Die deutsche Leichtathletik hat einen neuen Star: Hürdenläufer Emil Agyekum ist in der Weltspitze angekommen. Er gilt als Mentalitäts-Monster, das sein ganzes Potenzial noch nicht ausgeschöpft hat.
Deutschlands bester Hürdenläufer wird in seinem Sport nur „Emil“ gerufen. Doch Emil Nana Kwame Agyekum hat noch zwei weitere Vornamen, die anders als sein Rufname eine besondere Bedeutung besitzen. „Nana“ lässt sich mit „Prinz“ oder „König übersetzen“, und „Kwame“ bedeutet: „an einem Samstag geboren“. Auch das erinnert ihn, der in Berlin geboren ist und schon immer für Deutschland bei Leichtathletik-Wettbewerben an den Start ging, an seine afrikanischen Wurzeln. Obwohl er mehr als nur eine Heimat hat, fühlt er sich in manchen Momenten ein wenig heimatlos. „In Deutschland werde ich als schwarz angesehen, in Ghana bin ich der weiße Mann“, erzählte Agykum einmal: „Manchmal ist es schwer, sich dazugehörig zu fühlen.“ Der Sohn eines Deutschen und einer Ghanaerin vereint Eigenschaften beider Kulturen in sich, wie er selbst findet. „Ich würde schon sagen, dass ich von beiden Seiten etwas abbekommen habe. Und es so 50 zu 50 verteilt ist.“ Pünktlich zu sein, was allgemein hin als typisch deutsche Tugend erachtet wird, zählt seiner eigenen Aussage nach nicht dazu. Hartnäckig an einem Ziel auch gegen Widerstände zu arbeiten, dagegen schon. Und so hat sich Emil Agyekum über die Jahre zu einem der besten Hürdenläufer der Welt entwickelt – und die deutsche Leichtathletik freut sich über einen neuen Star und Sieg-Anwärter.
EM-Silber über 400 Meter
Bei den Europameisterschaften in Birmingham Mitte August holte Agyekum im Finale über 400 Meter Hürden die Silbermedaille. Geschlagen geben musste er sich lediglich dem norwegischen Weltrekordhalter Karsten Warholm. Unmittelbar nach dem bislang größten Erfolg seiner Karriere kündigte der 27-Jährige weitere Großtaten an: „Das ist einfach die Belohnung für die harte Arbeit, die man die letzten Jahre oder sein ganzes Leben lang schon in diesen Sport reingesteckt hat. Und ich denke, das war erst der Anfang.“ Er sollte Recht behalten. Rund drei Wochen später verbesserte er bei der Premiere des neuen Leichtathletik-Premium-Events „Ultimate Championship“ seinen eigenen Rekord auf seiner Paradestrecke um 35 Hundertstelsekunden auf 47,10 Sekunden. Angenehmer Nebeneffekt: Als Vierter strich Agyekum bei der hochdotierten Veranstaltung auch noch umgerechnet rund 21.500 Euro ein. Der finanzielle Anreiz, die Top-Bedingungen und größtmögliche Konkurrenz in Budapest hätten „den Charakter von einer WM“ gehabt, meinte Agyekum. Und auch er lieferte in WM-Form ab: Seine Zeit bedeutet Platz neun der ewigen Weltbestenliste – und das gelaufen auf der eher undankbaren Außenbahn neun. Aus Europa war lediglich Hürden-Star Warholm jemals schneller als der Mann vom SCC Berlin.
