Millionen Deutsche schnarchen. Viele wissen das gar nicht, vor allem, wenn sie alleine schlafen. Meist bleibt es bei einem akustischen Problem. Kommen gesundheitliche Beeinträchtigungen dazu, kann es sich um eine Schlafapnoe handeln. Prof. Dr. Boris Stuck spricht über das Massenphänomen Schnarchen.
Herr Prof. Dr. Stuck, ist Schnarchen ein medizinisch relevantes Problem oder eher eine (Ruhe-)Störung in der Nacht?
Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Wir trennen zwischen dem reinen akustischen Phänomen Schnarchen und dem Schnarchen als Zeichen einer weitergehenden schlafbezogenen Atmungsstörung, also einer obstruktiven Schlafapnoe. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Jemand, der eine Schlafapnoe hat, schnarcht in der Regel auch. Aber dessen Hauptproblem sind die Atempausen, die Sauerstoffmangelzustände und so weiter. Viele Betroffene schnarchen allerdings nur und sind sonst gesund.
Als Laie kann ich das nicht merken, ob das ein medizinisches Problem für mich ist?
Nein, aber es gibt Symptome, die darauf hinweisen, dass eine ernstzunehmende schlafbezogene Atmungsstörung vorliegt. Wenn der Betroffene zum Beispiel merkt, dass der Schlaf nicht mehr erholsam ist, dass er morgens aufwacht und sich erschöpft fühlt, egal wie lange er geschlafen hat oder wenn Angehörige sagen, dass die Atmung unregelmäßig ist und Atempausen auftreten, dann sind dies Hinweise für eine Schlafapnoe. Eine zuverlässige Unterscheidung zwischen dem harmlosen Schnarchen und der Schlafapnoe ist für den Patienten selbst jedoch nicht möglich.
Wenn es um das harmlose Schnarchen geht, werden die Betroffenen hingegen meist von den Angehörigen geschickt, sie selbst bekommen von ihrem Schnarchen in der Regel nichts mit. Schnarchen entwickelt sich oft schleichend, und die Menschen gewöhnen sich an vieles. Aber auch bei der Schlafapnoe sind es oft die Angehörigen, die sich Sorgen machen und den Betroffenen drängen, zum Arzt zu gehen. Da hat es einen Wandel gegeben in der öffentlichen Wahrnehmung. Vor 20 Jahren war die Schlafapnoe relativ unbekannt, mittlerweile gibt es jedoch eine gewisse Sensibilität in der Bevölkerung.
Setzen Betroffene auf Selbsthilfe oder kommen sie direkt in Ihre Praxis?
Was zunimmt, ist die Nutzung digitaler Anwendungen, die haben auch durchaus ihre Berechtigung. Es gibt mittlerweile Smartwatches, die zum Screening, also zu einer Vortestung auf eine Schlafapnoe genutzt werden können und zum Beispiel in den USA auch als Medizinprodukt zugelassen sind. Es gibt auch Smartphone-Apps, die eine Analyse der Schnarchgeräusche vornehmen und anzeigen, wie lange und laut man schnarcht und das Risiko für eine Schlafapnoe in einer Ampel ausweisen. Auch hier gibt es seit einigen Jahren seriöse technische Entwicklungen. Der Bereich der Diagnostik geht immer mehr in Richtung Consumer-Produkte. Da gibt es eine spannende Entwicklung.
Bei einer professionellen Diagnose beim Arzt, welche Möglichkeiten nutzen Sie?
Wenn sich ein Patient bei mir vorstellt und sagt, er schnarcht und sucht nach Abhilfe, dann prüfe ich erst einmal, wie hoch das Risiko für eine Schlafapnoe ist. Ich frage zum Beispiel, ob er Atempausen im Schlaf hat, die beobachtet wurden, ob er tagsüber ausgeschlafen ist. Ich schaue auch, ob Risikofaktoren vorliegen. Ist der Patient tagesschläfrig, ist er übergewichtig? Hat er Herz-Kreislauf-Erkrankungen als mögliche Folge einer Schlafapnoe? Habe ich den Verdacht auf eine Schlafapnoe, dann bekommt er ein Aufzeichnungsgerät mit nach Hause, welches eine Vielzahl von schlafbezogenen Messwerten erfasst, also eine ambulante Schlafdiagnostik. Mit dem Ergebnis stellt er sich dann zur Besprechung vor, ob eine Therapie notwendig ist und welche für ihn infrage kommt.
Nutzen Sie Schlaflabordiagnostik?
In unklaren Fällen erhalten die Patienten eine Diagnostik im Schlaflabor, allerdings ist meist eine ambulante Diagnostik ausreichend. Die ambulante Diagnostik ist zwar weniger exakt als die Schlaflabormessung, findet aber in gewohnter Umgebung statt und kann, je nach Verfahren, auch über einen längeren Zeitraum den Schlaf erfassen, wenn es sein muss auch über mehrere Wochen. Die Technologie schreitet voran, und die Zukunft ist ambulant. Es wird zwar immer Patienten geben, die schwere Krankheitsbilder haben und die komplexe Messungen in der Nacht benötigen, für die Routinediagnostik kommt man allerdings meist ohne Schlaflabor aus.
