Was heute die Digitalisierung ist, war vor 100 Jahren das erste Radio-Programm. Über Funkwellen sprachen plötzlich wildfremde Menschen aus einem Detektorempfänger zum Publikum. Der Beginn der Massenunterhaltung Radio.
Die Faszination für Radiohörer ist vom ersten Augenblick, oder besser Hörmoment, vor 100 Jahren an, dass die Stimmen oder musikalischen Darbietungen in der Luft liegen. Das Radio war damit das schnellste Informationsmittel seiner Zeit und konnte diesen Anspruch bis vor gut 20 Jahren erfolgreich verteidigen. Der heutige digitale Livestream bietet seinen Empfängern Sehen und Hören mit einer zeitlichen Verzögerung von wenigen Sekunden. Fast 80 Jahre lang konnte dies nur das Radio über Funkwellen, aber eben nur eindimensional für die Ohren.
Erste Radio-Reportage 1925
Seinen letzten wirklich großen Moment, und das weltweit, erlebte das Radio in der Nacht vom 16. auf den 17. Januar 1991. Beim Militärschlag der von den US-Streitkräften geführten internationalen Koalition gegen den Irak zur Befreiung Kuwaits. Laut Angaben des Senders Cable Network News (CNN) in Atlanta sollen weltweit mehr als zwei Milliarden Menschen live dabei gewesen sein, als um 3 Uhr Ortszeit die ersten Raketen in Bagdad im Rahmen der Operation ÂDesert Storm einschlugen. Es gab zu diesem Zeitpunkt keinerlei technische Verbindung in die irakische Hauptstadt. CNN hatte zwar einen Satelliten-Unterträger für die berühmten grünstichigen Bilder vom Nachthimmel über Bagdad, aber keine Tonleitung. Trotzdem waren die Reporter Peter Arnett, John Holliman und Bernard Shaw über Stunden aus dem internationalen Al-Rashid-Hotel weltweit zu hören. Der Trick: Ein irakischer Radio-Techniker, der CNN unterstützte, erinnerte sich an ein altes Telefon-Erdkabel von Bagdad durch die Wüste nach Amman. Von dort ging das Signal über die guten alten Radio-Funkwellen zu einem US-Militärstützpunkt in der saudi-arabischen Wüste und konnte ins Satellitenprogramm von CNN eingespeist werden. Genau das zeichnet Radio aus, übrigens bis heute, wie wir noch sehen werden. Es braucht im Zweifelsfall handelsübliche Kupferkabel und dann einen simplen Sender, der die Sprache weiterleitet.
Die erste Livereportage nach diesem Prinzip und damit Geburtsstunde des Radio-Reporters gab es bereits am 4. März 1925 zur Trauerfeier vor dem Reichstag für den ersten Präsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert (SPD), der an einer verschleppten Blinddarmentzündung gestorben war. Ein Kabel wurde kurzerhand durch den Tiergarten in das erste deutsche Sendestudio am Potsdamer Platz verlegt und von dort über Funkwellen deutschlandweit verbreitet. Laut der privaten Sendergesellschaft „Vox-Schallplatten- und Sprechmaschinen-AG“ sollen mehr als zwei Millionen Menschen deutschlandweit am Radio dabei gewesen sein. Eine Zahl, die sich natürlich nicht nachprüfen lässt, sondern vermutlich auf der Anzahl der 1925 bereits angemeldeten Rundfunkteilnehmer beruht. Hörunterhaltung war bereits zu Beginn ihres Siegeszuges kostenpflichtig, vergleichbar mit den heutigen Abo-Streamingdiensten. Spätestens mit der Reportage 1925 schien das neue Medium in der breiten Öffentlichkeit angekommen zu sein und schrieb das erste Kapitel der elektrischen Mediengeschichte.
Was bis dahin hervorstach, neben der atemberaubenden Verbreitungszeit: Der normale Mensch auf den Straßen und Plätzen kam in einer bis dahin nie gekannten Breite, mit Umfragen und Livereportagen, öffentlich zu Wort. Das galt tatsächlich bis in die 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Spätestens mit der Einführung des privaten Fernsehens wurden die elektronischen Medien zu einem wahren Mitmach-Volksfest. Die Krönung kam dann durch den Siegeszug des Smartphones. Jeder kann heute irgendwas mitteilen, allerdings mit einer immer weiter abnehmenden Reichweite. Immer mehr Menschen teilen etwas mit, und gefühlt immer weniger hören zu. Bis zum Durchbruch des Fernsehens in den 60er-Jahren hörten deutschlandweit Millionen täglich Radio. Für die Menschen vor den Apparaten war und blieb es immer faszinierend, in Stadt und Land live dabei sein zu können, wenn etwas passierte. Heute eine Selbstverständlichkeit. Der Pferdefuß für die aussendenden Protagonisten damals: Gesagt ist gesagt, eben jetzt in dieser Sekunde, es konnte nicht mehr gelöscht werden. Man denke nur an die Aussage während der vermutlich meistzitierten Pressekonferenz Deutschlands durch den damaligen DDR-Chef Walter ÂUlbricht am 15. Juni 1961: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Diese wurde im Radio live übertragen, die Worte konnten nicht mehr zurückgenommen werden. Die Auswirkung für die DDR-Machthaber war fatal, in den letzten zwei Monaten vor dem Mauerbau setzte eine regelrechte Massenflucht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ein. Die Macht des Radios, da konnte nichts mehr zurückgenommen werden, die Menschen in Ost und West hatten begriffen, West-Berlin wird endgültig aus Sicht der DDR abgeriegelt.
