Genua gilt nicht als hübscheste oder besucherstärkste, dafür aber als „authentischste Stadt Italiens“. Neben Hinguckern wie dem XXL-Aquarium und den Welterbe-Palästen liegen so manche Schätze im Verborgenen.
Nur wenige Städte haben in ihrer Geschichte derart ausgeprägte Höhen und Tiefen erlebt wie die 564.000-Einwohner-Metropole am Ligurischen Meer. Einst mächtiges Finanzzentrum im Mittelalter und ein Hort höchster Kunstgenüsse musste die Hafenstadt auch immer wieder schwere Rückschläge einstecken. In den 1970er- und 1980er-Jahren zum Beispiel. Die mittelalterliche Altstadt, mit rund 400.000 Quadratmetern angeblich die größte Europas, machte damals einen überwiegend verwahrlosten und der vernachlässigte Hafen mit seinen Schrottbergen und dunklen Ecken einen abstoßenden Eindruck. Kein Wunder, dass Touristen oft einen großen Bogen um die Hauptstadt Liguriens machten. Doch dann kam neuer Schwung, beflügelt von den Kolumbusfeiern 1992 und dem Kulturhauptstadtjahr 2004. Und tatsächlich: „La Superba“ – „die Stolze“ – ist wieder eine andere geworden, eine schönere, freundlichere und eben stolzere Stadt.
Sicher, zur Stoßzeit mit dem Auto auf der betonstelzernen Hochstraße Sopraelevata (wo 2018 beim Einbruch eines Teilstücks 43 Menschen ums Leben kamen) und erst recht rund ums Zentrum unterwegs zu sein, erfordert nach wie vor eine gewisse Leidensfähigkeit oder besser noch Gelassenheit. Der beengte Platz zwischen den Hügeln und dem Meer hat sich schließlich nicht vergrößert, im Gegensatz zum Verkehrsaufkommen. Aber wie sich das von vielen Touristen über Jahre kategorisch gemiedene Genua in seinem Kern entwickelt hat, lässt nur eine Empfehlung zu, selbst wenn dadurch der Stau noch größer wird: nicht mehr umfahren, hinfahren!
Bronzener Brunnen auf der Piazza De Ferrari
In das Altstadtgewirr aus Hunderten kleiner Gassen und echt schräger Wege ist Licht gekommen. Im wahrsten Sinne. Schließlich wurden auch abgelegenere Passagen in den vergangenen Jahren mit Laternen ausgestattet, was sie als Standort dunkler Machenschaften automatisch unattraktiver erscheinen ließ. Große Leuchtkraft geht auch von den seit Jahren nach und nach restaurierten Kirchen, Bürgerhäusern und Palästen aus. Von denen ist die einst so machtvolle Handelsstadt nämlich übervoll. „Mitunter muss man genau hinsehen, um die Schätze zu entdecken, doch es gibt sie zahlreich. Vor allem wenn man nach oben blickt“, begeistert sich Stadtführerin Daniela. „Untenrum sehen die Läden oft gewöhnlich aus, doch in den oberen Etagen werden Fresken, hohe Etagen, Rundbogenfenster und mittelalterliche Strukturen deutlich“, erzählt die seit Jahren in Genua lebende Frau, die die Entwicklung „ihrer Stadt“ hautnah und mit Freude verfolgt.
