Nicht nur in den nordamerikanischen Profiligen werden Sport-Märchen wahr: Am anderen Ende der Welt ist für den Rugby-Star Anton Segner durch die Berufung in Neuseelands Nationalteam ein Lebenstraum Wirklichkeit geworden – als erster Deutscher darf der Hesse das Trikot der legendären „All Blacks“ tragen.
Natürlich, könnte man sagen, natürlich versuchte sich Anton Segner in seiner Kindheit zunächst als Fußballer. Was sonst, möchte man beinahe meinen. Doch wegen einer allgemein als „X-Beine“ bekannten Fehlstellung wurde der kleine Anton als zu unsportlich eingestuft – und weggeschickt.
Was wie eine der vielen einschneidenden Negativerfahrungen von Kindern und Jugendlichen auf dem Weg ins Leben erscheint, erwies sich im Rückblick als Glücksfall – ein Glücksfall für Anton Segner und einen ganz anderen Sport: Rugby. In einer für den Sport in Deutschland klassischen Nische fand der zuvor für so unsportlich gehaltene Bub aus Frankfurt-Sachsenhausen auf Anhieb sein sportliches Zuhause – und setzte schnell neue Maßstäbe.
Vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere
Vorläufiger Höhepunkt eines kometenhaften Aufstiegs war Ende Juni die Nominierung des Neulings für die legendären „All Blacks“, die Nationalmannschaft seiner Wahl-Heimat Neuseeland. Als erster Deutscher erhielt Segner für die neue Nations-Championship-Saison mit Spielen im Juli gegen Frankreich, Italien und Irland eine Einladung ins sagenumwobene Team des dreimaligen Weltmeisters. „Ein besonderer Glückwunsch gilt unseren vier Spielern ohne Länderspieleinsatz. Jeder von ihnen hat eine herausragende Rugby-Saison gespielt und sich seinen Platz im Kader redlich verdient“, sagte Nationalcoach Dave Rennie bei der Verkündung seines Aufgebotes: „Wir sind begeistert von diesem Kader.“
Mit 24 Jahren ist Segner am Ziel seiner Träume angekommen. Wochenlang hatten Experten über eine Berufung des Deutschen spekuliert, Argumente dafür geliefert hatte Segner zuvor reichlich: Bei seinem Team der Auckland Blues war der Hesse zum Spieler des Jahres gewählt worden, zudem hatte Segner es ins Team des Jahres der abgelaufenen Super-Rugby-Saison geschafft.
„Mir fehlen die Worte“, sagte Segner nach seiner Nominierung dennoch völlig überwältigt, „das ist natürlich die aufregendste Zeit meines Lebens. Es fühlt sich sehr unwirklich an. Worte können den Emotionen, die ich empfinde nicht gerecht werden.“
Durch seine Berufung hat Segner in der Rugby-Nation Neuseeland Geschichte geschrieben – und das nicht zum ersten Mal. Im Alter von 15 Jahren ging es für Segner, der zuvor in den Jugendmannschaften des deutschen Serienmeisters SC 1880 Frankfurt gespielt hatte, mit einem Rugby-Stipendium für das College in Nelson erstmals ins Land der Kiwis. Geplant war ein halbes Jahr, doch Segner blieb – und wurde zum ersten deutschen Rugby-Profi in Neuseeland.
Schon früh ein großes Talent
Schon früh hatte sich sein großes Talent gezeigt, doch sein Weg war alles andere als einfach. Mehrere Operationen aufgrund seiner ausgeprägten Beinfehlstellung zwangen ihn in jungen Jahren zu langen Pausen und stellten seine Karriere immer wieder infrage. Die schwierigen Jahre stärkten jedoch seinen Charakter. Während andere Talente aufgaben, arbeitete Segner konsequent an seiner körperlichen Entwicklung, seiner Fitness und seiner Professionalität. Die Rückschläge wurden zur Grundlage seines späteren Erfolgs auf höchstem internationalen Niveau.
In Neuseeland etablierte sich Segner schnell als eines der vielversprechendsten Talente seiner Generation. Über Nachwuchsprogramme arbeitete sich der „Einwanderer“ nach oben und schaffte schließlich den Sprung zu den Auckland Blues, einem der traditionsreichsten Vereine im Super Rugby Pacific, dem wichtigsten Clubwettbewerb der südlichen Hemisphäre.
