Wer mit dem Zug von Mannheim aus nach Saarbrücken unterwegs ist, dessen Blick fällt bei der Einfahrt in die Landeshauptstadt auf die beiden Türme der Kirche St. Michael. Was ist das für ein mächtiger Sakralbau, der auf hinteren Internetseiten der Tourist-Information zu finden ist?
Die katholische Kirche St. Michael wurde 2024 100 Jahre alt. Sie ist von der Fläche her der größte Sakralbau Saarbrückens. Jedoch steht sie, wie andere Kirchen des 20. Jahrhunderts, an denen Saarbrücken reich ist, im Schatten der barocken Architektur der Landeshauptstadt mit Ludwigskirche und der Basilika St. Johann – völlig zu Unrecht!
Der Sakralbau ist ein monumentales Zeugnis der aufstrebenden Industriestadt Saarbrücken im frühen 20. Jahrhundert und wurde bereits 1913 geplant. Initiator des Baus war Pfarrer Prälat Alois Echelmeyer von St. Johann, Namensgeber des späteren Parks, an dem die Kirche liegt.
Die Kirchengemeinde entschied sich für den Entwurf des damals erst 26 Jahre alten Architekten Hans Herkommer aus Schwäbisch-Gmünd. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte den für Oktober 1914 geplanten Baubeginn.
Erst am 3. Juni 1923 fand, anlässlich des ersten saarländischen Katholikentages, die Grundsteinlegung statt. Am 27. September 1924, nach einer für heutige Verhältnisse Rekordbauzeit, wurde die Kirche geweiht.
Monumentaler Sakralbau
Hans Herkommer studierte von 1906 bis 1910 an der Technischen Hochschule Stuttgart. Er übernahm von seinen Lehrern für St. Michael die Konzeption einer Stadtkrone und verband sie mit dem „kristallinen Expressionismus“ der 1920er-Jahre.
Weithin sichtbares Zeichen dafür sind die bereits erwähnten 47 Meter hohen Türme mit ihren Turmhelmen, die an Edelsteine erinnern, wie sie beim Bau des himmlischen Jerusalems auf dem Berg in der Offenbarung des Johannes beschrieben werden. Auch Michaelskirchen liegen stets auf einem Berg.
Der Erzengel ist in der Überlieferung auch Wächter an der Pforte zum Paradies. Ihn finden wir in St. Michael am Westportal in Form einer großen Bronzestatue wieder, die hier nicht wie sonst als wehrhafter Engel mit Schwert und Rüstung daherkommt, sondern barfuß, eingehüllt in eine bloße Tunika – ein Friedensengel, der mit der linken Hand die Stadt segnet: Ausdruck der Friedenssehnsucht nach dem Ersten Weltkrieg. Die über fünf Meter hohe und 30 Zentner schwere Bronzestatue stammt vom Künstler Franz Lorch, der für die Kirche auch die Darstellung der klugen und törichten Jungfrauen im Vorchor, den Josefsaltar und den Kreuzweg schuf.
Schaut man etwa von der unterhalb gelegenen Schumannstraße oder vom nahegelegenen Echelmeyerpark auf die Kirche, so hat man den Eindruck einer romanischen Wehrkirche aus dem 12. Jahrhundert. Dieser „Denkmaleindruck“ ist von Herkommer gewollt, indem er diesen auf ein modernes Gebäude überträgt.
Spätromanische, historische Orgel
In St. Michael stellen sich Wesensverwandtschaften mit Baustilen der Vergangenheit ein. Man entdeckt Elemente der byzantinisch-frühchristlichen Architektur (das Bruchsteinmauerwerk außen, die Rundbogen-Arkaden im Innern), der Romanik (das Portal und die stilisierten Säulen im Innern), der Gotik (die Decken im Hochchor und in der Marienkapelle) und der Renaissance beziehungsweise des Frühbarocks: die monumentale Kassettendecke.
Apropos Kassettendecke: Die Anzahl der Kassetten in dem 19 Meter hohen und 38 Meter langen Tonnengewölbe verringert sich zum Hochaltar hin und verstärkt mit den Rundbögen, die vom Portal bis zum Altarfenster durchgehen, eine Sogwirkung, der sich fast niemand beim Betreten der Kirche entziehen kann. End- und Höhepunkte dieses „Effekts“ sind darum auch der erhöhte Hochaltar, die Engelsfiguren und das 2023 restaurierte Altarfenster.
Der Entwurf zum Hochaltar aus Majolika, der in Formsprache und Anordnung ein Unikat ist, stammt von Herkommer selbst, die Ausführung oblag Emil Sutor, gebrannt wurde er von Villeroy & Boch.
Die Engelsfiguren und das Altarfenster stammen vom Hanauer Künstler Reinhold Ewald. Von ursprünglich fünf Engelspaaren, die altägyptisch wirken, sind noch drei übrig – nur so viel: Im Krieg wurden sie nicht zerstört …
Das Altarfenster zeigt den Erzengel als Engelsfürst, Seelenwäger und Drachentöter in leuchtenden Farben.
Ein Kleinod und einmalig in Deutschland ist das Altarrelief „Heilige Thérèse von Lisieux“. 16 Stationen aus ihrem Leben hat der Bildhauer Berthold Müller-Oerlinghausen einfühlsam dargestellt.
Ein weiterer „Diamant“ dieser Kirche ist die historische Späth-Orgel von 1925. Nach zwei Bauabschnitten 2020 bis 2022 klingt die spätromantische Orgel wieder original. Im Januar 2026 wird ein neuer Spieltisch aufgestellt werden.
Der Förderverein zur Kirchenmusik in St. Michael möchte ein weiteres Ziel verwirklichen: die Wiederherstellung des Fernwerks, das zur Klangarchitektur von St. Michael gehörte. Mittels elektrischer Impulse wurde bis zum Krieg eine zweite, kleinere Orgel angesteuert, die sich über der Decke im Dachstuhl befand. Durch offene Schächte kamen die Klänge aus neun Registern von oben auf die Zuhörer herab. Nach dem Krieg wurden große Teile einfach entwendet, Holz und Metall waren knapp…
Ein ambitioniertes Projekt – für das noch Geld gesucht wird – allerdings mit Alleinstellungscharakter für die Großregion bis nach Frankreich.
Herkommer hat sein erstes großes Werk bis zu seinem Tod 1956 begleitet. Ein Jahr zuvor hatte er noch dem Einbau von Betonfenstern im Kirchenschiff mit Dickglas („dalle de verre“) zugestimmt, die der berühmte französische Glasmaler Gabriel Loire (1957–1959) schuf – sein zweitgrößtes Projekt in Deutschland nach der Berliner Gedächtniskirche.