Beim Marathon-Weltrekord wird eine magische Schallmauer durchbrochen. Doch so historisch die Bestmarke auch sein mag: Sie wird nicht lange bestehen bleiben. Dafür will der neue Rekordmann selbst sorgen.
Dass Sabastian Sawe den Fabellauf in seinen Beinen hat, deutete sich schon länger an. Zum Beispiel beim Marathon 2025 in Berlin, als der Kenianer mit einer Weltjahresbestzeit zum Sieg gelaufen war. Das Besondere daran: An jenem 21. September war es schwül in der deutschen Hauptstadt und mit bis zu 25 Grad sehr warm. Solchen Bedingungen müssen selbst Ausnahmeläufer in der zweiten Rennhälfte Tribut zollen. Die Berliner Veranstalter nennen die Zeit bis heute einen „Warmwetter-Weltrekord“. „Ich freue mich einfach sehr, das war eine tolle Performance“, sagte Sawe damals: „Man kann natürlich nichts am Wetter ändern.“ Ein halbes Jahr später hatte er dagegen in London für einen Marathonläufer perfekte Bedingungen: 11 bis 14 Grad, kaum Wind, und die Sonne knallte nicht auf den Asphalt. Und Sawe holte das nach, was er schon in Berlin geplant hatte: Er griff den damaligen Weltrekord von Kelvin Kiptum an. Doch nicht nur er. Und so stand am Ende der 42,195 Kilometer ein Ergebnis, das in die Geschichtsbücher einging und weltweit für Schlagzeilen sorgte.
Sawe überquerte nach 1:59:30 Stunden als Erster die Ziellinie vor dem Buckingham Palace und war damit der erste Mensch, der die ikonische Laufstrecke in unter zwei Stunden bewältigte. Die Eilmeldungen der Medien darüber waren noch gar nicht gesendet, da knackte auch der zweite Läufer diese magische Marke, an der sich zuvor jahrelang die Besten die Zähne ausgebissen hatten: Yomif Kejelcha erreichte bei seinem Marathondebüt (!) nur elf Sekunden später und ebenfalls unter zwei Stunden das Ziel. Er wäre der große Sportheld gewesen – musste diese Rolle aber Sawe überlassen. Genau wie der drittplatzierte Jacob Kiplimo, der ebenfalls knapp unter dem alten Weltrekord (2:00:35 Stunden) von Kiptum lag. Der Kenianer kann bei der immer spektakulärer werdenden Weltrekord-Jagd nicht mehr zurückschlagen, im Februar 2024 kam Kiptum bei einem Autounfall ums Leben.
„Ich hatte nur einen Gedanken: im Schlussspurt alles für den Sieg zu geben“, sagte Sawe angesichts der großen Konkurrenz um diesen epischen und geschichtsträchtigen Sieg. Dass er nun plötzlich viel stärker im Rampenlicht steht und er sogar das Idol von Millionen Hobby-Läufern ist, damit muss der Kenianer erst noch lernen, umzugehen. „Ich gehe die Dinge normalerweise locker an, um mich nicht zu überfordern“, sagte Sawe: „So habe ich mein Leben bisher geführt.“ Doch sein Leben hat sich mit dem Triumph am 26. April ohne Zweifel verändert. Nahezu alle Medien wollten ein Interview mit dem Rekordmann, auch die Marathon-Events rissen sich um ihn. Umso stolzer verkündeten die Organisatoren des Berlin-Marathons jüngst: Der 31-Jährige kehrt am 27. September zurück – diesmal als Weltrekordler und Superstar. „Dass Sabastian sich bewusst für eine Rückkehr nach Berlin entschieden hat, ist eine große Auszeichnung für den weltweiten Stellenwert unserer Veranstaltung und die schnelle Strecke“, sagte Renndirektor Mark Milde: „Wenn am Renntag alle Bedingungen stimmen, das Wetter mitspielt und Sabastian in Topform an der Startlinie steht, ist vieles möglich.“