Seit 2022 schon spielt Segner für die Blues, in der zurückliegenden Saison gelang ihm der endgültige Durchbruch. Von den All Blacks hatte er jahrelang geträumt – denn: Wer mindestens fünf Jahre ohne längere Unterbrechung in Neuseeland gelebt hat, ist berechtigt, für das vermeintlich beste Team der Welt aufzulaufen. „Er ist hervorragend mit dem Ball in der Hand, er hat viele Bälle erobert“, begründete Rennie seine Entscheidung für Segner, „er bietet uns Vielseitigkeit. Seine Fähigkeiten sind sehr ausgewogen.“
Segner nimmt in seinen Teams die Position des Loose Forwards in der dritten Sturmreihe ein. Für diese Rolle legte er in den vergangenen Jahren ordentlich Muskelmasse zu. Spieler wie Segner fungieren als Bindeglied zwischen den schweren Stürmern der ersten und zweiten Reihe einerseits und der schnellen Hintermannschaft andererseits.
So sehr Segner auf der südlichen Erdhalbkugel über Jahre auf die Erfüllung seines Lebenstraumes hinarbeitete, so sehr schien sein Weg schon in der Jugend noch in Frankfurt beim SC 1880 geradezu vorgezeichnet. „Anton Segner ist als Zwölfjähriger im ersten Training aufgetaucht, übergewichtig, bei anderen Sportarten war er rausgeflogen“, erinnerte sich 1880-Präsident Uli Byszio in mehreren Interviews, „Bei vielen Kindern kann man nicht sehen, ob sie mal ein Star werden, bei Anton Segner war das evident auffällig. Durch die Geschwindigkeit, die Körperlichkeit, die Kraft, die er hatte. Ich würde behaupten: Nicht Anton Segner ist für den Sport gemacht, sondern der Sport ist für Anton Segner gemacht.“
Besonders ist Byszio Segners frühe Selbstdisziplin bereits im Jugendalter im Gedächtnis haften geblieben. „Ich erinnere mich an die Zeit, als er gesagt hat, über meine Lippen kommt nur Wasser. Er hat jahrelang nicht einen Softdrink, nicht eine Apfelschorle, nicht eine Traubenschorle getrunken. Antons Zielstrebigkeit ist einzigartig. Er ist programmiert wie ein Computer.“
Der Lohn für diese asketische Professionalität ist für Segner die Berufung zu den „All Blacks“ – die für die meisten Rugbyspieler auf der ganzen Welt ein Leben lang nur ein unerreichbarer Traum bleibt. Nicht von ungefähr ist das Team eine Art Endstation Sehnsucht: Die „All Blacks“ gelten als das berühmteste und erfolgreichste Rugby-Team der Welt. Ihre schwarzen Shirts mit dem silbernen Farnblatt sind weit mehr als nur einfache Trikots – sie sind Symbole für außergewöhnliche Spieler, Tradition und nationale Identität in Neuseeland.
Sein Aufstieg zu einem „All Black“ zahlt sich für Segner auch finanziell aus. Zwar werden Rugbyspieler nicht wie Profis etwa in einer der nordamerikanischen Profiligen für Football, Basketball oder Eishockey bezahlt, aber als Profi der Super-Rugby-Liga und Nationalspieler dürfte Segner im besten Fall beinahe 500.000 Euro jährlich verdienen.
Rückenwind für den deutschen Sport
Diese für Rugby durchaus paradiesischen Verhältnisse meint Segners früherer Vereinspräsident Byszio, wenn er bedauert, „dass wir solchen Spielern in Deutschland keine Heimat bieten können. Wir sind nicht so nach Rugby verrückt wie andere Nationen“.
Segners Aufstieg im Rugby-Mekka Neuseeland jedoch könnte dem Sport in Deutschland zusätzlichen Rückenwind bescheren. Immerhin greift die deutsche Nationalmannschaft im olympischen 7er-Rugby Ende Juli im kroatischen Split bei der EM-Endrunde nach ihrem zweiten kontinentalen Titel. Erstmals hatte sich das „Wolfspack“ von Bundestrainer Pablo Feijoo, das beim Qualifikations-Heimspiel in Hamburg in allen seinen sechs Spielen ohne Niederlage geblieben war, vor sieben Jahren zum Europameister gekrönt. Danach stand das deutsche Team 2021 und 2022 nochmals im Endspiel. Bronze 2024 war die bislang letzte EM-Medaille für Deutschland.
Eine Rückkehr von Segner ins deutsche Rugby dürfte derzeit vollkommen unrealistisch sein, ist für den besten deutschen Spieler jedoch auch kein absolutes Tabu: „Ich hätte“, sagte Segner schon vor Jahren, „schon Lust, eines Tages noch mal in Frankfurt zu spielen.“ Aber eine wichtige Einschränkung machte Segner auch: „Vielleicht als 40-Jähriger.“.