„Es liegt einfach am guten Training in den vergangenen Jahren. Das zeigt sich nun“, sagte Agyekum nach seinem letzten Rennen für das Jahr 2026: „So durfte ich am letzten Wettkampftag meiner Saison noch einmal die Früchte ernten.“ Er habe bis zur achten Hürde seinen 13er-Rhythmus durchziehen können, ohne viel auf die Konkurrenten zu achten. „Das hat sich so gut angefühlt wie noch nie. Auf der Zielgeraden habe ich dann noch einmal alles gegeben“, blickte er zurück. Mit der Zeit von 47,10 Sekunden sei er nun „endgültig in der Weltspitze angekommen“. Doch das allein reicht ihm nicht. Agyekum will mehr, er will die ganz Großen wie Warholm oder Budapest-Gewinner Alison dos Santos aus Brasilien in Zukunft noch stärker ärgern – und wenn möglich in großen Wettbewerben auch mal vor ihnen landen. „Ich habe noch kein Rennen gegen ihn gewonnen“, sagte Agyekum mit Blick auf das europäische Duell mit Warholm: „Vielleicht gelingt es mir später mal.“ Er wolle sich „konstant und stetig verbessern“, denn: „Mein eigener Anspruch ist sehr gestiegen.“ Es sei zwar schwierig, die deutsche Rekordzeit noch weiter nach unten zu schrauben, „aber da will ich hin“.
Ehe Agyekum auftauchte, schien der deutsche Uralt-Rekord auf der 400-Meter-Hürdenstrecke von Harald Schmid nahezu unantastbar. Schmid war im September 1982 in Athen 47,48 Sekunden gelaufen und hatte diese Zeit bei der WM 1987 in Rom noch mal bestätigt. Beim Diamond-League-Meeting in London war Agyekum dann um drei Hundertstelsekunden schneller gewesen und hatte Schmid als deutschen Rekordhalter abgelöst. Schon damals war das für Agyekum die Bestätigung der eigenen Topform: „Ich bin super drauf, hab‘ ein neues Level erreicht.“ Mitverantwortlich dafür ist auch ein teaminterner Konkurrent: Owe Fischer-Breiholz, der bei der EM in diesem Jahr als Fünfter ebenfalls überzeugte, gehört der Trainingsgruppe in Frankfurt am Main an, in der der für Berlin startende Agyekum seit ein paar Jahren trainiert. Konkurrenz stachelt an – oder wie Agyekum es ausdrückt: „Eisen härtet Eisen.“
Ortswechsel brachte Erfolg
Den Umzug nach Frankfurt hatte Volker Beck forciert. Der Olympiasieger von 1980 über 400 Meter Hürden ist jetzt Trainer, und er erkannte schon früh das große Talent von Agyekum für diese Disziplin. Vor vier Jahren saß er deswegen auf dem Sofa der Familie in Berlin und versuchte, ihr die Vorteile einer Trainingsarbeit in Frankfurt schmackhaft zu machen. Er prophezeite schon damals, dass Agyekum in dem Fall der schnellste deutsche Hürdenläufer werden würde. „Es tut natürlich der eigenen Glaubwürdigkeit gut, wenn Vorhersagen wahr werden. Ich freue mich riesig für Emil und seine Familie“, sagte Beck der „Welt am Sonntag“. Das Talent war schon beim damaligen Gespräch unbestritten, doch für den Feinschliff des Rohdiamanten musste der Ortswechsel her. Raus aus der Komfortzone in Berlin, rein in den härteren Trainingsalltag in Frankfurt. „Ich habe meine Familie und Freunde zurückgelassen und mich der wahrscheinlich stärksten Trainingsgruppe in Deutschland angeschlossen, um meinen Traum zu verwirklichen“, sagte Agyekum. Sein rückblickendes Fazit lässt keine Zweifel zu: „Das war eine der besten Entscheidungen in meinem Leben.“ Und auch eine gute für die deutsche Leichtathletik.
