Im ersten Quartal des neuen Jahres setzen das Deutsche Theater, die Schaubühne und das Maxim Gorki Theater starke Frauen in Szene. Das Repertoire reicht vom biblischen Stoff bis zu moderner Literatur. Unter anderem stehen Kassandra und Salome auf der Bühne.
Den Anfang machen die Frauen vom Scharmützelsee mit der Premiere am 23. Januar. Dann hat „Heimsuchung“ im Deutschen Theater Premiere. Der Regisseur Alexander Eisenach inszeniert den 2007 erschienenen gleichnamigen Roman der Berliner Autorin Jenny Erpenbeck auf der großen Bühne. Die Hauptrolle spielt ein Sommerhaus auf einem Grundstück am Scharmützelsee in Brandenburg. Erpenbeck erzählt von Zeit und Geschichte während dreier Generationen. Von einem während der Nazizeit erfolgreichen Architekten, der nach den Vorstellungen seiner Frau ein Haus errichtet. Von einem jüdischen Tuchfabrikanten, der das Grundstück unter Wert verkauft und mit seiner Familie deportiert und ermordet wird. Von der Besetzung des Hauses durch die Kompanie eines jungen Majors der Roten Armee nach dem Zweiten Weltkrieg. Von der im Wandschrank versteckten Frau des Architekten. Von einer aus dem sowjetischen Exil zurückkehrenden Schriftstellerin. Von den Erben des Architekten, die nach dem Ende der DDR ihre Ansprüche auf das Haus einlösen.
Geschichten aus drei Generationen
In den Kammerspielen des Deutschen Theaters steht dann ab 22. Februar „Der erste fiese Typ“ auf dem Spielplan. Maren Eggert verkörpert darin Cheryl, eine Frau, die von sich denkt, sie sei „eine aufgeräumte Person“. Schließlich hat sie dank ihrer selbst erfundenen Methode zur Alltagsorganisation (keine unnötigen Gänge im Haus, Geschirrverzicht durch Verzehr direkt aus Topf und Pfanne, Bücherlesen am Regal statt Chaos in der Wohnung) ihr Leben voll im Griff. Doch die Obsession zur Selbstkontrolle kann nicht über die emotionale Leere in ihrem Leben hinwegtäuschen. Wie sich Liebe anfühlt, das weiß sie auch mit Anfang 40 noch immer nicht so richtig. In ihrer Fantasie führt sie zwar eine hocherotische Beziehung zu Philipp, einem Vorstandsmitglied der Firma, in der sie arbeitet (dort werden Selbstverteidigungsvideos für Frauen vertrieben), doch dieser alte Sack ist seinerseits verknallt in eine viel zu junge Frau. Für Cheryl ist es ein nahezu seismischer Schock, als plötzlich Clee bei ihr einzieht, eine Frau, halb so jung wie sie, mit langen, blonden Haaren, stinkenden Füßen und einer sehr direkten Art. Erst macht sich Clee nur auf dem Sofa breit, dann in Cheryls Leben. Und da ist die ungeheuerliche Frage: Ist es möglich, dass sie sich ausgerechnet in diese Frau verliebt hat? Sarah Kurze führt in diesem Stück Regie.
am Maxim Gorki Theater gespielt - Foto: Maxim Gorki Theater/Esra Rotthoff
Am 27. Februar steht Corinna Harfouch zur Premiere von „Spirit and the Dust“ auf der großen Bühne des Deutschen Theaters. Sie spielt Hope Foster, eine erfolgreiche Immobilienmaklerin, deren Geschäft es ist, Menschen ein Zuhause, einen Ort der Geborgenheit, zu vermitteln. Vor Jahren hat sie in einem unachtsamen Moment ihr Kind beim Spielen verloren. Seitdem ist ihr Leben überschattet – auch von der Frage nach Schuld. Bei einer Wohnungsbesichtigung lernt sie das junge Paar Margaret und Will kennen. Mit Margaret, die bald schon die Weichen für ihr zukünftiges Leben anders stellt, freundet sie sich an. Kurz darauf lernt sie Wills Vater kennen, einen ausrangierten Lateinlehrer, bei dem Hope Halt und Trost findet. Auch sein Leben ist gezeichnet von Verlust. Hinzu kommen der Sicherheitsberater Jerry und die Nachbarin Donna. Allesamt Gestrandete und vom Leben geprägte Zeitgenossen, die zu einer Art Schicksalsgemeinschaft zusammenfinden. Und wieder tauchen große Fragen auf: Gibt es Hoffnung in Zeiten der großen Lebenskrisen? Gibt es ein Leben nach dem Schiffbruch? Und kann Trost Wunden heilen?
