eilig hochgezogener Erdwälle die Region, die Einwohner wurden evakuiert. Man kann das alles heute noch sehen. Vielerorts dampft es, Lava ist auf den Straßen zum Erliegen gekommen und erkaltet, gerade noch rechtzeitig, ehe sie die Blaue Lagune zu zermalmen drohte. Grindavik gleicht einer Geisterstadt. Nur einige wenige harren aus, geben ihr Eigenheim nicht auf. Der Großteil ist fort, wahrscheinlich für immer, die Vorhersagen der Seismologen sehen düster aus, es wird zu weiteren Erdbeben und Verwerfungen in der Gegend kommen.
Der Thrihnukagigur liegt genau an dieser Grabenbruchzone der Gemeinde Grindavikurbaer. Er bleibt ein Hotspot. Das schmälert seinen Reiz nicht, es potenziert ihn. Der US-Sender CNN zählt den Vulkan zu einem von 20 Reisezielen auf der Erde. An ihm hätte vermutlich auch Jules Verne seine Freude. Er liegt auf einem fantastischen, moos- und flechtenbedeckten Hochplateau, zusammen mit anderen kleinen Vulkanen. Wenn das Wetter einem dort mal nicht übel mitspielt, kann man das sehen. Ein wehmütiger Zauber geht von der weiten Landschaft aus, durch deren Mitte sich ein kleiner grauer Pfad schlängelt. Am Ende dieses Pfades erhebt sich der Thrihnukagigur. Aus der Ferne erinnert er, etwas Fantasie vorausgesetzt, an die Knickpyramide des Pharaos Snofru.