Angreifer Nick Woltemade startet mit einem Kopfballtor und eigenen Sprechchören in sein England-Abenteuer – doch der Druck auf den teuersten Einkauf der Clubgeschichte bleibt spürbar.
Es war ein Einstand, wie er im Drehbuch nicht besser hätte stehen können. Flanke von rechts, ein wuchtiger Kopfball – Tor. Nick Woltemade, 23 Jahre jung, deutscher Nationalspieler, erzielt im ersten Spiel für Newcastle United das entscheidende 1:0 gegen die Wolverhampton Wanderers. Die Fans im St. James’ Park rasten aus, besingen den Stürmer bereits mit einem eigenen Sprechgesang. Und der „riesige Deutsche“, wie ihn die englische Presse begeistert nennt, lächelt inmitten all der Euphorie und sagt: „Ich mag es. In Deutschland ist die Fankultur anders. Hier seinen eigenen Song zu bekommen, ist wirklich schön.“
Trainer lobt die Spielintelligenz
Dabei war der Druck auf Woltemade vor dem Premier-League-Debüt keineswegs gering. Für eine Ablösesumme von bis zu 90 Millionen Euro war er Ende August vom VfB Stuttgart nach Newcastle gewechselt – der teuerste Einkauf der Clubgeschichte. Dass der 1,98-Meter-Mann in England kaum bekannt war, sorgte für Skepsis. Warum so viel Geld für einen Spieler, der gerade erst in der Bundesliga Fuß gefasst hatte? Die Antwort gab Woltemade selbst – auf dem Rasen, nach 29 Minuten, mit dem Kopf.
„Ich sah, dass der Ball perfekt kommt, und dann habe ich einfach meine Augen geschlossen und ihn reingeköpft“, schilderte Woltemade später den Moment. Dass das Kopfballspiel nicht zu seinen größten Stärken zählt, macht die Szene nur eindrucksvoller. „Ich habe ein Tor geschossen, wir haben das Spiel gewonnen – es kann nicht besser sein. Ich bin sehr glücklich“, sagte er nach der Partie. Standing Ovations bei der Auswechslung nach 65 Minuten inklusive.
Dass Woltemade nicht durch Wucht, sondern durch Spielintelligenz und Technik überzeugt, ist längst bekannt. „Woltemessi“ wurde er in Stuttgart genannt –
eine Mischung aus augenzwinkerndem Spitznamen und Anerkennung für seine außergewöhnliche Ballbehandlung. Auch Newcastle-Coach Eddie Howe hob nach dem Debüt hervor: „Man hat seine Spielintelligenz gesehen. Aber was für einen Stürmer am wichtigsten ist: Wenn der Ball in den Strafraum kommt, muss man da sein – und das war er.“
Der Start verlief also perfekt. Doch auf dem Weg zu einer echten Premier-League-Karriere warten nun andere Herausforderungen. Die Intensität der Liga, die Physis der Gegner, der Erwartungsdruck – und das neue Leben abseits des Platzes. „Die Premier League ist ziemlich hart“, gestand Woltemade. „Ich musste raus, weil ich Krämpfe hatte.“
Dass er sich dennoch sofort wohlfühlt, liegt nicht nur am Erfolg auf dem Platz. „Es ist ein schönes Gefühl. Ich fühle mich schon jetzt sehr willkommen hier. Ich habe noch niemanden getroffen, der nicht freundlich und hilfsbereit war“, sagte er der „Sport Bild“. Seinen Alltag gestaltet er nicht allein: Gemeinsam mit einem seiner besten Freunde hat er eine WG gegründet – in einem Haus wenige Kilometer außerhalb der Stadt, etwa 30 Minuten vom Trainingszentrum entfernt. „Einer von ihnen zieht auch fest bei mir ein. Wir sind sehr gute Kumpels und haben immer aus Spaß gesagt: Wenn ich mal ins Ausland wechsele, dann gehen wir da zusammen hin.“
Schwacher Auftritt im DFB-Dress
Der Wechsel nach Newcastle war für viele Beobachter eine Überraschung. Lange hatte auch der FC Bayern München Interesse gezeigt, selbst Ehrenpräsident Uli Hoeneß hatte mit Woltemade gesprochen. „Die Gespräche mit ihm waren angenehm, er hat mir ein sehr gutes Gefühl gegeben“, erinnerte sich der Angreifer. Doch letztlich überzeugte ihn das Konzept von Newcastle. Teammanager Eddie Howe habe ihm „sofort einen klaren Plan und einen Weg aufgezeigt. Die Leute haben Bock, mit mir hier zu arbeiten.“
Rückblickend war der Wechsel das Ergebnis einer langen, zum Teil öffentlichen Hängepartie. Zwischen Stuttgart und Bayern wurden sogar E-Mail-Verläufe publik, Berater Danny Bachmann übte öffentlich Kritik an der VfB-Vereinsführung. Es war ein „Theater“, wie es DFB-Sportdirektor Rudi Völler nannte – und ein Teil jenes „Gesamtpakets“, das Woltemade aktuell noch beschäftigt. „Ihn belastet das Gesamtpaket. Diese große Summe, das Theater um den Abgang – das spielt alles da rein“, sagte Völler im Podcast „Spielmacher“.
