Der Gipfelstar der Tennis-Welt aus Südtirol hat diesmal beste Chancen, sich auch den letzten der vier Grand-Slam-Titel zu holen. Doch Jannik Sinners Rivalen wollen den Favoriten der French Open 2026 vom Weg aufs Treppchen abbringen.
Die Aussage ist eindeutig: „Tennis braucht Carlos.“ Der Spirit sei mit ihm besser, sagt Jannik Sinner, der ewig weiter Siegende dieses Tennisjahres. Der Anlass der Schreckensvisionen des 24-Jährigen: Sandplatz-Prinz Carlos Alcaraz, der würdige Nachfolger von König Rafael Nadal, musste das Grand-Slam-Turnier von Paris (24. Mai bis 7. Juni) absagen. Ein malades Handgelenk verhindert eine Rückkehr des French-Open-Gewinners der vergangenen zwei Jahre an den Schauplatz seiner größten Triumphe auf Sand. Dort, wo eine Statue von Nadal an die 14 Erfolge des Mallorquiners erinnert, wird Carlos Alcaraz in diesem Jahr seine Füße nicht weiter in die übergroßen Fußstapfen seines Landsmanns eingraben. Seine Armverletzung von Barcelona raubt ihm die Chance, French-Open-Titel Nummer drei in Folge zu holen.
Der Körper von Alcaraz streikt
„Ich habe noch eine lange Karriere vor mir. Mich bei den French Open zu verausgaben, könnte meiner Zukunft ernsthaft schaden“, erklärte der 22-Jährige seine Absage. Auf Instagram sprach er davon, „Vorsicht walten zu lassen“. Ebenfalls über die sozialen Medien bestärkte Nadal den jungen Spanier: „Kopf hoch, Carlos! Ich hoffe, du erholst dich so schnell wie möglich.“
Weil Hauptrivale Alcaraz zurückzog, eröffnet sich die bislang beste Chance für Jannik Sinner, den fehlenden Pariser Grand-Slam-Pokal in seine Sammlung der angesehensten aller Tennis-Wettbewerbe einzureihen. Doch macht ihn diese Möglichkeit weniger froh, als seine Fans meinen könnten. Er persönlich finde es netter und er selbst sei glücklicher, wenn Alcaraz bei einem Turnier dabei sei, grämt sich Sinner. Auch wenn sie beide im Finale dann zwangsläufig wieder aufeinanderträfen. Der Supersportler aus dem italienischen Innichen äußerte sich besorgt, dass Alcaraz dauerhaft Probleme mit seinem Handgelenk bekommen und nicht mehr auf die Tour zurückkehren könnte. Kein Wunder, wenn man die Konkurrenz anschaut: Wer außer Alcaraz stellt eine ernsthafte Herausforderung für den Südtiroler da, der schon in seiner Kindheit reichlich Höhenluft schnupperte und auf den Loipen rund um Innichen Ausdauer lernte? Langweilig finden manche Tennis-Anhänger jetzt schon die Turnierausgänge. Was wäre los, wenn Alcaraz ab sofort von der Bühne verschwände?
Eine albtraumhafte Vorstellung, nicht nur für Sinner. Auf den wartet in Paris nicht nur die Einsamkeit des Besten unter weniger Begabten. Sondern auch noch das Schreckensszenario, dass sich seine Gegner Überraschungstaktiken ausdenken könnten, die er nicht souverän genug parieren kann. Alexander Zverev war nach seiner nicht einmal einstündigen Final-Niederlage gegen den Weltranglisten-Ersten in Madrid bedient. Zumal Sinner ihn in diesem Jahr schon in drei Halbfinal-Begegnungen vorgeführt hat. Obwohl Zverev in diesem Jahr gut in Form ist. Zumal auf Sand, wie in München und jüngst Rom zu sehen war.
Mit ein wenig Vorlauf zu den French Open gab der 30-Jährige im Sky-Interview eine Komplott-Ansage aus: „Wir müssen alle irgendwie als Tour einen Weg finden, ihn zu stoppen.“ Schlechte Tage gibt es für Sinner nicht. Deshalb sagte „Sascha“: „Ich glaube, zwischen Sinner und allen anderen klafft derzeit eine große Lücke – so einfach ist das.“ Der Hamburger könnte mithin gut auf Jannik verzichten. Ohne ihn könnte die Nummer drei der Welt die Verletzung von Sandplatz-Prinz Carlos nutzen und selbst seinen lang ersehnten ersten Grand-Slam-Titel anvisieren. Doch mittlerweile geht sogar seine Sandplatz-Souveränität verloren, wenn der 30-Jährige dem 24-jährigen Giganten gegenübersteht. Dabei ist Zverev seit Jahren eine der am höchsten aufragenden Zinnen auf der Tennis-Tour. Doch der Südtiroler Sinner gibt den Gipfel nicht freiwillig preis.
Was ist für Djokovic drin?
Allerdings ist bereits ein anderes spanisches Supertalent am Start: Der 19-jährige Rafael Jódar schoss in dieser Saison von jenseits der 200er-Positionierung in die Top 40 der Weltrangliste vor. Sand ist sein Metier. Kaum eine Niederlage musste der neue Rafael in diesem Jahr auf dem vielfältig nutzbaren Manövrier-Belag einstecken. Eine relevante Pleite allerdings schon: die im Duell mit Sinner in Madrid. Also ist auch Rafael II. keine große Gefahr für Jannik. Vorerst.