Regisseurin Anna Bergmann inszeniert mit diesem Stück nach „The Homemaker“ und „Birthday Candle“ zum dritten Mal eine Uraufführung von Noah Haidle am Deutschen Theater.
Die Tänzerin und der Täufer
Große Fragen auch an der Schaubühne: Welchen Wert hat die Liebe in einer dekadenten Gesellschaft? Was bedeutet befreite Lust wirklich? Was passiert, wenn alle unsere Wünsche plötzlich in Erfüllung gehen? Diese Fragen wirft der Regisseur Michael Thalheimer in „Salome“ von Einar Schleef nach Oscar Wilde auf. Thalheimer kehrt mit dieser Inszenierung nach neun Jahren wieder an die Schaubühne zurück. Die Geschichte ist biblisch: Salome, Tochter der Königin Herodias, wächst am Palast ihres Stiefvaters Herodes auf. Während eines rauschenden Fests versucht er mehrmals, sich ihr zu nähern. Avancen, die Salome seit Kindheitstagen zugleich unterhalten und abwehren muss. Doch an diesem Abend scheinen die Dinge verändert, scheint Herodes’ grenzenlosem Begehren nichts mehr im Weg zu stehen. Gleichzeitig verkündet in einer Zisterne vor den Toren des Palasts ein verwahrloster Prophet namens Johannes das baldige Ende der dekadenten Gesellschaft. Er beschimpft Salomes Familie und eine Welt, die solche Menschen hervorbringt. Salome fühlt sich zu ihm hingezogen, sucht allen Warnungen zum Trotz seine Nähe. Der Prophet hat für sie aber nur Verachtung übrig, rät ihr, Gott zu suchen. Sie hingegen liebt ihn, begehrt ihn, will den wüsten Propheten um jeden Preis küssen. Zugleich steigert sich Herodes in einen einzigen Wunsch hinein: Salome tanzen zu sehen. Dafür ist er bereit, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Ihre eigene Mutter verachtet zwar die Schamlosigkeit ihres Mannes, sieht darin aber auch ihre Chance, den unliebsamen Propheten endgültig loszuwerden. Salome träumt von der Vereinigung mit Johannes, selbst der Tod ist keine Grenze mehr für die Erfüllung ihrer Sehnsucht. Schließlich tanzt sie unter der Bedingung, dass er hingerichtet wird.
Klassischen Theaterstoff bringt das Maxim Gorki Theater ab 18. April auf die Bühne: Die Zukunft scheint düster. Der Eindruck einer vielschichtigen politischen, sozialen, ökologischen und humanitären Katastrophe löst Gefühle von Hilflosigkeit und Angst aus. Ausgelöschte Städte, Kriegstrümmer, überflutete und verdorrte Landschaften sind zur Kulisse geworden, in der die Vorhersagen und Warnungen widerhallen, die ignoriert wurden. Im antiken Troja war es das Schicksal der Prophetin Kassandra, Unheil verkündende Bilder vorherzusehen, ohne dass ihre Warnungen Beachtung fanden. „Heute werden die Stimmen ganzer sozialer Gruppen durch eine ähnliche Ignoranz ausgeblendet, während apokalyptische Prognosen selbsternannter Kassandras zunehmend an Einfluss gewinnen, über Nationen und Menschen“, erklärt das Gorki den Hintergrund der Inszenierung. Die polnische Theaterregisseurin und Autorin Marta Górnicka sucht nicht nach düsteren Prophezeiungen, sondern macht sich auf die Suche nach den wahren Kassandras unserer Zeit. Nach Stimmen, die nicht gehört werden. Stimmen, die attackiert werden. Stimmen ohne Lobby. Sie bringt eine Gruppe von Menschen zusammen, die verschiedene Generationen, Sprachen, Fähigkeiten und Lebenserfahrungen umfasst – darunter die jüngsten und ältesten Rapperinnen Berlins, Kinder und Jugendliche. „Kassandra – or Songs of the Canaries“ nennt sich das Stück.