„Dass Emil diese Herausforderung annahm“, sagte Beck, „spricht für ihn und seinen eisernen Ehrgeiz“. Neben Fischer-Breiholz musste sich der Berliner unter anderem auch mit dem früheren WM-Achten Joshua Abuaku und dem Olympia-Halbfinalisten Luke Campbell messen. Und das jeden Tag, in jeder Einheit, zu allen möglichen Bedingungen. Agyekum, der erst im Alter von 15 Jahren seine erste Stadionrunde mit zehn Hürden gelaufen war, gewöhnte sich schnell an dieses Leistungsniveau und das neue Umfeld. Er gilt zwar nach wie vor nicht als Trainings-Weltmeister, doch er saugt vor allem die technischen und taktischen Hinweise seiner Trainer und auch Teamkollegen wie ein Schwamm auf. Früher sei er stets mit höchster Geschwindigkeit die Rennen angegangen, „jetzt habe ich viel mehr Kontrolle und weiß, wie wichtig der Rhythmus ist“, erklärte der deutsche Rekordhalter. Beck bestätigte, dass der deutsche Meister „ein ganz neues Bewusstsein für das Tempo über die 400 Meter Hürden entwickelt“ habe. Überrascht hat ihn das nicht. „Emil ist ein Gefühlsmensch, der intensiv in sich hineinhorcht, der seinen Körper bestens kennt“, sagte der 70-jährige Beck. Ein Grund dafür ist auch das Mentaltraining, das der Vizeeuropameister verstärkt vornimmt. Seine Freundin, die Hammerwerferin Nova Kienast, habe ihm „sehr geholfen“, verriet er, „wie ich mental an Wettkämpfe herangehe. Sie hat mir Tipps und Tricks gezeigt. Daran werde ich weiterhin arbeiten.“
„Ich brauche den Druck“
Dazu passt auch: Agyekum studiert neben dem Sport an einer Fern-Uni im Bereich „Life Coaching“. Mental wirkt er extrem gefestigt. Beck bezeichnete dessen Wettkampfhärte als größtes Qualitätsmerkmal: „Er braucht den Druck, er braucht das Adrenalin, er braucht eine begeisternde Atmosphäre, um seine Fähigkeiten nicht nur auszuschöpfen, sondern auch über seine Grenzen hinauszugehen“, sagte der Trainer: „Darin ist er absolute Klasse.“ Agyekum bestätigt diese Einschätzung: „Ich brauche die Herausforderung, den Druck und die Konkurrenz, um richtig zu performen. Erst dann bin ich in der Lage, mein volles Potenzial zu entfalten und meine Grenzen zu überschreiten.“ Vor ein paar Jahren war diese Entwicklung überhaupt nicht absehbar gewesen, im U20-Bereich, als er vom Hürdensprint zum Hürdenlauf wechselte, hätte er sogar fast mit der Leichtathletik aufgehört. „Ich fand es langweilig. Andere Dinge interessierten mich mehr“, erinnerte er sich. Seine Eltern überzeugten ihn schließlich vom Weitermachen.
Jetzt ist ihr Sohn Weltklasse. Aber reicht es auch für den Sprung nach ganz, ganz oben? Für Gold bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen? Für den Weltrekord? Den hält sein Dauer-Rivale Warholm, den er bislang noch nie schlagen konnte. Agyekums Bestzeit ist noch 1,16 Sekunden vom Weltrekord entfernt. „Das ist eine ordentliche Hausnummer“, sagte der Deutsche. Aber dieser extremen Herausforderung stellt er sich nur zu gerne. „Das ist super motivierend und bringt meine Disziplin voran. Für mich persönlich sehe ich kein Limit. Es geht immer weiter.“ In Sachen Grundschnelligkeit habe Agyekum noch Reserven, ebenso bei der Hürdentechnik, meinte Beck. Und Warholm scheint seinen persönlichen Leistungszenit bereits überschritten zu haben.
Klar ist: Der Sport ist für Agyekum längst zur wahren Heimat geworden. Hier ist es in der Regel egal, wo man herkommt und welche Hautfarbe man hat. Sondern nur, wie gut man ist. Und Emil Nana Kwame Agyekum ist gerade richtig gut – und könnte in den kommenden Jahren sogar noch besser werden.