Ärztin Arabella Barkawi aus Hamburg begeistert bei Instagram über 100.000 Menschen mit Skincare- und Haarpflegetipps. Im Interview verrät sie, warum sie Double Cleansing empfiehlt, welche Inhaltsstoffe die Hautbarriere stärken und wie sie ihren eigenen Haarausfall in den Griff bekommen hat.
Liebe Frau Barkawi, was waren für Sie die Errungenschaften der Dermatologie in den vergangenen Jahren? Gibt es zum Beispiel besonders wichtige Forschungsergebnisse oder neue, revolutionäre Behandlungen?
Die größte „Errungenschaft“ ist der Wandel in der Denkweise, was minimalinvasive Eingriffe betrifft. Wir entfernen uns zunehmend von rein volumengebenden Ansätzen wie Hyaluronsäure und fokussieren uns stärker darauf, die Hautqualität an sich zu verbessern, indem zum Beispiel der Kollagenaufbau stimuliert wird. Das hat die ästhetische Dermatologie nachhaltig verändert. Die regenerative Medizin boomt.
In diesem Zusammenhang sind auch die Polynukleotide zu nennen. Es handelt sich um DNA-Fragmente, die aus Lachs gewonnen werden und in die Haut injiziert werden, etwa im Bereich der Augenpartie. Ziel ist es, die Hautstruktur dadurch langfristig zu verbessern.
Im Bereich Hautpflege bleiben Retinoide, Sonnenschutz und Antioxidanzien weiterhin die evidenzbasierte Grundlage und sind nach wie vor führend.
Aktuell stellen Exosomen ein spannendes Forschungsfeld dar. Zwar fehlt es bislang noch an hochwertigen Studien, dennoch gibt es großes wissenschaftliches Potenzial.
Sie haben bei Instagram über Ihren Haarausfall berichtet. Wissen Sie, woher der Haarausfall kam? Und wie gelang es, ihn in den Griff zu bekommen?
Der Haarausfall war in meinem Fall multifaktoriell bedingt. Zum einen lag ein Vitamin-D-Mangel vor, und auch der Eisenspeicherwert war nicht hoch genug. Hinzu kam viel Stress.
Der weibliche Körper kann sehr lange durchhalten und vieles kompensieren, reagiert aber sehr sensibel auf Stress. Seit Juli vorigen Jahres verlor ich etwa 200 Haare am Tag. Da ich seit fünf Jahren in der Dermatologie als Ärztin tätig bin, wusste ich, was zu tun ist. Ich habe als Erstes meine Ernährung umgestellt und angefangen, deutlich proteinreicher zu essen. Insbesondere Avocado, Ei, Linsen und rotes Fleisch habe ich vermehrt gegessen. Eine ausreichende Menge an Protein ist enorm wichtig bei Haarausfall: für die Keratinbildung. Natürlich habe ich parallel Vitamin D substituiert. Aktuell verliere ich nur noch etwa 50 Haare am Tag, was im normalen Bereich liegt.
Haben Sie auch Mittel wie Minoxidil gegen Haarausfall ausprobiert?
Ja, ich habe Minoxidil ergänzend verwendet. Zu Beginn kam es zu einer Verstärkung des Haarausfalls. Das ist allerdings eine mir bekannte Nebenwirkung, die sich im Laufe der ersten Wochen gelegt hat. Minoxidil lässt die Haare nicht mehr werden, aber die Haarwurzel wird besser mit Blut versorgt, was das Haar dicker macht. Unterstützend ist das in meinem Fall sehr hilfreich gewesen.
Was empfehlen Sie zur täglichen Hautreinigung und -pflege?
Das lässt sich pauschal nie ganz genau beantworten, da es immer vom Hauttyp abhängt und ich Hautpflege sehr individuell an die Person anpasse. Grundsätzlich ist es wichtig, ein Reinigungsprodukt, eine Feuchtigkeitspflege und einen Sonnenschutz zu verwenden.
Muss gute Haut- und Haarpflege teuer sein?
Sie muss nicht teuer sein. Es kommt auf die Inhaltsstoffe an. Allerdings gibt es einzelne Gruppen, bei denen es sich lohnt, etwas mehr auszugeben. Ein Beispiel dafür ist Vitamin C. Man bezahlt für eine hochwertige, lichtundurchlässige Verpackung und für die Formulierung. Vitamin C ist lichtempfindlich und oxidiert schnell. Hier lohnt es sich tatsächlich, in ein hochwertiges Produkt zu investieren.