Unverkennbarer Trend
Auch ein neuer Weltrekord. Und den wird Sawe in knapp fünf Monaten auf den schnellen Straßen Berlins auch angehen wollen, denn: Dass seine eigene Bestmarke – so historisch sie auch sein mag – lange bestehen bleibt, daran glaubt Sawe nicht. Und deshalb will er nicht nachlassen und selbst derjenige sein, der den Marathon als erster Mensch in einer Stunde und 58 Minuten läuft. „Es ist nur eine Frage der Zeit“, meinte Sawe: „Wenn man sich gut auf ein Rennen vorbereitet hat, ist alles möglich.“ Dass sein Schützling absolut in der Lage ist, die Grenzen des Machbaren in dieser Disziplin weiter zu verschieben, daran hat Trainer Claudio Berardelli keine Zweifel. „Sabastian hat sein maximales Potenzial noch nicht ausgeschöpft“, sagte er: „Es war erst sein vierter Marathon.“
Es ist ein unverkennbarer Trend, dass Topläufer schon in ihren ersten Marathons Spitzenzeiten laufen. So war es schon bei Kiptum, so ist es auch bei Sawe und erst recht bei Kejelcha. Der Äthiopier lief bei seinem allerersten Lauf über 42,195 Kilometer auf Anhieb unter zwei Stunden. Ein Herantasten an Spitzenzeiten gibt es kaum noch. Frühere erfolgreiche Marathonläufer erwarben sich die Wettkampfhärte zunächst über viele Jahre auf der Tartanbahn. Eliud Kipchoge zum Beispiel wechselte erst im Alter von 28 Jahren als 5.000-Meter-Weltmeister auf die Straße und steigerte sich dort mit der Zeit. Doch da das große Geld im Marathon lockt, konzentrieren sich viele junge Top-Läufer schon sehr früh auf diese Strecke. Die Trainingsumfänge sind zudem im Vergleich zu früheren Jahren nochmals gestiegen. Sawe beispielsweise spulte nach eigenen Angaben zuletzt rund 240 Kilometer in der Woche ab. Auch in Sachen Ernährung und Regeneration machen die Athleten seit Jahren große Fortschritte.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist ohne Zweifel die Entwicklung bei den Laufschuhen. Der Adidas-Schuh, den Sawe bei seinem phänomenalen Lauf in London trug, erzeugte fast genauso viel Aufmerksamkeit wie der Athlet selbst. Alle wollten wissen: Was kann der Wunderschuh, wie teuer ist er? Durch den Einsatz von Carbon und einem speziellen Schaum sind die Schuhe heutzutage sehr weich und trotzdem stabil – und vor allem effizient. „Wir haben elf Prozent mehr Energy Return, also quasi elf Prozent mehr Energie, die der Schuh dem Athleten während des Rennens zurückgibt“, erklärte Direktorin Charlotte Heidmann von Adidas. Der Schuh ermüde zudem die Muskulatur etwas weniger als die Vorgängermodelle. Rund 100 Gramm wiegt der Adidas-Schuh von Sawe, er kostet aber auch rund 500 Euro – und hält nicht besonders lange. Dennoch werden viele Hobby-Läufer zuschlagen, so wie sie es auch bei Kiptums Nike-Modell „Alphafly Next% 3“ taten. Und die Ausrüster werden weiter tüfteln lassen und Millionen in die Entwicklung stecken, um den nächsten Weltrekord-Schuh gewinnbringend an den Mann oder die Frau zu bringen.