Digitale Angebote brauchen Strom
Heute ist so ein finaler Sprech-Patzer beinahe undenkbar, es wird mit einem Zeitverzug gesendet, dank Digitaltechnik. Bis zum heutigen Tag äußerst beliebt zum Ende des Jahres sind die besten Versprecher von Moderatoren, Reportern oder Nachrichtensprechern. Wobei die Zeiten sich da schon geändert haben, die Versprecher werden weniger und die mentalen Sprechaussetzer, gerade von Politikern, auch. Vieles, was heute versendet wird, ist Konserve. Also aufgezeichnet, vorproduziert und wird damit kontrolliert, Versprecher werden umgehend rausgeschnitten. Natürlich nicht mehr aus dem magnetischen Ton- oder Videoband, sondern längst digital. Die Debatte ums Ende und Aus fürs Radio läuft mittlerweile seit 25 Jahren. Ursprünglich eingeläutet übrigens bereits 1979 durch die Buggles mit dem Hit „Video Killed The Radio Star“. Doch der lief vor allem ausgerechnet im Radio. Zu diesem Zeitpunkt gab es zwar Videos, doch diese Technologie steckte noch in den Kinderschuhen, und vor allem gab es noch gar nicht genug Ausspielkanäle dafür. Die britische Popband war da ihrer Zeit um 20 Jahre voraus.
Es stimmt, die klassischen Radiosender haben gerade in den letzten zehn, 15 Jahren viele Hörer verloren, auch weil sich die quotenträchtigsten Ausspielkanäle mindestens verzehnfacht haben, ohne Social Media wohlgemerkt. Was bei der sinkenden Radio-Akzeptanz dazukommt: Es werden vermutlich auch Irrwege beschritten, sowohl von den öffentlich-rechtlichen, aber auch von den privaten Radioveranstaltern.
Das Digitalradio „DAB Plus“ könnte so einer sein. Es wird digital gesendet und nicht mehr über das UKW-Frequenzband. Ein Vorteil: auf dem Radio-Display werden Informationen angezeigt, wie Titel, Interpret, Wetter oder Verkehrsservice. Doch wer zum Beispiel im Auto Radio hört, macht dies, weil er sich auf den Verkehr konzentrieren muss. Radio ist nun mal hören und nicht sehen. Dazu kommt bei DAB Plus: Fällt der Strom komplett aus, funktioniert auch das Digital-Radio nur noch begrenzt, eher gar nicht. Die Sendemasten für DAB müssen viel enger beieinanderstehen und liegen damit auch im betroffenen, stromlosen Gebiet, fallen damit aus. So bei der Flutkatastrophe im Ahrtal vor knapp fünf Jahren oder Anfang des Jahres beim flächendeckenden Stromausfall im Berliner Südwesten. Betroffene mit batterie- oder kurbelbetriebenen Radiogeräten bekamen wichtige Informationen nur über UKW und nicht DAB oder Smartphone, weil ihre Umsetzer, die Antennen mit den weißen Kästen auf den Hausdächern, nicht mit Notstrom ausgestattet sind. Darum warnen seitdem Feuerwehrverband und selbst Vertreter des Technischen Hilfswerks die Politik davor, die UKW-Radiofrequenzen ab spätestens 2035 einzustellen und umzuwidmen. Die alte Stärke des Frequenzwellen-Radios: Durch die reichweitenstarken, hohen Sendeantennen funktionieren sie über kilometerweite Distanzen. Da sie zur kritischen Infrastruktur gehören, verfügen die UKW-Sendeanlagen über Notstromaggregate direkt am Mast und können mit einer Tankfüllung Diesel mindestens 48 Stunden senden. Also hat das gute alte Frequenz-Radio damit dann doch noch berechtigte Hoffnung auf eine Zukunft, wenn auch die Anforderungen sich immer wieder ändern werden.