Auf Urs Fischer prasselte bei der Rückkehr in die Alte Försterei viel ein. Mit dem Rummel um seine Person kann er aber besser leben als mit der verpassten Siegchance bei Ex-Club Union Berlin.
Der Ärger über den knapp verpassten Sieg bei seiner emotionalen Rückkehr an die alte Wirkungsstätte war bei Urs Fischer schnell verraucht. Nach dem Schlusspfiff feierten die Berliner Fans Unions ehemaligen Erfolgstrainer mit viel Beifall und „Fußballgott“-Sprechchören. „Es war wirklich ein tolles Wiedersehen“, sagte Fischer. Für den stoischen Schweizer war das eine fast schon euphorische Reaktion auf all das, was rund um das Auswärtsspiel seines neuen Arbeitgebers FSV Mainz 05 in der Alten Försterei passierte. Fischer schüttelte viele Hände, er sprach mit vielen Leuten und sah alle Kameras auf seine Person gerichtet – dabei liebt er das Rampenlicht genauso sehr wie Niederlagen. Nämlich überhaupt nicht. Vor und nach dem 2:2 der Mainzer in Berlin-Köpenick drehte sich fast alles um ihn. „Aber ich würde schon sagen, dass ich mehrheitlich den Fokus auf dem Spiel hatte“, sagte Fischer.
Das war auch bitter notwendig, denn Fischer kämpft mit Mainz um die sportliche Existenz in der Fußball-Bundesliga. Im Tabellenkeller benötigt der FSV jeden Punkt – auch gegen Fischers Ex-Club. Das insgesamt gerechte Unentschieden war für Fischer am Ende aber doch zu wenig, da der erste Saisonsieg angesichts einer 2:0-Führung lange zum Greifen nah war. „Am Ende ist es schade“, sagte der 59-Jährige: „Normalerweise sollte man – wenn man hier einen Punkt mitnimmt – zufrieden sein. Das sind wir aber nicht ganz. Weil ich glaube, in unserer Situation wären drei besser gewesen.“ Der Abstand zum rettenden Ufer war nach dem 16. Spieltag schon recht groß, und dennoch befand sich Mainz unter Fischer auf dem richtigen Weg. In den ersten drei Ligaspielen unter der Regie des Schweizers gab es keine Niederlage mit drei Unentschieden – darunter bei Branchenprimus FC Bayern.
Fischer versucht in Mainz auch jenen Spielstil umzusetzen, mit dem er bei Union fünfeinhalb Jahre lang größtenteils sehr erfolgreich gewesen war: kollektives Verteidigen, aggressive Zweikampfführung, schnelles Umschaltspiel, gefährliche Standards. Den Begriff „eklig“ kreierte Fischer dafür einst selbst – jetzt ist er auch in Mainz in aller Munde. Man müsse „noch ekliger“ werden, forderte Kapitän Silvan Widmer nach dem Union-Spiel. Fischer weiß, dass gerade im Profifußball die Ergebnisse das Wichtigste sind. Als diese im Herbst 2023 nicht mehr stimmten, musste selbst er, der den Club von der 2. Liga in die Champions League geführt hatte, bei Union gehen. 14 Pflichtspiele ohne Sieg waren zu viel. Nach der für alle Seiten schmerzvollen Trennung hatte Fischer die Alte Försterei nicht mehr betreten – bis zum Gastspiel mit dem FSV Mainz am 10. Januar. Innerhalb des Clubs gab es die Überlegung, den Ex-Coach mit einer offiziellen Verabschiedung zu würdigen, da diese direkt nach der Entlassung unmöglich gewesen war. Doch Fischer machte schnell klar, dass er dafür nicht zur Verfügung stehe. „Fischer zeigt Union die kalte Schulter!“, schrieb die „Bild“-Zeitung über den Fall.
