Die Ära Fan Zhendong beim 1. FC Saarbrücken-TT ist keine geworden. Nach dem sensationellen Zugang des Superstars vor Jahresfrist stellt nun auch der Abgang zu Borussia Düsseldorf eine große Herausforderung dar – aber keineswegs das Ende seiner Ambitionen.
So schnelllebig ist der Profisport mittlerweile auch im Tischtennis: Vom abwandernden Superstar Fan Zhendong war beim 1. FC Saarbrücken-TT bei der Bekanntgabe der Vertragsverlängerung mit dem Olympia-Zweiten Truls Möregårdh nur wenige Tage nach dem Paukenschlag durch die Abschiedsankündigung des zweimaligen Weltmeisters mit keiner Silbe mehr die Rede – öffentlich jedenfalls.
Denn hinter den Kulissen beschäftigt die spektakuläre Entscheidung des chinesischen Olympiasiegers für einen Wechsel zur kommenden Saison zum deutschen Branchenführer Borussia Düsseldorf die Blau-Schwarzen natürlich noch. Das Management mit der Familie Berg und Organisationsleiter Nicolas Barrois hat – unabhängig vom Alltag und den Vorbereitungen auf die Endrunden-Auftritte beim Champions-League-Heimspiel Mitte Mai und in der Bundesliga Ende des gleichen Monats – über die künftige Ausrichtung zu befinden. „Es gibt natürlich mehrere Aspekte zu bedenken“, deutete Barrois bereits prinzipiell Entscheidungsbedarf an.
„Mehrere Aspekte zu bedenken“
Vereinfachend für die Gespräche dürfte die trotz Fans bevorstehendem Abgang mehr als solide Beratungsgrundlage sein: In der Bundesliga kann Saarbrücken alleine schon durch Kapitän Patrick Franziska sowie den neu verpflichteten Vizeweltmeister und Weltranglistendritten Hugo Calderano fraglos erneut als Titelkandidat gelten, in Europas Königsklasse muss das Team von FCS-Trainer Wang Zhi aufgrund der weiteren Zusammenarbeit mit dem Weltranglistenzweiten Möregårdh – Düsseldorf und Fan zum Trotz – wenigstens als Mitfavorit angesehen werden.
Der erneuerte Möregårdh-Deal – mit dem Schweden gewann Saarbrücken vor Jahresfrist zum dritten Mal in Folge die Champions League und strebt nun die Titelverteidigung an – ist für den Verein „ein wichtiges Zeichen für Kontinuität auf höchstem Niveau“, ließ der Club verlauten. Man wolle auch in der kommenden Spielzeit „wieder in der Champions League angreifen – mit dem klaren Ziel, erneut um den Titel mitzuspielen“.
Für die Bundesliga stellt sich die Lage ohne Fan und auch ohne den nach acht Jahren scheidenden Leistungsträger Darko Jorgic trotz Calderanos Verpflichtung anders dar. Schließlich lassen sich die für die abermalige Final-Four-Qualifikation voraussichtlich notwendigen Einsätze in der Punktrunde unter – nach Stand Ende März – nur zwei Top-Assen schwieriger aufteilen als derzeit noch in einem Trio von Stars.
„Verpflichtet man noch einen Spieler oder gibt man jungen Spielern mehr Chancen? Vielleicht passiert ja noch etwas, vielleicht nicht“, umriss Barrois kurz nach der Bekanntgabe von Fans’ Transfer von der Saar an den Rhein die Handlungsmöglichkeiten der Saarbrücker Führungsriege.
