Frauen haben im Spitzensport offenbar ein markant höheres Risiko für Kreuzbandrisse als Männer. Das Problem ist erkannt. Die Gründe zeichnen sich ab, müssen aber noch wissenschaftlich bestätigt werden.
Die Betroffenheit war riesig. „Als sie auf dem Boden lag und ich sie schreien gehört habe, war bei mir im Kopf schon: Scheiße, bitte nicht schon wieder“, sagte Profi-Fußballerin Alara Sehitler. Doch die Diagnose brachte bittere Gewissheit: Nationalspielerin Lena Oberdorf hat einen Kreuzbandriss erlitten. Schon wieder. Zum zweiten Mal in 15 Monaten. Wegen des ersten am 16. Juli 2024 hatte Oberdorf schon die Olympischen Spiele und die Europameisterschaft verpasst.
„Bitte nicht schon wieder“
„Bis wir uns wiedersehen“, schrieb Oberdorf via Instagram an ihre fast eine halbe Million Follower. Dahinter stand ein zerrissenes Herz. Bianca Rech, Sportdirektorin von Oberdorfs Club FC Bayern München, sagte: „Diese Nachricht trifft uns alle sehr, und wir fühlen mit Lena. Nach ihrer ersten Verletzung hat sie mit großem Willen und unermüdlichem Einsatz an ihrem Comeback gearbeitet. Dass sie nun erneut einen solchen Rückschlag erleben muss, ist unglaublich hart.“ Oberdorf sei „angefasst“ gewesen, berichtete Nia Künzer nach dem ersten Telefonat. Sie habe ihr aber schnell gesagt, dass wir „an ihrer Seite“ stehen.
Kaum jemand kann sich besser in Oberdorf hineinversetzen als Künzer. Die heutige Sportdirektorin des Deutschen Fußball-Bundes hatte in ihrer Karriere selbst gleich vier Kreuzbandrisse. Als sie der vierte ereilte, im Alter von 23 Jahren und rund acht Wochen nach ihrem legendären Golden Goal im WM-Finale 2003, ging sie erst einmal nicht zum Arzt. „Ich habe mir ein paar Tage Auszeit genommen“, sagte sie damals. Sie wusste, was kommt. Nach der Diagnose ließ sie Zeit vergehen bis zur Operation. Wollte erst ihren Geburtstag feiern und flog mit dem kaputten Knie nach Ägypten. Kraft tanken für den Physio-Marathon, den sie bestens kannte. Und als ihr klar war, dass sie Olympia 2004 verpassen würde, setzte sie sowieso andere Prioritäten: „Ich wollte Weihnachten nicht im Krankenhaus liegen und auch nicht meinen Urlaub verschieben.“
Dieser Fatalismus war das Ergebnis der ersten drei Kreuzbandrisse. Und auch Oberdorf weiß schon nach einem Mal, was auf sie zukommt. Die Reha sei hart gewesen, berichtete sie noch im Spätsommer mit Blick auf die erste: „Sehr hart. Und ich war noch nie ein geduldiger Mensch. Es war die Hölle.“
Dass sie diese nun wieder durchleben muss, ist vielleicht weniger Zufall, als man auf den ersten Blick denken mag. Denn es gibt inzwischen zahlreiche Experten-Einschätzungen, wonach Frauen ein deutlich höheres Risiko haben, sich das vordere Kreuzband zu verletzen als Männer. Die aktuellen Zahlen stützen das. In der Frauen-Bundesliga fehlen derzeit 16 Spielerinnen wegen dieser Verletzung. Bei den Männern sind es nur sechs. Und das, obwohl es bei den Frauen nur 14 Vereine gibt und bei den Männern 18. Obwohl die Kader bei den Männern durchschnittlich größer sind. Und obwohl die Männer durch die Ligen-Größe wie durch weitere Wettbewerbe in der Regel deutlich mehr Saisonspiele haben und damit grundsätzlich eigentlich ein höheres Verletzungsrisiko.
Präventiv mehr dagegen tun?
Sehitler, die geschockte Augenzeugin bei Oberdorfs Verletzung, sagte mit Blick auf die Flut dieser Schocknachrichten: „Das macht gerade allen ein bisschen Angst, wenn man sein Handy öffnet und irgendwie jeden Tag eine neue Verletzung auf seinem Handy hat.“ Das Ganze sei „ein Thema, worüber wir uns natürlich Gedanken machen müssen“, sagte auch Bundestrainer Christian Wück. Man müsse überlegen, „ob es generell ein Frauenfußballproblem ist, ob es ein Überbelastungsproblem ist“, sagte Wück: „Es trifft ja nicht nur uns, die anderen Nationen haben die gleichen Probleme. Im Großen und Ganzen müssen wir uns da Gedanken machen, wie wir das medizinisch besser in den Griff kriegen.“ Künzer erklärte derweil, dass sich die Bedingungen seit ihrer Spielerinnen-Zeit zwar „enorm verbessert“ hätten. „Wir haben im medizinischen, im athletischen, im Physio-Bereich natürlich wahnsinnige Fortschritte gemacht. Trotzdem müssen wir feststellen, dass es die Verletzung immer noch in einer bestimmten Häufigkeit gibt.“ Da müsse man „dranbleiben und forschen, um dann zu schauen, was man möglicherweise präventiv noch mehr dagegen tun kann“.