Doch da ist noch Novak Djoković. In Rom meldete sich der Tennisspieler, der keineswegs in Altersteilzeit ist, mal wieder zu einem der wenigen Turniere zurück, die der 39-Jährige vorbereitend für Grand-Slam-Events weiterhin spielt. Weil er schneller ermüdet als die jüngeren Spieler, teilt sich der Rekord-Spieler seine Kraft strategisch ein. Zudem laborierte er bis in die Sandplatzsaison hinein wochenlang an einer Schulterverletzung herum. Lange Zeit konnte der „Djoker“, letzter Aktiver der „Big Four“-Riege, zu der auch Roger Federer, Andy Murray und Nadal gehörten, nur hoffen, dass er bei Roland Garros dabei sein wird. Kurz zuvor sah es danach aus. Doch der Serbe hat kaum Matches und Partien in seinem Arbeitsbuch 2026 stehen. Training in Belgrad gleicht das Manko an echten Matches nicht aus. Erst in Rom in die Sandplatz-Saison einzusteigen, ist zudem sehr spät, um sich an den schwierigen Belag zu gewöhnen.
Alcaraz versperrte Djoković im Finale der Australian Open den Weg zum 25. Grand-Slam-Titel für den stolzen GOAT („Greatest of All Times“), am Ende von fünf Sätzen mit dem längeren Atem des Italieners. So wie 2025 Sinner als Gewinner des Halbfinals den Serben aus den French Open warf. Experten trauen es dennoch am ehesten Djoković zu, Sinner auf der legendären Asche zu bezwingen. Zumal er heuer in Paris sicher keine Kraft gegen Alcaraz einsetzen muss.
Ehemalige Spieler äußern sich dieser Tage gerne in Podcasts. Auf diesem Weg ließ Greg Rusedski die Welt wissen, dass Grand-Slam-Titel Nummer 25 in Paris für den 39-Jährigen „außer Reichweite“ sei. Eben wegen dieses extrem fordernden Sands. In „Off Court with Greg“ sinnierte der ehemalige US-Open-Finalist und einstige britische Weltranglisten-Erste im Januar über Djokovićs Saison: „Ich denke, er glaubt noch immer, dass er einen Major gewinnen kann. Entscheidend wird sein, dass er bis zum Halbfinale so viel Energie wie möglich spart.“
Schlägt die Stunde von Casper Ruud?
Karen Khachanov, derzeit unter den Top 20 der Tennisprofis, würde nicht so gerne auf den „Djoker“ treffen. Der Russe sinniert über den Serben: „Man braucht gar nicht darüber zu reden, ob er seinen 25. Grand Slam gewinnen kann … Warum sollte er nicht können? Er stand im Finale in Australien, letztes Jahr war er in den Halbfinals aller vier Grand Slams und verlor nur gegen Sinner und Alcaraz. Das sind seine Hauptrivalen.“ Khachanov, wie Zverev einst ein „junger Wilder“, die Vorgänger-Generation von Sinner, mahnt: „Ich denke, jüngere Tennisspieler sollten ihn öfter schlagen. Aber er lässt es immer noch nicht zu.“
Als Angreifer taugt theoretisch Holger Rune: Doch der 23-jährige Däne tritt nach seinem Achillessehnenriss noch nicht in Paris an. Aber die French Open versammeln noch mehr Creme auf Sand: Etwa Francisco Cerúndolo, der zeigte sich auch in München bei den BMW Open als sehr gefährlich auf dem schwierigen Belag. So wie einst der junge Stefanos Tsitsipas, der ein klarer Clay-Court-Typ ist. In diesem Jahr punktet der Grieche nach seiner Rückenverletzung nur, wenn alles zusammenpasst. Casper Ruud dürfte im Angriff auf Sinner vorne dabei sein: Der 27-Jährige gehört zu den stärksten Sandspielern und denkt von Jannik: „Er ist schlagbar.“ Ben Shelton kann auf Sand explosiv agieren, was Zverev im Finale von München schmerzhaft zu spüren bekam. Vielleicht überrascht der US-Amerikaner in Paris Sinner mit seiner vulkanösen Energie.
Die Italiener sind Sandplatz-Genies: So auch Flavio Cobolli, mit dem ein Stück weit zu rechnen ist. Auch den Kanadier Félix Auger-Aliassime sollten Zuschauer und Sinner im Auge behalten. Aus deutscher Sicht ist besonders auf Yannick Hanfmann und Daniel Altmaier zu achten: zwei zähe Ringer. Auch wenn beide, wie Jan-Lennard Struff, oft um eine Nuance an Überraschungssiegen gegen höher rangierende Gegner vorbeischrammen.
Nachwuchs gibt’s übrigens bei den Männern im Doppel: Die bayerischen BMW-Open-Sieger Jakob Schnaitter und Mark Wallner erhöhen neben Kevin Krawietz und Tim Pütz neuerdings die Chancen aus deutscher Sicht.