Kein allzu großer Druck
Unter allzu großem Druck sieht der 36-Jährige den Club auch durch die zweite Reihe mit Eduard Ionescu und ab Sommer Alvaro Robles allerdings auch nicht: „Grundsätzlich sind wir aber auch mit der Mannschaft, die wir jetzt zusammengestellt haben, sehr, sehr zufrieden. Wir haben eine gute Auswahl von Spielern, die sich alle gut kennen, die eine Mischung sind aus Erfahrung und jugendlicher Leichtigkeit. Da wird schon genug Stabilität da sein, um in allen Wettbewerben konkurrenzfähig zu sein. Ich glaube, dass wir auch weiterhin eine gute Rolle spielen werden bei der Vergabe von Titeln.“
Gleichwohl erkennt auch Barrois in den Bewegungen im Kader eine Zäsur: „Uns ist bewusst, dass ein absoluter Umbruch eintritt. Wir haben jahrelang für Kontinuität gestanden. Das wird für uns sehr ungewohnt sein. Wir hoffen, dass die Fans das mittragen.“
Zunächst aber soll der seit dem vergangenen Sommer euphorisierte Anhang nach dem Pokalsieg zu Jahresbeginn die Vollendung des ersehnten „Triples“ feiern können. In der für Fan sicherlich kniffligen Konstellation mit möglicherweise gleich zwei Duellen mit seinem künftigen Team um Europas Krone und die Meisterschaft sieht Barrois kein ernsthaftes Problem. „Natürlich ist das eine besondere Situation. Aber ich glaube auch, dass dieses erste Jahr in Deutschland für Fan Zhendong so etwas ganz, ganz Besonderes war und er auch Profi genug ist, um das abzuschütteln und seine Leistung trotzdem bringen zu wollen. Wir haben noch Großes vor und wollen das gemeinsam mit ihm erreichen, um ihm seine erste Saison auch zu etwas ganz, ganz Besonderem zu machen und ihm den Abschied zu bereiten, den wir alle zusammen verdienen nach dem Aufwand, den wir in dieser Saison hatten“, meint der FCS-Manager.
Dem Aufwand – so nennt Barrois zahlreiche administrative Aufgaben wie auch die Fähigkeiten zur Bewältigung des für deutsche Verhältnisse unbekannten Ansturms Abertausender Anhänger von Fan Zhendong zu Heimspielen und Abschirmung des 29-Jährigen vor allzu aufdringlichen Verehrerinnen – stehen für den durch Fan weiter beschleunigten Prozess der Professionalisierung wertvolle, unbezahlbare Erfahrungen gegenüber. „Insgesamt hat uns die Zeit mit Fan Zhendong als Verein total viel gebracht: Wir sind gewachsen, wir haben auch professionellere Strukturen geschaffen, wir haben viel dazugelernt“, sagt Barrois.
Saarbrücken darf sich darüber hinaus als Initiator eines überraschenden Aufmerksamkeitsschubes sowie einer wichtigen Verstärkung der vor dem „Fan-Effekt“ noch nicht absolut zeitgemäß ausgebildeten Vermarktungsabläufe ansehen. „Ich glaube, dass nicht nur die TTBL, sondern ganz Tischtennis-Deutschland davon profitiert hat. Wir haben sehr, sehr viel Arbeit geleistet dafür, dass der Tischtennissport wieder richtig in aller Munde ist. Wenn man sich die Newsberichte ansieht in ganz Europa, auf der ganzen Welt – das war schon toll. Die Reichweiten haben bisher in dieser Saison Rekordhöhen erreicht, und die heißen Spiele sind noch nicht einmal gelaufen. Deswegen glaube ich, dass wir alle zusammen, auch die Vereine der TTBL, wo er dann gespielt hat, da was Gutes gemacht haben. Überall war Rekordkulisse“, erklärte Barrois in einem ersten Zwischenfazit wenige Wochen vor Beginn der Crunch Time in Champions League und Meisterschaft.
Die Situation sportlich nehmen
Rückblickend vermag Barrois bei Saarbrückens letztlich vergeblich gebliebenen Bemühungen um eine Verlängerung von Fans Engagement keine Fehler oder Versäumnisse erkennen. Vielmehr erscheint die bei dem Mega-Transfer von allen Seiten betonte Freundschaft zwischen Fan und dem deutschen und Düsseldorfer Idol Timo Boll als ein maßgeblicher Faktor für den Deal.
„Natürlich“, erklärt FCS-Manager Barrois, „natürlich war uns klar, dass Fan nicht zurück nach China gehen muss, sondern auch in Europa oder sogar in Deutschland wechseln könnte. Er war da auch ganz offen und hat uns klar gesagt, dass er mehrere Angebote hat. Dass es jetzt zum direkten Konkurrenten geht, ist vielleicht nicht ganz so glücklich. Ich glaube aber nicht, dass unser Angebot nicht gut genug war, sondern im Endeffekt die Strahlkraft der vergangenen Jahrzehnte von Borussia Düsseldorf beziehungsweise von Timo Boll den Ausschlag gegeben haben.“
Nach Verarbeitung der ersten Enttäuschung über das Ende des Kurzabenteuers mit dem mutmaßlich besten Spieler der Welt nehmen die Saarbrücker laut Barrois Fans Seitenwechsel inzwischen auch schon sportlich: „In der nächsten Saison werden wir versuchen, seinem neuen Verein und ihm – bei aller Sympathie und bei aller Freundschaft, die man jetzt in einem Jahr aufgebaut hat – so gut es geht, das Leben schwer zu machen.“