Das ist wohl nötig. Denn für viele Wissenschaftler ist das höhere Risiko klar, auch wenn die wissenschaftlich endgültige Bestätigung noch aussteht. „Frauen haben aus verschiedenen Gründen ein deutlich erhöhtes Risiko, im Sport, und gerade im Fußball, an Kreuzbandverletzungen zu leiden“, sagte Prof. Dr. Ingo Froböse, Leiter des Instituts für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule in Köln: „Die Wissenschaft geht mindestens von einem doppelt so hohen Risiko aus. Einige Quellen sprechen sogar von einem fünf- bis sechsmal so hohen Risiko.“ Dafür gebe es „anatomische Gründe wie eine Neigung zu leichten X-Beinen bei Frauen, eine engere knöcherne Führung des Kreuzbandes, weniger Muskelmasse, schwächeres Bindegewebe“. Dies bedinge „eine erhöhte Belastung des Kreuzbandes“. Zudem sei das Kreuzband bei Frauen meist dünner, hormonelle Einflüsse wie bei der Menstruation würden es zusätzlich schwächen.
Ähnlich sieht es die Sportwissenschaftlerin Christiane Wilke. „Frauen erleiden durchschnittlich vier- bis fünfmal häufiger einen Kreuzbandriss als männliche Spieler“, sagte sie bei „Geo“. Die häufiger vorkommende X-Bein-Stellung sei dabei ein elementarer Grund: „Da ist das Einknicken nach innen vorprogrammiert – wenn dabei auch noch die Hüfte beziehungsweise der Oberkörper eine Drehbewegung vollzieht, haben wir den klassischen Mechanismus, der ein Kreuzband reißen lässt.“ Ein weiterer Faktor sei, dass das weibliche Bindegewebe „oft schwächer ist, das reduziert insgesamt die Stabilität. Dabei spielen auch Hormone eine große Rolle. Man glaubt, dass Östrogen die Reißfestigkeit des Bindegewebes und der Bänder herabsetzt. Je nach Zeitpunkt des Menstruationszyklus sind Frauen wahrscheinlich mehr oder weniger anfällig für einen Kreuzbandriss.“
Doch wenn die hormonellen Veränderungen im Zyklus einen Einfluss auf die Kollagenstruktur, die Zugfestigkeit der Bänder und damit die Beweglichkeit des Knies haben, kann man normalerweise ja genau erkennen, wann das Risiko erhöht ist. Manche Wissenschaftler fordern deshalb auch ein „zyklusbasiertes Training“. Das auf jede Einzelne zuzuschneiden, wäre im Mannschaftssport aber ein riesiges Projekt. Zumal es im Frauenfußball trotz der rasant gestiegenen Professionalität noch oft an grundlegenden Voraussetzungen fehlt, die schon ausreichen könnten, um das Risiko zumindest deutlich zu senken.
Amateurbereich noch schlimmer
„Viele Trainingspläne orientieren sich an männlichen Normwerten. Um Verletzungen zu vermeiden, sollten bereits junge Athletinnen frühzeitig geschlechterspezifisch trainieren“, sagte Rebecca Sänger, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Geschlechtersensible Medizin bei der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie bei sportschau.de. Die „Taz“ schrieb: „Immer noch trainieren Spielerinnen häufig nach Plänen, die für Männer geschrieben sind. Sie tragen Fußballschuhe, die für Männerfüße gestaltet wurden. Sie trainieren auf schlechterem Rasen. Sie haben eine lächerliche medizinische Abteilung im Vergleich zu den Männern. All das trägt zur Masse der Kreuzbandrisse bei.“ Oder, noch etwas mehr heruntergebrochen: „Im Amateurfußball ist das Risiko für Kreuzbandrisse deutlich höher als bei den Profis. Kein Wunder, dass Frauen häufiger betroffen sind, die oft noch wie Amateurinnen trainieren.“
Dabei könnten schon manche Aspekte viel bewirken. „Frühzeitiges Training von Landetechnik, Kraft und Körperstabilisierung verringert die Gefahr von Verletzungen des Kreuzbandes“, forderte zum Beispiel Thomas Tischer von der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin. „Wäre präventives Krafttraining ein konsequenter Bestandteil des Workouts, ließen sich wahrscheinlich viele Kreuzbandrisse verhindern“, sagte auch Sportwissenschaftlerin Wilke: „Da reichen jeweils 20 bis 30 Minuten in jeder Trainingseinheit, zu Beginn braucht es dafür auch keine Hilfsmittel, keine Geräte.“ Und der Münchner Orthopäde Dr. Leonard Achenbach, Chirurg der Frauen des FC Bayern und Koordinator Fußballmedizin beim Deutschen Fußball-Bund, erklärte bei BR24Sport: „Den größten Hebel hat weiterhin das Umfeld um die Spielerin selber. In der Forschung sagen wir, dass wir das weibliche Geschlecht nicht schwach reden dürfen, also per se kann eine Fußballspielerin verletzungsfrei Fußball spielen, aber sie braucht eben Unterstützung.“
Doch vor klaren Veränderungen braucht man erst einmal ein klares Bild. Der europäische Verband Uefa hat die Forschung in diesem Bereich deshalb zur obersten Priorität in der Abteilung Medizinisches und Antidoping erklärt. Der Weltverband Fifa unterstützt eine Studie an der Universität in Kingston zum Einfluss des Menstruationszyklus auf Verletzungsrisiken. Auch der DFB hat Projekte angestoßen.