Mit Freude zeigt sie Gästen auch weitere Glanzpunkte: die Piazza De Ferrari mitsamt dem ikonischen bronzenen Brunnen von 1936 sowie den rundherum befindlichen prächtigen Gebäuden wie dem Opernhaus Carlo Felice und dem Palazzo Ducale. Der war einst Residenz der Dogen und ist heute ein lebendiges Kulturzentrum mit wechselnden Ausstellungen. Unweit liegt die schwarz-weiß gestreifte Cattedrale di San Lorenzo, die – typisch Genua – ohne großes Trara mitten in der Altstadt auftaucht, Kunstliebhabern jedoch wegen der interessanten romanisch-gotisch-barocken Stilkombination die Freudentränen in die Augen treibt. Dann ist da noch der Palazzo San Giorgio, an dessen Außenwänden beim Restaurieren die Fassadenfresken von Lazzaro Tavarone zum Vorschein kamen. Und der neoklassizistische Palazzo Belimbau an der Piazza della Nunziata, der mit seinem opulenten Inneren sicherlich zu den schönsten Palazzi dei Rolli zählt, von denen gleich 42 an der Zahl zum Unesco-Welterbe gekürt wurden. Ein schöner Beweis, wie Bemühungen mit einer Auszeichnung belohnt werden, die wiederum Ansporn für weitere Bemühungen ist. Und das einst so mächtige Genua, das eine der ersten Banken der Welt, die Jeans (jaja!), das grüne Pesto und mit Christoph Kolumbus den womöglich größten Seefahrer überhaupt hervorbrachte, spielt seit Jahren wieder eine gewichtigere Rolle.
Schöne Naturparks außerhalb der Stadt
Dass die lange geschmähte Stadt sowohl für Einheimische als auch Nicht-Genuesen rapide an Attraktivität gewinnt, liegt auch an den Bemühungen auf anderen Ebenen. Etwa den etwas höher gelegenen im Hinterland, wo die beiden Naturparks Aveto und Beigua eingerichtet wurden und als lohnenswerte Ausflugsziele auch den Lebenswert Genuas steigerten. Zugleich setzte man mit Messen und Kongressen auf eine neue Klientel. Die kam auch mit den immer häufiger anlegenden Luxusjachten und Kreuzfahrtschiffen. Was nicht zuletzt am Porto Antico liegt, das der aus Genua stammende Star-Architekt Renzo Piano zur „Piazza am Mittelmeer“ umgestaltete und zugleich zum neuen Aushängeschild der Stadt aufwertete.
So gehört das Acquario, 1992 zur Expo und den Kolumbusfeiern eingeweiht, zu den bekanntesten und größten Europas. In mehr als 70 Bassins bekommen Besucher allerlei Meeresgetier zu Gesicht – insgesamt sind es über 12.000 Tiere. Aufregend: Zu bestimmten Terminen können Kinder im Schlafsack vor dem Becken der Haie übernachten! Das später hinzugekommene Meeresmuseum Galata nebenan hat es ebenfalls in sich, gilt es doch als größtes maritimes Museum des Mittelmeers, das die Geschichte der Seefahrt interaktiv präsentiert, U-Boot-Besichtigung inklusive.
Musterbeispiel für Stadtsanierung
Mittendrin im Porto Antico befindet sich der vielarmige Hafenkran Bigo, dessen gläserner Panoramaaufzug aufregende Ausblicke ermöglicht. Doch auch der Blick auf die Skulptur hat es in sich. Bigo jedenfalls ist als neues Wahrzeichen längst etabliert. Was nicht heißt, dass das alte Wahrzeichen, der aus dem Jahr 1543 stammende Leuchtturm La Lanterna, abgeschrieben wäre! Nein, Europas höchster Leuchtturm wird nach wie vor gern besucht, auch dank der zwei aussichtreichen Plattformen. Von dort oben wird auch noch mal deutlich, wie viel Leben in dem einst abgeschnittenen, dunklen Viertel wieder herrscht, dank Restaurants und Museen, dem Jachthafen und der einladenden Fußgängerzone direkt hinüber zur Altstadt. Nicht umsonst wird Genua europaweit als Musterbeispiel für eine gelungene Stadtsanierung angeführt. Und wer doch einmal etwas Pause von der Stadt braucht, findet im nahen Umland rasch wohltuende Ruheorte. Zum einen wäre da das charmante Fischerdorf Boccadasse, das mit seinen pastellfarbenen Häusern und kleinen Buchten einen idealen Ort für einen entspannten Abstecher darstellt. Und zum anderen die noch etwas weiter östlich befindliche malerische Küstenpromenade Passeggiata Anita Garibaldi, die sich vom Fischerort Nervi an Felsen, Gärten und Villen aufs Angenehmste entlangzieht.