Die ermittelten Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Netz haben sich seit 2020 verdreifacht. Bundesfamilienministerin Karin Prien will energischer dagegen vorgehen, wenn notwendig mit einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige.
Es ist ein leicht abgedunkelter Raum im Landeskriminalamt Berlin am Platz der Luftbrücke im Bezirk Tempelhof. Im ersten Stock sitzt ein Teil der LKA-Cyber-Abwehr, Referat Sexualdelikte. Wenn auch ansonsten oft über die unzureichende Ausstattung der Polizeibehörden berichtet wird, hier, wie bundesweit in allen anderen Landeskriminalämtern, steht die neueste Generation von Hochleistungsrechnern. KI-gestützte Entschlüsselungs-Programme sind eine Selbstverständlichkeit.
Ein LKA-Beamter führt dem FORUM-Reporterteam vor, wie einfach es Erwachsene haben, im Netz an Jugendliche und Kinder heranzukommen. Ein LKA-Lockvogel gibt sich in einem Chatportal als Zwölfjährige aus, die ihren Körper entdeckt. Innerhalb von gerade mal sieben Minuten kommen Bilder eines erigierten Penis zurück, samt Nachfrage, ob die vermeintliche Interessentin nicht mal Intim-Fotos von sich schicken möchte. Cyber-Grooming, Anbahnung über Informationstechnik.
Die Fälle von sexualisierter Gewalt im Netz haben sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht, von 5.000 auf 15.000 registrierte Fälle. Das ist allerdings nur das Hellfeld, das dahinter verborgene Dunkelfeld kann allenfalls geschätzt werden. Das wahre Ausmaß können selbst erfahrene Ermittler nur ahnen, sicherlich doppelt, wenn nicht dreimal so groß. Dabei spielen sexuelle Übergriffe und Gewalt im Netz eine immer größere Rolle.
Schutz im digitalen Raum nur mangelhaft
„In jeder Schulklasse sitzen vermutlich ein bis zwei Kinder, die sexuelle Gewalt erleben mussten“, meint Bundesfamilienministerin Karin Prien. Was die CDU-Politikerin am meisten schmerzt, ist, dass die „Datenlage zu sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche insgesamt, aber speziell im digitalen Raum mehr als mangelhaft“ ist. Gerade die Sexual-Netz-Delikte an Minderjährigen sind in den vergangenen Jahren vermutlich exponentiell angestiegen. Die Herausforderung dabei: Selbst viele Eltern wissen meist nicht, in welchen Chats ihre Kinder da so jeden Tag rumstromern, so Prien.
Sie ist selbst Mutter dreier Söhne und hat immer versucht zu kontrollieren, was ihre Kinder im Internet tun. Darum nimmt sie auch die Eltern in die Pflicht. „In der analogen Welt dürfen die Kinder oft kaum einen Schritt allein vor die Tür gehen, aber im digitalen Raum werden dann die Kinder mehr oder weniger alleine gelassen.“ Schutz entsteht beim Hinschauen, so Prien, doch im digitalen Raum sind viele Eltern aus nachvollziehbaren Gründen sehr schnell überfordert, darum sei hier auch der Staat in der Verantwortung, so Prien.
Sie hält weiterhin an ihrem Vorschlag fest, dass der Gesetzgeber eine Form eines Social-Media-Verbots für unter 16-Jährige verfügen sollte. „Dabei geht es nicht darum, die Teilhabe einzuschränken, sondern Kindern und Jugendlichen einen sicheren Raum zu ermöglichen, um sie unter anderem vor Cyber-Grooming zu schützen.“ Widerstände kommen dabei aber eher weniger aus dem Bundeskabinett, so Ministerin Karin Prien: Tech-Konzerne haben wenig Interesse an mehr Schutz von Kindern und Jugendlichen. „Dazu ist ihr Interesse am Sammeln von Daten viel zu groß.“
Um nun erst mal eine bessere Datenlage über das ganze Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen vor allem im Cyberraum zu bekommen, werden im kommenden Jahr 10.000 Neuntklässler an den Schulen befragt. Aufgrund der dann aktuellen und umfangreichen Datenlage hofft Prien, auch bezüglich präventiver Maßnahmen mehr Gehör und Verständnis zu bekommen, die zu einer entsprechenden Gesetzgebung führen könnten.