„Wir waren im Austausch mit Urs und mit Mainz 05“, bestätigte Union-Sprecher Christian Arbeit die Überlegungen einer offiziellen Verabschiedung mit Blumenstrauß und warmen Worten: „Wir respektieren den Wunsch, die sportliche Situation von Mainz sehr ernst zu nehmen. Deshalb gibt es keine Zeremonie vor dem Spiel.“ Arbeit ging aber vor dem Spiel davon aus, dass es trotzdem einen „sehr herzlichen Empfang für Urs Fischer“ geben werde. Und da hatte sich der 51-Jährige nicht getäuscht. Niemand im Umfeld hat vergessen, was der Club dem Trainer und seiner erfolgreichen Arbeit zu verdanken hat. „Logisch, dass da eine Beziehung entsteht und einen das jetzt berührt“, hatte Fischer vor der Anreise gesagt: „Ich glaube, dieses Nostalgische muss ich ein bisschen ausblenden. Es gelten für die 90 oder 95 Minuten nur die sportlichen Aspekte. Da versuche ich, mich wirklich komplett auf meine Aufgabe zu fokussieren. Und das muss ich einfach hinbekommen. Punkt.“
Knappes Rennen um einen Punkt
Er bekam es hin. Auch beim Jubel nach den zwei Toren für Mainz. Nein, er habe seine Freude „überhaupt nicht unterdrückt“, betonte der Trainer: „Ich glaube, das ist in etwa der Standard, wie ich juble.“ Beim Aufstieg mit Union 2019 habe er „sicher mehr gejubelt“, ergänzte er schmunzelnd, „aber so im Spiel war das eigentlich sehr authentisch“. Authentisch bleiben – das war ihm bei seinem ersten Gastspiel in der Alten Försterei sehr wichtig. Dazu gehörte auch eine kleine Prise Humor, mit der Fischer schon während seiner Union-Zeit in der Geschäftsstelle die Menschen für sich gewann. „Ich war froh, dass ich in dem Bus sitzen konnte – sonst hätte ich das Stadion nicht gefunden“, scherzte er. Natürlich kannte Fischer ganz genau den Weg zur Alten Försterei, wo sich seit seinem Abgang nicht viel verändert hat. „Jetzt bin ich beim Gegner, also wusste ich genau, welche Treppe ich benutzen durfte. Die Kabine habe ich gefunden“, sagte Fischer. Er habe „viele Leute getroffen, mit denen ich sehr lange sehr erfolgreich zusammengearbeitet habe“. Er habe all das genossen, auch den warmen Empfang durch die Fans, die ihn mit Sprechchören gefeiert hatten. „Das gehört einfach mit dazu“, sagte Fischer über den großen Rummel um seine Person: „Ich kann mich ja nicht in der Kabine einschließen.“
Natürlich bekam auch Steffen Baumgart mit, wie beliebt sein Vor-Vorgänger bei Union noch immer ist. Um diesen Status als Trainer bei den Eisernen zu erlangen, muss Baumgart noch ein paar mehr Erfolge aufweisen. Im Duell mit Fischer konnte der aktuelle Union-Coach aber zumindest damit punkten, dass er mit seinen Einwechslungen die drohende Niederlage mit verhindert hatte. Die in der zweiten Halbzeit beim Stand von 0:2 eingewechselten Woo-Yeong Jeong und Marin Ljubicic brachten sofort frischen Wind und erzielten beide Tore für die Gastgeber. Schon in den Spielen zuvor gegen RB Leipzig und den 1. FC Köln hatte Baumgart ein glückliches Händchen bei der Auswahl seiner „Joker“ bewiesen. Als neues Qualitätsmerkmal seiner Trainerarbeit wollte er dies aber nicht extra herausstellen. „Wir als Verein, wir als Mannschaft kommen über das Kollektiv und nicht über die erste Elf“, betonte der gebürtige Rostocker stattdessen: „Das zeigt die Moral und die Mentalität des Teams. Aber das war auch noch nie das Problem.“
Sowohl damals unter Fischer als auch jetzt unter Baumgart zeigt Union in der Tat eine große Widerstandsfähigkeit. „Viele Mannschaften spielen ungern gegen uns, weil wir Dinge auf den Platz bringen, die schwer zu bespielen sind“, sagte Baumgart jüngst. Ein Satz, der so oder so ähnlich auch in der Fischer-Zeit bei Union häufig gefallen ist. Doch genau wie damals tut sich Union auch heute deutlich schwerer damit, das Spiel selbst zu machen und Chancen zu kreieren. Taktisch würde Baumgart deswegen gern etwas verändern, seine bevorzugte Formation ist die mit einer Vierer-Abwehrkette. Er verspricht sich davon mehr offensive Akzente. Doch dieses Experiment gab er nach den ersten Spielen schnell auf, zu tief ist im Team noch das von Fischer nahezu perfektionierte 5-3-2-System verankert. Auch im Spiel an diesem Sonntag (15.30 Uhr) beim VfB Stuttgart dürfte es diesbezüglich keine Änderungen geben.