Warum sind Schnarchen und Schlafapnoe so häufig?
Das grundlegende Problem ist der menschliche Atemweg, hier insbesondere der Rachen. Dieser ist im Gegensatz zu Nase oder Kehlkopf nicht mit Knorpel oder Knochen verstärkt, sondern in weiten Teilen ein schlaffer Schlauch. Wenn Sie einatmen, wird die Luft in den Brustkorb hineingesaugt, und es entsteht ein Unterdruck. Hier kann es dann im Bereich dieses schlaffen Schlauches zu Vibrationen (also einem Schnarchen) oder zu einem Kollaps (also einer Schlafapnoe) kommen. Diese hohe Flexibilität im oberen Atemweg hat aber auch Vorteile, so können wir singen und sprechen und uns komplexer artikulieren als alle anderen Organismen. Dafür haben diese keine Schlafapnoe.
Wer schnarcht eher, Männer oder Frauen?
In eigentlich allen Studien und Erhebungen kommt das Schnarchen und die Schlafapnoe bei Männern häufiger vor als bei Frauen, aber ganz sicher bin ich mir da nicht. Frauen mit einer Schlafapnoe haben eine etwas andere Symptomatik, die nicht so typisch ist und häufiger übersehen wird. Beim Schnarchen mag es eine Rolle spielen, dass Ein- und Durchschlafstörungen bei Frauen häufiger sind als bei Männern und jemand, der ohnehin schlecht schläft, sich natürlich auch durch einen schnarchenden Bettnachbarn eher gestört fühlt. Die Angaben sind jedoch nicht sehr belastbar, da es keine einheitliche Definition gibt, was Schnarchen wirklich ist. Ob die Geräusche, die die Bettpartnerin oder der Bettpartner im Schlaf von sich gibt, einfach nur als Atemgeräusch oder als störendes Schnarchen gewertet werden, liegt letztlich im Ohr des Zuhörers.
Wird denn da jetzt trotzdem intensiv geforscht zum Thema Schnarchen?
Eher weniger. Die fehlende Definition des Schnarchens trägt sicher dazu bei, und es gibt keinen guten Messwert für das Schnarchen, sodass man letztendlich immer auf die Angaben der Bettpartnerin oder des Bettpartners angewiesen ist. Für solide klinische Studien ist das kein guter Outcome-Parameter. Man muss auch bedenken, dass das reine Schnarchen zwar lästig, aber medizinisch unbedenklich ist und es auch keine Kostenübernahme für entsprechende Therapien gibt. Das erklärt, warum das Schnarchen in der Schlafmedizin eher ein Schattendasein führt und warum es so viele unseriöse Therapieangebote auf dem Markt gibt.
Wie sieht es mit der Schlafapnoe aus?
Hier wird deutlich mehr geforscht, auch weil es sich hier um ein zunehmendes Krankheitsbild handelt. Viele Patienten mit Schlafapnoe haben eine eingeschränkte Lebensqualität, sind tagsüber unausgeschlafen und haben ein höheres Herz-Kreislauf-Risiko. Es handelt sich also um ein ernstzunehmendes Krankheitsbild, das einen relevanten Teil der Bevölkerung betrifft und hohe Kosten verursacht. Da ist es verständlich, wenn Forschungsressourcen eher in Richtung Schlafapnoe gehen.
Kann ich also nicht viel medizinisch Sinnvolles gegen das Schnarchen tun?
Gewichtsreduktion bei Übergewicht ist sicher sinnvoll, wobei es keine guten Studien gibt, die zeigen, dass man durch Abnehmen weniger schnarcht. Das ist überraschend, aber fast alle Studien, die es gibt, wurden bei Schlafapnoe-Patienten gemacht. Da wird das Schnarchen auch tatsächlich besser. Es gibt immer wieder Publikationen oder Ideen, die Muskulatur im Rachen zu trainieren, durch Singen, Instrumente spielen oder auch durch Geräte zur elektrischen Muskelstimulation. Die Ergebnisse sind aber oft nicht sehr belastbar und die Effekte überschaubar und erfordern die Mitarbeit des Betroffenen. Da ist der Aufwand relativ groß für einen relativ moderaten Effekt. Alkohol am Abend vermeiden und Gewicht reduzieren hilft. Es gibt Patienten, die nur oder vornehmlich in Rückenlage schnarchen. Da gibt es die Möglichkeit, durch Hilfsmittel die Rückenlage zu vermeiden. Wenn die Nasenatmung behindert ist, so kann dies zum Schnarchen beitragen und eine medikamentöse oder operative Therapie Verbesserung bringen. Auch ausgewählte minimal-invasive Eingriffe, vornehmlich am weichen Gaumen, sind möglich. Es gibt bisher jedoch keine medikamentöse Therapie. Bei der Schlafapnoe gibt es einzelne Subgruppen, die auf bestimmte Medikamente ansprechen, aber das ist derzeit keine Therapiemöglichkeit für das harmlose Schnarchen.