Gut zwei Jahre haben rund 150 Fachleute aus Politik, Kammern, Gewerkschaften und Bildungseinrichtungen an der saarländischen Fachkräftestrategie gefeilt. Im Oktober dieses Jahres stellten Wirtschaftsminister Jürgen Barke und Sozialminister Magnus Jung diese der Öffentlichkeit vor.
Es gibt derzeit 7.700 offene Stellen im Saarland, weniger als im vergangenen Jahr, sagt die Arbeitsagentur, und dennoch suchen viele Betriebe händeringend nach Fachkräften. Hier will die Landesregierung nun Abhilfe schaffen – mit einer eigenen Fachkräftestrategie.
Wesentliches Ziel ist es, dem Fachkräftemangel im Saarland mit maßgeschneiderten Angeboten für Arbeitnehmer zu begegnen und den Unternehmen den besseren Zugang zu Fachkräften zu ermöglichen. Innerhalb von fünf Jahren sollen die vier Bereiche Berufsorientierung, Qualifizierung, Aktivierung inländischer Potenziale sowie Fachkräftegewinnung aus dem Ausland zu spürbaren Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt führen.
Das ist auch bitter nötig. Denn die Herausforderungen für den Arbeitsmarkt sind immens: Die Generation der Babyboomer verabschiedet sich peu à peu in den Ruhestand, und die Arbeitsplätze können immer weniger nachbesetzt werden. Eine Vielzahl saarländischer Industrieunternehmen befindet sich mitten in einem schmerzhaften Transformationsprozess mit gravierenden Auswirkungen auf bestehende Arbeitsplätze sowie für künftige Anforderungsprofile der Arbeitnehmer. Die Integration ausländischer Arbeitskräfte in Arbeitsmarkt und Gesellschaft kommt nur schleppend voran. Die Abbrecherquote bei der beruflichen Erstausbildung von bis zu 30 Prozent ist viel zu hoch. Erschwerend hinzu kommt der Wegzug qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Saarland.
Früh orientieren, lebenslang lernen
Das Erfolgsrezept dieser Strategie: „Frühorientierung im Beruf, passgenaue Ausbildung und lebenslanges Lernen“. Dies klingt als Antwort auf die anstehenden Herausforderungen nur allzu logisch, aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Wie so oft in Deutschland mangelt es nicht an der Erkenntnis, sondern an der Umsetzung: zu langsam, zu bürokratisch, nicht immer ineinandergreifende Förderungen sowie als größter Knackpunkt die mangelnde Veränderungsbereitschaft bei vielen Arbeitnehmern und Betrieben. Wirtschaftsminister Jürgen Barke sieht in der Fachkräftesicherung daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Sie beginnt nicht in der Politik, sondern in unseren Schulen, Betrieben und Familien. Wir werden es immer mehr mit vielfältigen Arbeitsbiografien zu tun bekommen, mit der besten Ausbildung am Anfang und dauernder Weiterbildung, denn die Arbeit wird sich in Unternehmen und Betrieben grundlegend ändern. Eine Ausbildung, ein Job in einem Betrieb bis zur Rente werden der Vergangenheit angehören. Die Digitalisierung, der Einsatz Künstlicher Intelligenz, Tempo und Wettbewerbsdruck werden diesen Veränderungsprozess kontinuierlich beschleunigen.“ Schon heute könnten Unternehmen bestimmte Aufträge gar nicht mehr annehmen, weil ihnen das qualifizierte Personal dafür fehle, vor allem in Mangelberufen wie IT, Naturwissenschaften und Ingenieurwesen.
