Die deutsche Eisschnelllauf-Teamverfolgung der Frauen meldet sich eindrucksvoll zurück und träumt vom großen Olympia-Moment. Lea Sophie Scholz, Josephine Schlörb und Josie Hofmann haben nicht nur sportlich ein Zeichen gesetzt.
Besser kann man wohl nicht in eine Saison starten, noch dazu in eine olympische, als mit einem Rekord. Lea Sophie Scholz, Josephine Schlörb und Josie Hofmann ist das gelungen. Am 16. November vergangenen Jahres liefen sie beim ersten Weltcup der Saison in Salt Lake City in der Teamverfolgung 2:54,38 Minuten. Das reichte an diesem Tag zwar nur für Platz vier. Das Trio unterbot dabei jedoch die 20 Jahre alte deutsche Bestmarke um 1,26 Sekunden. Die war im November 2005 von den Eislauf-Legenden Claudia Pechstein, Anni Friesinger und Daniela Anschütz-Thomas gesetzt worden. „Erst als ich wieder mehr Sauerstoff im Körper hatte“, sagt Josie Hofmann, als sie Wochen später gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen FORUM davon erzählt, „habe ich realisiert, dass es nicht nur eine gute Zeit war, sondern auch Rekord. Unser Ziel war kein Rekord, wir wollten gut performen, um uns für Olympia zu qualifizieren.“ Nur drei Möglichkeiten bot ihnen der Weltcup-Wettkampfkalender dafür in dieser Saison. Gleich die erste nutzten sie. „Ich habe im Sommer echt rangeklotzt für das Team und viel die langen Strecken trainiert“, sagt Lea Sophie Scholz, die sonst als Einzelstarterin über die 1.000 und 1.500 Meter läuft, und sieht darin eine Ursache für die Top-Zeit. „Phine und Josie haben sich in der Vorbereitung aber auch voll reingehängt“. In Deutschland sorgte ihre Leistung kaum für große Schlagzeilen. Das lag zum einen sicher daran, dass im November für viele der Wintersport noch ein Stück entfernt ist, zum anderen daran, dass die beste Zeit des Eisschnelllaufens hierzulande einige Jahre zurückliegt. Dabei knüpften die drei Läuferinnen mit dem Rekord an ihre vorangegangenen Erfolge an. Bei der EM vor zwei Jahren hatten Scholz, Schlörb und Hofmann die Silbermedaille gewonnen und im März 2025 in Hamar in Norwegen für das beste deutsche WM-Ergebnis seit 2017 gesorgt und als Vierte eine Medaille nur um 0,53 Sekunden verpasst.
Silber bei der EM vor zwei Jahren
Zum Eislaufen auf dem 400-Meter-Oval sind die drei auf unterschiedlichen Wegen gekommen. Die Berlinerin Lea Sophie Scholz erinnert sich, dass sie als Sechsjährige beim öffentlichen Eislaufen permanent hinfiel. Deshalb spielte sie in der Schule erst mal Handball, kehrte jedoch später auf den spiegelglatten Untergrund zurück. „Es fasziniert mich, wie man aus eigener Kraft an die 60 Sachen auf Kufen erreichen kann“, beschrieb sie schon vor Jahren in einem Interview ihre Liebe zum Eissport. Josie Hofmann, mit 29 die Älteste des Trios, entdeckte bereits im Kindergarten ihre Liebe zu einem rasanten Sport. Allerdings war sie zuerst auf Rollen, statt auf Kufen unterwegs, als Inlineskaterin. In dieser Sportart ist sie bereits Welt- und Europameisterin. Um ihren Traum von Olympia verwirklichen zu können, entschied sie 2018, im Winter zusätzlich Eisschnelllauf zu betreiben. Josephine Schlörb stand als Fünfjährige in Dresden erstmals auf Schlittschuhkufen. Nach dem Abitur 2023 wechselte die Studentin der Ernährungswissenschaft nach Berlin, wo die beiden anderen bereits seit zwei Jahren am Bundesstützpunkt trainierten. 2024 begann bei Bundestrainer Alexis Contin ihre gemeinsame Zeit in der Teamverfolgung.
