Putins Reich ist auf Schlingerkurs. Die Anzeichen, dass die teuer erkaufte Stabilität nicht von nachhaltiger Dauer ist, mehren sich. Es fehlt an Krediten, Arbeitskräften und neuerdings auch an Benzin.
Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine zeigt Russlands Wirtschaft ein widersprüchliches Bild: Einerseits verzeichnete sie trotz massiver Sanktionen ein robustes Wachstum, andererseits treten strukturelle Schwächen immer offener zutage. Doch die Phase der kriegsbedingten Sonderkonjunktur neigt sich dem Ende zu. Experten sind sich einig: Die Dynamik lässt nach, es droht die Stagnation.
Das Narrativ des Kremls schien zunächst aufzugehen. In den Jahren 2023 und 2024 wies Russland ein höheres Wirtschaftswachstum auf als viele westliche Staaten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte laut einer Studie des polnischen Centre for Eastern Studies (OSW) allein 2024 um rund 4,1 Prozent zu. Doch dieses Wachstum war hochgradig künstlich und staatlich gelenkt.
Der Treiber dieser Entwicklung war eine massive Aufstockung der Staatsausgaben für Rüstung und eine radikale Umpriorisierung der Wirtschaft. Analysen, wie die des OSW, zeigen ein unverhältnismäßiges Wachstum in Industrien, die „sonstige Transportmittel“ (Panzer) oder „Metallfertigung“ (Munition) liefern. In Fachkreisen hat sich dafür der Begriff „Militär-Keynesianismus“ etabliert: Ein nicht nachhaltiges Wachstum, das ausschließlich durch den Aufschwung der Rüstungsproduktion angetrieben wird. Nicht nachhaltig deshalb, weil militärische Güter – anders als Investitionen in Bildung, Gesundheit oder Infrastruktur – keinen produktiven Mehrwert schaffen, sondern zum Verbrauch und zur Zerstörung bestimmt sind.
Dieser Boom hatte kurzfristig positive Effekte: Die Arbeitslosigkeit sank auf historische Tiefstwerte, und die Löhne stiegen – zumindest nominal. Das US-amerikanische Center for Strategic and International Studies (CSIS) verzeichnete für 2023 und 2024 zweistellige Zuwächse bei den Nominalgehältern.
Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass dieses propagierte Wachstum auf einer Überhitzung basiert, die jene strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft nicht löst, sondern verschärft. Das International Centre for Defence and Security in Estland stellt fest, dass die zivilen Industrien massiv unter der Verlagerung von Ressourcen leiden. Sowohl Maschinenkapazitäten als auch Fachkräfte werden systematisch in die Kriegswirtschaft umgelenkt. Das Wilson Center resümiert: Während der Verteidigungssektor wächst, wird die zivile Wirtschaft zusehends ausgehöhlt. Auch das Fundament jeder Volkswirtschaft bröckelt: die Erwerbsbevölkerung. Eine ohnehin schrumpfende Demografie, die Mobilisierung – oft mittels hoher Soldzahlungen oder Schuldenannullierungen als Lockmittel – und die hohen Verluste an der Front verschärfen den Fachkräftemangel dramatisch.
Kurzarbeit, Benzinmangel, kaum neue Arbeiter
Hunderttausende Verwundete und Tote – belegt durch offizielle Statistiken und Recherchen des russischen Magazins „Mediazona“ – erhöhen den demografischen Druck langfristig. Diese Menschen fehlen heute und morgen als Arbeitskräfte, die Putin derzeit durch billige nordkoreanische Leiharbeiter ersetzt.
Die staatlich befeuerte Nachfrage trifft auf ein durch Sanktionen und Arbeitskräftemangel begrenztes Angebot. Die Folge ist ein massiver Inflationsdruck. Um diesen einzudämmen, hält die russische Zentralbank den Leitzins auf einem extrem hohen Niveau von offiziell 18 Prozent. Diese Konditionen ersticken private Investitionen im Keim. Notwendige Kredite für die Modernisierung der zivilen Wirtschaft sind unerschwinglich. Gleichzeitig muss der Staat die Kostenexplosion decken: Putin erhöhte die Mehrwertsteuer auf 22 Prozent und plant eine Absenkung der steuerlichen Grenzen, was die Zahl der Steuerpflichtigen massiv erhöhen soll.
Auch die Puffer schmelzen: Der russische Nationale Wohlstandsfonds, einst gespeist aus lukrativen Öl- und Gasverkäufen, ist laut Alexandra Prokopenko, ehemalige Beraterin der russischen Zentralbank, bereits zu zwei Dritteln aufgebraucht. Die Sanktionen erschweren den Import notwendiger Hochtechnologie. Investitionen bleiben aus. Gleichzeitig wird die wichtigste Einnahmequelle – fossile Brennstoffe –
unzuverlässiger.
US-Sanktionen gegen russische Ölriesen ließen die Nachfrage aus China und Indien über offizielle Kanäle einbrechen, auch wenn von Geschäften über Schattenflotten auszugehen ist. Das finnische Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) berechnete, dass Russlands Exporterlöse aus fossilen Brennstoffen im September auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Vollinvasion fielen. Zusätzlich zwingen die beständigen ukrainischen Angriffe auf russische Ölanlagen das Land mittlerweile dazu, Benzin zu importieren. Videos in sozialen Medien zeigen immer wieder lange Schlangen an Tankstellen.
Die Konsequenzen dieser Überhitzung sind bereits messbar. Laut einer Analyse von Fitch Solutions schrumpfte das Wachstum im ersten Quartal 2025 auf nur noch etwa 1,3 Prozent im Vorjahresvergleich. Ein klares Signal sendet die russische Autoindustrie: Die Kamaz-Werke, die sowohl zivile als auch militärische Lkw herstellen, mussten Kurzarbeit anmelden. Andere Produzenten wie Gaz oder Avtovaz zogen nach. Die Prognosen sind düster. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für Russland 2025 nur noch 0,6 Prozent Wachstum, die Weltbank 1,4 Prozent (und 1,2 Prozent für 2026).
Was der Kreml als „Erfolg“ verkauft, erweist sich bei näherem Hinsehen als „Fahren auf Verschleiß“. Russland nutzt derzeit Kapazitäten, die zuvor ungenutzt waren, kombiniert mit Sonderprogrammen für die Militärproduktion. Doch die nächste, notwendige Wachstumsphase – getrieben durch höhere Produktivität, Innovation und private Investitionen – bleibt aus. Russland steckt in einem ökonomischen Dilemma: Ein Ende der Kriegsausgaben würde die künstliche Konjunktur sofort abwürgen, ein wirtschaftlicher Kollaps erscheint in diesem Szenario unvermeidlich. Ein Festhalten am Status quo aber führt durch die Erosion der zivilen Wirtschaft unweigerlich in die Stagnation.
Steuererhöhungen, Propaganda und brutale Gewalt – bislang hält dieses Rezept die russische Wirtschaft noch beisammen. Die ersten Risse sind jedoch erkennbar.