Warum sollte man Haut und Haare Ihrer Meinung nach unbedingt zweimal waschen?
Wir befinden uns im Zeitalter von Sonnenschutz. Dieser muss am Abend adäquat abgewaschen werden und hierzu empfehle ich Double-Cleansing. Das Gleiche gilt für Make-up. Abgesehen von den Umweltschadstoffen, mit denen man nicht ins Bett gehen sollte.
Bezüglich der Haare liegt das an den Pilzen, die wir physiologischerweise auf der Kopfhaut haben. Diese vermehren sich schnell, deswegen leiden so viele Menschen an fettigen Haaren und Schuppen. Die Kopfhaut und die Haare werden bei einem Waschgang nicht ganz sauber. Daher sind zwei Waschgänge meines Erachtens nach unerlässlich.
Wie sollte die Reinigung und Pflege bei Neurodermitis aussehen?
Da bei Neurodermitis eine Störung der Hautbarriere vorliegt, sollte diese geschont werden. Das erreicht man insbesondere mit einem milden Reinigungsschaum und einer Pflege, die Inhaltsstoffe wie Ectoin, Glycerin, Ceramide, Hyaluronsäure enthält. Das sind Inhaltsstoffe, die die Haut mit Feuchtigkeit versorgen und die Barriere stärken. Dadurch wird verhindert, dass Allergene die Hautbarriere passieren.
Wie sollte man stark fettende Haut mit Unreinheiten behandeln?
Man sollte die Haut abends immer sehr gut reinigen und auch an das Abschminken denken. Außerdem sollte die Haut regelmäßig gepeelt werden, um die Poren frei zu halten. Das funktioniert zum Beispiel mit Salizylsäure oder auch mit Glykolsäure. Eine Feuchtigkeitspflege im Sinne eines Fluids empfehle ich auch, da die Haut sonst zu stark ausgetrocknet wird.
Sollte man die Haut im Sommer anders pflegen als im Winter?
Die Haut reagiert sehr sensibel auf Temperaturschwankungen. Im Sommer setzen viele automatisch auf leichte Texturen. Außerdem sollte man zumindest den Sommer über einen Sonnenschutz in die Routine integrieren. Im Winter hingegen sollte die Hautbarriere gestärkt werden mit reichhaltigeren Formulierungen. Der Fokus liegt im Winter klar auf Feuchtigkeit.
In den Regalen finden sich auch dieses Jahr wieder unzählige Sonnenschutz-Produkte. Bevorzugen Sie persönlich Sonnencreme mit chemischen oder mit mineralischen Filtern?
Welche Art von Filtern man bevorzugt, ist eine persönliche Entscheidung. Ich greife lieber zu den chemischen Filtern, da diese auf Fotos weniger weißeln als die mineralischen Filter und ich das Hautgefühl lieber mag. Sonnenschutzprodukte mit chemischen Filtern haben außerdem in der Regel eine leichtere Konsistenz.
Mineralische (physikalische) Filter wie Zinkoxid und Titandioxid sind hingegen besonders gut verträglich und eignen sich bei empfindlicher Haut und Rosazea. Entscheidend ist nicht die Filterart, sondern das regelmäßige Anwenden und die ausreichende Menge, um den angezeigten Schutz zu erreichen.
Wie wendet man Sonnencreme richtig an – sollte man zum Beispiel eine Einwirkzeit beachten, bevor man raus in die Sonne oder ins Wasser geht?
Sonnenschutz sollte immer der letzte Schritt der Hautpflege sein. Eine Einwirkzeit ist in der Regel nicht notwendig. Im Urlaub sollte man allerdings darauf achten, häufiger nachzucremen, da sich der Sonnenschutz schnell abwäscht. Viele vergessen das und bekommen daher häufiger einen Sonnenbrand.
Wie kann man im Sommer Haut und Haare vor Austrocknung und die Haarfarbe vor dem Verblassen schützen?
Für die Haut gilt: Eine intakte Hautbarriere ist entscheidend. Milde Reinigung, feuchtigkeitsspendende Inhaltsstoffe wie Glycerin oder Hyaluronsäure sowie barrierestärkende Lipide helfen, den Feuchtigkeitsverlust zu minimieren. Täglicher Sonnenschutz ist essenziell, da UV-Strahlung nicht nur die Hautalterung beschleunigt, sondern auch die Haut austrocknet.