Dass aber Technik, Trainingsumfang und Talent die alleinigen Gründe für die rasante Entwicklung bei den Marathon-Weltrekorden sind, bezweifeln vor allem die Anti-Doping-Experten. Auch bei Sawe läuft der Zweifel mit. Auch, weil kenianische Läufer diesbezüglich in der Vergangenheit mehrfach negativ aufgefallen waren. Aktuell sind mehr als 140 Kenianer von der Athletics Integrity Unit (AIU), der zuständigen unabhängigen Kontrollinstanz des Leichtathletik-Weltverbands, gesperrt. Und einige von ihnen gehörten auch der Trainingsgruppe von Berardelli an, der auch Sawe coacht. Um den Verdacht loszuwerden, geht Sawe hier in die Offensive. „Doping ist ein Krebs geworden in meinem Land“, sagte er als eine Art Plädoyer für einen fairen Sport. Doch bei Worten soll es nicht bleiben, der Weltrekordler will auch aktiv für eine größere Glaubwürdigkeit eintreten. Er führte vor seinem Berlin-Marathon im Vorjahr ein Dopingkontrollprogramm ein, bei dem er sich binnen zwei Monaten 25 zusätzlichen Dopingkontrollen unterzog. Finanziert wurde das Projekt von Sponsor Adidas, der Medienberichten zufolge in diesem Jahr weitere 50.000 US-Dollar für ähnliche Zusatztests bereitstellen will. Sawe bestand alle Tests, bislang gibt es auch keinen erhärteten Verdacht, dass er mit unerlaubten Mitteln oder Methoden betrogen haben könnte.
Sawe benötigte Geduld und Ausdauer
Sawe kommt aus der ostafrikanischen Hochebene, die schon so viele Ausdauerwunder hervorgebracht hat. Sein Vater war Maisbauer, der Alltag der Familie war ein Überlebenskampf. Dennoch schickten ihn seine Eltern zur Schule, den zehnminütigen Schulweg lief er. Jeden Tag. Hin und zurück. Es war seine Großmutter, der das Talent des kleinen Sabastian als erstes auffiel. Sie ermutigte ihn, Rennen zu laufen, und begleitete ihn auch bei den ersten Wettbewerben. In Iten, der Hochburg des kenianischen Laufsports, schloss er sich einer Trainingsgruppe an – ohne zunächst groß aufzufallen. „Ich brauchte viel Geduld und Ausdauer“, sagte Sawe. Sein Aufstieg zum Weltrekordläufer war steinig. 2020 riss er sich eine Sehne, dann stand die Sportwelt wegen der Corona-Pandemie still, für Läufer wie ihn gab es keine Verdienstmöglichkeiten. Doch Sawe musste arbeiten und Geld verdienen. Dann vermittelte ihn sein Onkel Abraham Chepkirwok, ein früherer 800-Meter-Läufer, über andere Kontakte an den Trainer Berardelli, der in Kenia eine bekannte Laufschmiede leitet. Und der Italiener stellte schnell fest: Sawe könne „laufen, wie ich noch nicht viele habe laufen sehen“.
Dessen erstes größeres Rennen in Europa bestätigte den Eindruck des Trainers. Eigentlich hatte Sawe 2022 beim Halbmarathon in Sevilla nur den Tempomacher geben sollen, doch nach nicht einmal der Hälfte des Rennens war er allen anderen Teilnehmern weit enteilt. Aus der Erinnerung erzählte der Kenianer einmal, was ihm der Renndirektor auf dem Motorrad damals zugerufen habe: „Lauf einfach weiter!“ Und das tat er dann auch – und wie! Sawe erreichte in 59:02 Minuten das Ziel und pulverisierte den alten Streckenrekord. Hinterher klärte er auch auf, warum er sich nicht an den Tempomacherplan gehalten hatte: An jenem Tag habe er erfahren, dass seine Großmutter gestorben sei. Für sie wollte er unbedingt diesen Sieg holen. Auch deswegen ist Sawe für Trainer Berardelli „ein Geschenk“, wie er sagt: „Sabastian bringt alle Voraussetzungen mit, er hat ein unglaubliches Trainingsvermögen, ist mental stark und zugleich sehr bescheiden.“ Und er kann ausdauernd schnell laufen. „Ich kann nicht vorhersehen, was für Sabastian möglich sein wird“, sagte Berardelli, „aber ich freue mich darauf, es herauszufinden“. Die Marathon-Welt schaut gebannt zu.