Nach zwölf Jahren ist Energie Cottbus zurück in der 2. Bundesliga – und startet mit einem überraschenden 3:1 gegen Hannover 96. Der Sieg erzählt aber auch von einem Klassenunterschied, den die Lausitzer nur mit Glück, Widerstandskraft und großer Effizienz überbrücken konnten.
Die Rückkehr begann mit Verzögerung und endete mit einem Ergebnis, das sich lange kaum angekündigt hatte. 18.361 Zuschauer warteten im ausverkauften Stadion der Freundschaft auf den ersten Zweitliga-Auftritt ihres Vereins seit zwölf Jahren, doch technische Probleme mit dem Funk der Schiedsrichter verzögerten den Anstoß um rund neun Minuten. Als die Spieler schließlich vor der Choreografie der Energie-Anhänger einliefen, wich die Ungeduld schnell der Euphorie. Was folgte, war kein souveränes Ankommen, sondern die Erinnerung daran, dass nicht immer die bessere Mannschaft gewinnt.
Titz haderte mit der Chancenverwertung
Hannover 96 zeigte vom Beginn an, weshalb die Niedersachsen zu den Aufstiegsfavoriten gezählt werden. Beide Teams pressten hoch, doch die Gäste fanden schneller die Räume. Nach zehn Minuten leistete sich Marcel Lotka einen Fehlpass in Mustapha Bundus Füße. Über ihn kam der Ball zu Lars Gindorf, der frei vor dem Tor auftauchte und am Cottbuser Schlussmann scheiterte. Lotka korrigierte seinen eigenen Fehler – und gab damit das Muster des Spiels vor.
Während Hannover die Chancen besaß, traf Energie. Tolcay Cigercis Freistoß aus rund 18 Metern wurde in der 14. Minute von Bundu so unglücklich abgefälscht, dass Torwart Pascal Loretz keine Abwehrmöglichkeit mehr hatte. Cottbus führte, ohne das bessere Team gewesen zu sein.
Hannover antwortete mit einer Angriffswelle. Auf der Linie, am Pfosten und an Lotka scheiterten die Gäste zunächst. Energie konnte das höhere Tempo und die Bewegung des Gegners kaum kontrollieren. Der Ausgleich nach 28 Minuten war deshalb die logische Folge: Nach einem Cottbuser Fehler landete der Ball bei Maurice Neubauer, der aus etwa 18 Metern flach und wuchtig in die kurze Ecke traf.
Bis zur Pause hätte Hannover die Begegnung entscheiden können. Vor allem Gindorf erhielt mehrere hervorragende Gelegenheiten, doch immer wieder stand Lotka im Weg und bewahrte seinem Team das schmeichelhafte 1:1. Hannover kombinierte schneller und ließ Energie die Anforderungen der neuen Liga deutlich spüren. Dass der Aufsteiger nicht zurücklag, war Lotka, der Chancenverwertung der Gäste und einer Portion Glück zu verdanken.
Ein Stromausfall verlängerte die Halbzeitpause auf mehr als 20 Minuten. Wollitz brachte mit Justin Butler, Moritz Hannemann und Fousseny Doumbia drei neue Spieler. Die Wechsel halfen, die Partie zu beruhigen. Hannover behielt mehr Kontrolle, doch Energie verteidigte stabiler. Offensiv blieb Cottbus zunächst harmlos, eine Führung der Niedersachsen weiterhin wahrscheinlicher als ein zweites Tor der Hausherren.
Dann genügte Energie ein Moment: Nach einem Missverständnis in Hannovers Defensive sprintete Hannemann in den Strafraum und wurde von Loretz getroffen. Schiedsrichter Lars Erbst entschied zu Recht auf Elfmeter, Cigerci verwandelte souverän zum 2:1. Der Treffer stellte den Verlauf auf den Kopf. Das Stadion war wieder da, Hannover wirkte angeschlagen – und Cottbus zeigte jene Konsequenz, die dem Favoriten gefehlt hatte.
Nur wenige Minuten später folgte die Entscheidung. Nach einer Ecke brachte Luca Erlein den Ball zu Butler, der ihn aus rechter Position ins lange Eck setzte. Der eingewechselte Offensivspieler machte das 3:1 und verwandelte die Anspannung in Ekstase. Hannover fand keine Antwort mehr. Energie brachte den Vorsprung ohne großes Zittern über die Zeit und feierte einen Sieg, der für das Selbstverständnis eines Rückkehrers erheblich mehr bedeutet als drei Punkte.
„Wir haben sehr viel falsch gemacht“
Bemerkenswert war, dass sich in den Cottbuser Stimmen danach kaum Zufriedenheit mit der Leistung fand. Wollitz störte vor allem die fehlende Intensität. „Ohne Basics und ohne Körperlichkeit haben wir keine Berechtigung, in der 2. Liga zu spielen“, sagte der Trainer. Seine Härte war nachvollziehbar: Wer allein auf das Resultat blickte, konnte einen überzeugenden Auftakt vermuten. Wer den Spielverlauf betrachtete, hatte gesehen, wie häufig Energie gerade vor der Pause nur reagierte und wie wenig Zugriff die Mannschaft besaß. Auch Doppeltorschütze Cigerci ließ sich vom Ergebnis nicht blenden: „Wir haben viel zu analysieren und haben sehr viel falsch gemacht. Am Ende haben wir glücklich gewonnen.“ Es waren ungewöhnlich klare Worte nach einem 3:1 zum Auftakt, aber sie beschrieben die Partie präziser als der Spielstand.
Titz sah das aus der Perspektive des Verlierers ähnlich. „Wir sind selbst schuld. Nach der ersten Hälfte mussten wir eigentlich mit sechs, sieben Toren führen. Und eigentlich hätten wir gar kein Tor bekommen dürfen – das war ja schon sehr glücklich, dass der abgefälscht war“, sagte Hannovers Trainer. Sein Team war spielerisch weiter, scheiterte jedoch an Lotka, der eigenen Verschwendung und Cottbuser Effizienz.
So bleibt von dieser Rückkehr ein doppeltes Signal. Energie kann gegen einen hoch eingeschätzten Gegner bestehen und enge Situationen nutzen. Cigerci besitzt die Ruhe für die entscheidenden Momente, die Einwechselspieler brachten Wirkung, und ohne Lotka wäre dieser Sieg nicht möglich gewesen. Zugleich legte Hannover offen, wie groß der Anpassungsbedarf ist. Energie gewann nicht, weil schon alles zweitligareif wirkte, sondern weil die Mannschaft die entscheidenden Augenblicke beherrschte.
Am kommenden Sonntag bei Arminia Bielefeld wird sich zeigen, welche Schlüsse Wollitz aus diesem Spiel zieht. Die ersten drei Punkte kann Cottbus niemand mehr nehmen, ebenso wenig das Bild eines ausverkauften Stadions, das seine Mannschaft zurück in der 2. Bundesliga begrüßte und am Ende einen unerwarteten Sieg feierte. Doch gerade die schonungslose Analyse verhindert, dass aus diesem Auftakt eine falsche Sicherheit entsteht. Energie ist angekommen. Wie weit der Weg in dieser Liga noch ist, hat der Sieg gegen Hannover allerdings ebenfalls gezeigt.