Bei den Haaren spielt neben UV-Strahlung vor allem Wasser eine große Rolle – insbesondere Salz- und Chlorwasser können das Haar stark austrocknen und die Farbe schneller verblassen lassen. UV-Filter in Haarprodukten, das Tragen von Hüten sowie das Ausspülen der Haare mit klarem Wasser nach dem Schwimmen können hier effektiv vorbeugen.
Koloriertes Haar profitiert zusätzlich von sulfatarmen Shampoos, reduzierter Hitzebelastung (zum Beispiel durch Föhnen oder Glätten) und pflegenden Leave-in-Produkten, die die Schuppenschicht glätten und so den Farbverlust verlangsamen.
Was ist wichtiger für einen schönen Teint – gute Ernährung oder ein gutes Pflegeprogramm?
Die Kombination aus beidem. Aber ich würde sagen, dass die Ernährung noch wichtiger ist. Ich sehe es Menschen an, wenn sie sich schlecht ernähren oder einen schlechten Lebensstil haben. Die Haut spiegelt das wider.
Können Seren und Cremes die Hautalterung wirklich minimieren oder geht es da eher um ein kurzfristiges Aufpimpen der Haut, das schnell wieder nachlässt?
Retinal und Retinol sind Inhaltsstoffe, die Falten nachweislich minimieren. Bei regelmäßiger Anwendung ist es kein kurzfristiger Effekt.
Welche Wirkstoffe haben für Sie persönlich die besten Eigenschaften, auf welche setzen Sie täglich und warum?
Ich persönlich setze vor allem auf Inhaltsstoffe, die meine Hautbarriere stärken. Ich bekomme schnell Unreinheiten, wenn meine Haut austrocknet oder überreizt ist. Daher verwende ich sehr gern Seren, die zum Beispiel Ectoin und Panthenol enthalten. Außerdem verwende ich jeden dritten Tag Azelainsäure, die eine Verstopfung der Poren verhindert. Ansonsten ist noch der Sonnenschutz zu erwähnen. Dieser gehört zu meiner täglichen Routine wie das Zähneputzen.
Können Sie Tipps für tolle sommerliche Make-ups geben?
Ein gelungenes Make-up beginnt mit der richtigen Vorbereitung der Haut. Eine gut hydratisierte Haut ist die beste Basis für die Foundation. Das Make-up sollte in dünnen Schichten aufgetragen werden.
Bei öliger Haut empfehle ich eine Grundierung auf Wasserbasis. Das erkennt man daran, dass der erste Inhaltsstoff der Foundation Wasser beziehungsweise Aqua ist. Durch die dünnen Schichten bleibt das Ergebnis natürlich und fühlt sich gerade im Sommer nicht schwer auf der Haut an. Ein frischer Blush im oberen Wangenbereich und auf dem Nasenrücken lässt die Haut lebendig und „sonnengeküsst“ wirken. Koralltöne imitieren dabei besonders die natürliche Röte der Haut. Für die Augen empfehle ich natürliche Brauntöne auf den Augenlidern. Diese passen zu jeder Augenfarbe und sehen gerade im Sommer sehr schön aus. Dazu eine schöne Mascara, die die Wimpern betont.
Auf den Lippen ein Lipliner, der minimal dunkler ist als der eigene Lippenton, und ein Lipgloss als Finish sieht gerade im Sommer sehr ästhetisch aus.
Welche Irrtümer rund um Haut und Haar würden Sie gern richtigstellen?
Bezüglich der Haare ist der größte Irrtum meines Erachtens, dass man die Kopfhaut selten waschen sollte. Der Talg auf unserer Kopfhaut beschwert das Haar und die Hormone im Talg wirken auf den Haarfollikel und können Haarausfall fördern.
Bezüglich Hautpflege halte ich sehr wenig von einer täglichen Anwendung von Retinol und Peelings. Langfristig zerstört man damit die Hautbarriere.
Welche „Tipps“ aus Social Media schaden eher der Haut?
Da gibt es viele. Ich halte aber die Solarium-Empfehlung bei unreiner Haut für besonders gefährlich, da sich sehr viele pubertierende Teenager leichtsinnig in das Solarium begeben. Es bedarf meines Erachtens deutlich strengerer Regeln und mehr Aufklärung, da das langfristig das Risiko für schwarzen Hautkrebs stark erhöht.