Auch auf dem Platz bekam Woltemade diesen Druck zuletzt zu spüren. Nach einem schwachen Auftritt im DFB-Dress gegen Nordirland wurde er von Teilen des Kölner Publikums ausgepfiffen. Völler nahm ihn in Schutz: „Dass Nick Woltemade bei seiner Auswechslung ausgepfiffen wird, finde ich nicht richtig. Das ist der falsche Weg. Damit ziehst du einen Spieler noch weiter runter.“
Dabei ist der Stürmer längst nicht am Ende seiner Entwicklung. Völler lobt ihn als „wunderbaren Kicker“, betont aber auch, dass er „noch kein kompletter Spieler“ sei. Im Kopfballspiel und in der Physis habe Woltemade Luft nach oben. „Gerade in der Premier League muss er da zulegen“, sagte Völler – und glaubt: „Er wird das mitnehmen und sich weiter verbessern – nicht nur sein Englisch.“
Auch sein sportlicher Sommer spricht eine deutliche Sprache: Bei der U21-Europameisterschaft zählte Woltemade zu den herausragenden Spielern im deutschen Team. Er war nicht nur Torschützenkönig der DFB-Auswahl, sondern überzeugte auch mit Übersicht, technischer Stärke und einem ausgeprägten Gefühl für Räume. In mehreren Spielen war er der offensive Fixpunkt und bereitete nicht nur Tore vor, sondern zog auch gegnerische Abwehrreihen auseinander. Dass Deutschland es bis ins Finale schaffte, war nicht zuletzt sein Verdienst. Dort allerdings unterlag die Mannschaft Spanien knapp – ein Dämpfer in einem ansonsten starken Turnier.
„Ein Leben nach Isak“
Aus diesem Auftritt nahm Woltemade nicht nur Selbstvertrauen mit, sondern auch internationale Aufmerksamkeit. Englische Scouts hatten ihn bei der EM genau beobachtet, und Newcastle entschied sich frühzeitig, den Angreifer langfristig zu binden. „Die U21-EM war ein wichtiger Moment für mich“, sagte er rückblickend. „Ich habe gespürt, dass ich auf diesem Niveau mithalten kann – und das hat mir den Mut gegeben, den nächsten Schritt zu gehen.“ Woltemades Leistung im Trikot der U21-Nationalmannschaft war dabei auch eine Art Korrektiv zu seiner wechselhaften Saison beim VfB Stuttgart. Dort spielte er phasenweise stark, wurde aber auch immer wieder durch kleinere Verletzungen und taktische Umstellungen ausgebremst – zudem wurde er nicht mal für den Champions-League-Kader der Stuttgarter nominiert. Das ist nun in Newcastle definitiv anders. Die sportliche Perspektive in Newcastle scheint dafür günstig. Nach dem Abgang von Alexander Isak, der für 145 Millionen Euro zum FC Liverpool wechselte, ist Woltemade der neue Hoffnungsträger in der Sturmspitze. Die „BBC“ schrieb nach dem Debüt: „Woltemade zeigt Newcastle, dass es ein Leben nach Isak gibt.“
Auch die englischen Boulevardmedien schlugen enthusiastische Töne an. „The Sun“ kürte ihn zum „Helden von Newcastle“. Die „Daily Mail“ verglich ihn mit einem Berliner DJ, der „seinen eigenen Soundtrack scratcht“. Und wer ihn beim Warmmachen mit seinem lockeren Gang und der wehenden „Kraut-Frisur“ beobachtete, verstand sofort, warum ein Journalist ihn „Rudi Völler auf Stelzen“ nannte.
Dabei ist sein Premier-League-Tor alles andere als ein Zufall. Nach Angaben von Opta ist Woltemade erst der dritte deutsche Spieler nach Jürgen Klinsmann und İlkay Gündoğan, dem bei seinem Debüt in Englands Eliteklasse ein Treffer gelingt. Das verpflichtet – und weckt Hoffnungen. „Ich will mich an diese Liga gewöhnen“, sagte er. „Das wird hart, aber ich freue mich darauf und mache weiter.“
Der neue Klang in Newcastle hat einen Namen – und seine eigene Melodie. Ob er nachhaltig bleibt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Doch für den Moment genügt ein Sprechgesang auf den Tribünen von St. James’ Park, um zu erkennen: Nick Woltemade ist angekommen. Und die Premier League hört genau hin.