Vom Minijob zum Vollzeitjob
Eine gute Chance für das Saarland, dem entgegenzusteuern, sieht Sozialminister Magnus Jung in der Aktivierung ungenutzter Potenziale. Die Beschäftigungsquote bei Frauen beispielsweise sei im Saarland mit circa 70 Prozent im Vergleich zu anderen Bundesländern unterdurchschnittlich entwickelt, nur in Bremen sei sie niedriger. Mit gezielten Maßnahmen wie Beratung für den beruflichen Wiedereinstieg, verbesserten Rahmenbedingungen wie in der Pflege, mehr Betreuungsmöglichkeiten für Kinder oder digitaler Weiterbildung zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sprich mehr Flexibilität, könnte die Frauen-Erwerbsquote erhöht werden. Luft nach oben gebe es zudem bei der Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse – in puncto Minijobs belegt das Saarland den dritten Platz im Ranking der Bundesländer. Dafür müsste verstärkt Überzeugungsarbeit in den Unternehmen geleistet werden, um eventuell Teilzeit- oder Vollzeitjobs einzurichten. Verbesserungspotenziale sieht der Minister außerdem bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt. Dem Negativsaldo von 5.000 Abgängen deutscher Arbeitnehmer pro Jahr im Saarland steht lediglich ein Zuzug von 2.500 Arbeitnehmern aus Drittstaaten gegenüber. Deutschland insgesamt brauche jedes Jahr einen Zuzug von rund 400.000 Arbeitskräften aus dem Ausland, um den zunehmenden Fachkräftemangel halbwegs zu kompensieren, betonte Benjamin Wehbring von der Bundesagentur für Arbeit im Saarland. Er sieht im Fachkräftemangel das größte Risiko für die deutsche Wirtschaft in den nächsten Jahren. Das Saarland mit seiner betrieblichen und gesellschaftlichen Willkommenskultur könnte nach Ansicht von Wirtschaftsminister Barke insbesondere in diesem Bereich entscheidende Pluspunkte erzielen angesichts der politisch instabilen Lage in immer mehr Ländern dieser Welt. „Wir haben in Europa mit die beste Willkommenskultur.“ Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen des Landes mit ihrer internationalen Ausrichtung stehen dabei besonders im Fokus. Die gut ausgebildeten Kräfte müssten allerdings auch bleiben. Zudem soll die Beratungsstelle „SaarWork International“ zur Gewinnung von ausländischen Fachkräften weiter ausgebaut werden. Wichtige Impulse von der Fachkräftestrategie erwartet Minister Jung von einer effizienten Verzahnung bestehender Förderungen, von passgenauen Weiterbildungsmaßnahmen, einer besseren Organisation des Übergangs von der Schule in den Beruf und einer aktiven Arbeitsmarktpolitik mit der Bundesagentur für Arbeit speziell für Langzeitarbeitslose oder prekär Beschäftigte. „Im Wandel werden alle gebraucht, wir können es uns nicht mehr leisten, diese Potenziale ungenutzt zu lassen.“
Gleiches gilt für die immer noch zu hohe Abbrecherquote bei der dualen Berufsausbildung und im Studium. In manchen Branchen liegt sie sogar bei bis zu 50 Prozent. Tobias Schmitt von der Handwerkskammer des Saarlandes sieht das Handwerk ebenfalls in der Pflicht. „Das Handwerk muss sichtbarer und erlebbarer werden. Mit den Aktionen in Schulen vor Ort, Ausbildungsbotschaftern und Ausbildungsbegleitern sowie dem Aufzeigen von Karrieremöglichkeiten sehen wir uns auf einem guten Weg. Neben guten Rahmenbedingungen sind aber auch die Betriebe selbst gefragt, initiativ zu werden.“
Peter Nagel von der IHK Saarland und Thomas Otto von der Arbeitskammer des Saarlandes sehen in lebenslangem Lernen und ständiger Weiterbildung die richtige Antwort auf die sich verändernden Arbeitsmärkte. Die Frühorientierung im Beruf sei eine wichtige Weichenstellung für die berufliche Zukunft. „Wir können es uns nicht erlauben, Talente auf der Strecke zu lassen.“
An Geld sollte es für den künftigen Erfolg der Fachkräftestrategie jedenfalls nicht mangeln. Neun Millionen Euro stellt allein die Bundesagentur für Arbeit pro Jahr für die Förderung von Jugendlichen auf dem Weg von der Schule in den Beruf zur Verfügung. Die Wirtschaftskammern und Arbeitskammer legen verstärkt den Schwerpunkt auf Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen. Und auch das Land selbst unterstützt mit diversen Förderprogrammen. Insgesamt gibt es im Saarland rund 100 Einzelmaßnahmen. Die Fachkräftestrategie des Landes soll kein starres Konzept, sondern eine lernende Organisation sein, die vom Mitwirken und intensiven Austausch der Partner aus Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft lebt. Sie soll regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.