Um ihre Gemeinsamkeit zu unterstreichen, haben die drei am Ende der vergangenen Saison das Projekt „Sachsenexpress“ gestartet. „Wir haben uns das Ziel gesetzt, damit den Eisschnelllauf generell wieder mehr in den Fokus zu rücken, und wir wollen dabei auch Vorbild sein“, erklärt Josephine Schlörb. Zwar ist nur sie eine echte Sächsin, aber die in Gera geborene Hofmann und die Berlinerin Scholz starten für den Crimmitschauer Polizeisportverein beziehungsweise den TSV Mylau, also für sächsische Vereine. Als Vierte gehört seit dieser Saison auch Maira Jasch aus Bayern zum Team. Die aktuelle deutsche Meisterin über 3.000 und 5.000 Meter fühlt sich bei den „Sächsinnen“ gut aufgehoben und ist weit mehr als eine Ersatzläuferin. „Uns ist bewusst, wenn wir gut performen, wird es künftig auch dem Nachwuchs wieder besser gehen. Wir sind in einer Zeit groß geworden, wo das Eisschnelllaufen in Deutschland nur eine Nebenrolle spielte“, sagt die 20-Jährige mit Blick über die Gruppe hinaus. Mit dem Projekt wollen sie auch für ihren olympischen Traum mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung generieren. Unter pursuit2olympics lässt sich bei Instagram ihr Trainingsalltag verfolgen. Sie geben in Bild und Ton Einblicke ins Üben auf der Eisbahn, ins Krafttraining oder das Training auf dem Rennrad. Dazu erläutern sie Begriffe aus dem Eisschnelllaufsport. Mit einer Crowdfunding-Aktion werben sie konkret um materielle Unterstützung. „Auf unserem Weg zu Olympia haben wir teils sehr hohe Ausgaben, welche wir selbst finanzieren müssen“, schreiben sie. „Die Grundförderung deckt nur das Nötigste. Wir rechnen mit zusätzlichen Kosten von rund 15.000 Euro für Flüge, Material, Transport, Verpflegung und Trainingslager für unser Team.“
„Sie ist unser Not-Generator“
Erst seit 2006 gehört die Teamverfolgung als einer von sieben Wettbewerben zum olympischen Wettkampfprogramm. Drei Läuferinnen bilden eine Mannschaft, die in einer Formation läuft. Eine Gruppe startet auf der Zielgeraden der Eisbahn, die andere auf der Gegengerade. Gelaufen werden sechs Runden, also 2.400 Meter, in fester Reihenfolge. Jede Läuferin hat dabei ihre spezifische Aufgabe. „Ich laufe an der Spitze, da ich am schnellsten auf Tempo komme. Ich bin die Lokomotivführerin“, erläutert Lea Sophie Scholz, die kurz vor Abschluss ihres Psychologie-Studiums steht, ihre Rolle. „Ich muss das Team in Schwung bringen und über die gesamte Strecke den Rhythmus vorgeben.“ Josephine Schlörb läuft auf der mittleren Position, weil „sie am besten die Kraft und Energie nach vorn transportieren kann.“ Eine Hand hat sie dabei auf dem Rücken von Lea Sophie. Etwa ab der zweiten Runde schiebt sie dann. Josie Hofmann schließlich verfügt über die größte Ausdauer und schiebt in den letzten Runden. „Sie ist unser Notgenerator, wenn nach vier Runden vielleicht gar nichts mehr geht“, lacht Lea Sophie Scholz. Eine so gleichmäßig laufende Dreier-Kombination gab es früher nicht. Da gehörten Positionswechsel innerhalb der Laufgruppe dazu. „Man hat jedoch festgestellt, dass dadurch der Rhythmus gestört wird und Zeit verloren geht“, erläutert Maira Jasch, die als Ausdauerspezialistin im Fall ihres Einsatzes Position drei einnehmen würde.
Die drei haben sich auch auf ihren Spezialstrecken ein Olympiaticket gesichert. Realistische Medaillenchancen sehen sie jedoch nicht. „Wir haben unsere Leistungen auf den einzelnen Distanzen zuletzt zwar auch verbessert“, erklärt die 26-jährige Lea Sophie Scholz, „aber zusammen können wir unsere Stärken potenzieren.“ Dafür trainieren sie häufig das gemeinsame Laufen, feilen an ihrer Technik und Taktik. Darin könnte ein Vorteil gegenüber den Favoriten-Teams liegen, die sich häufig auf die individuelle Klasse der einzelnen Läuferinnen verlassen. „Die Konzentration aufs Team bedeutet für mich auch, auf der Einzelstrecke zurückzustecken“, räumt Lea Sophie Scholz ein, und Josie Hofmann ergänzt: „Wir haben uns klargemacht, eine gemeinsam gewonnene Medaille ist genauso wertvoll wie eine allein errungene.“
Für die drei liegt deshalb der Fokus ganz klar auf dem Teamwettbewerb. Damit setzen sie einen anderen Akzent, als die erfolgreichen Läuferinnen vergangener Jahre. Für die bot der gemeinsame Lauf nach Medaillengewinnen auf den Einzelstrecken immer eine gute Chance auf eine weitere Plakette. Claudia Pechstein, Anni Friesinger (2006) sowie Stephanie Beckert (2010) krönten sich so zu Olympiasiegerinnen in der Teamverfolgung. Neben Saison-Überflieger Finn Sonnekalb hat der „Sachsenexpress“ wohl die besten Chancen, die seit 2014 andauernde medaillenlose Zeit für die deutschen Eisschnellläufer zu beenden.