Beim „E-Waste Race“ sammeln junge Menschen Elektroschrott. Vier Wochen lang können die Schülerinnen und Schüler kaputte Elektrogeräte an ihrer Schule abgeben. Unter anderem im Saarland läuft zurzeit das Umweltbildungsprojekt an sechs Schulen in Saarbrücken.
In einem Umzugskarton wird eine kleine Hifi-Anlage mit klemmender CD-Schublade aufbewahrt. Außerdem gesellen sich dazu eine Klemmlampe aus einem schwedischen Möbelhaus, zwei Lautsprecherboxen von einem verstorbenen Verwandten und etliche Ladekabel von alten, ausgedienten Handys. Eigentlich müssten einmal all die Elektrogeräte zum Wertstoffhof gefahren werden. Fast in jedem deutschen Haushalt sieht es so ähnlich aus. So kommen jedes Jahr allein hierzulande 1,7 Millionen Tonnen Elektroschrott zusammen, schreibt die gemeinnützige Initiative „Das macht Schule“ auf ihrer Webseite. Weniger als die Hälfte dieser wertvollen Rohstoffe und gesundheitsschädlichen Komponenten werde richtig entsorgt. Es komme darauf an, das Verhalten in den Haushalten zu ändern, erklärt die Initiative. Dabei bedeutet „einen ersten Schritt zur Kreislaufwirtschaft“, den Abfall besser zu sammeln.
Um diesen Ansatz in die Breite zu tragen, startete „Das macht Schule“ 2021 den „E-Waste Race“. Das Team hinter der Initiative habe das Projekt aus den Niederlanden nach Deutschland geholt und weiterentwickelt, schreibt auf Anfrage Svenja von Wrangell, Projektmanagerin der Umwelt-Races von „Das macht Schule“. „Durch das Projekt lernen Schülerinnen und Schüler spielerisch und interaktiv, wie ökonomisch und ökologisch wertvoll die in Elektroschrott enthaltenen Rohstoffe sind und warum die Kreislaufwirtschaft und die damit ermöglichte Ressourcenschonung so wichtig für unsere Umwelt sind.“ Und ebenso wichtig ist die Selbstwirksamkeit, die dabei junge Menschen erleben. Dadurch werden ihre Sozial- und Handlungskompetenzen gestärkt, was wiederum einen Beitrag zu einem erfolgreichen Übergang ins Berufsleben leistet. „Durch die große Strahlkraft des Projekts in den Projektregionen kommt es nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern direkt, sondern auch in deren sozialen Umfeldern und der Nachbarschaft zu positiven Verhaltensänderungen“, betont Svenja von Wrangell.
Und wie viel Engagement haben bisher die deutschen Schulen an den Tag gelegt? Bis jetzt haben deutschlandweit 508 die Challenge zum Sammeln von Elektroschrott angenommen und sich mit anderen Schulen aus ihrer Kommune oder Region gemessen. Auch in der saarländischen Landeshauptstadt war es Anfang Mai so weit: Schülerinnen und Schüler von sechs Schulen sammeln vier Wochen lang so viel Elektroschrott wie möglich, am Ende gewinnt die Klasse, die den größten Sammeleifer an den Tag legt. Eine kleine Premiere gibt es dieses Jahr bei dem „E-Waste Race“, denn erstmals macht eine Nachmittagsbetreuung bei der Aktion mit – nämlich die des Ludwigsgymnasiums in Saarbrücken. Knapp 200 Kinder und Jugendliche – von der fünften bis zur achten Klassenstufe – werden dort betreut. Bevor es losgehen konnte, musste für das Projekt an dem Gymnasium getrommelt, Schulleitung, Lehrerschaft und auch der Hausmeister mit ins Boot geholt werden.
Was das wettbewerbsmäßige Sammeln der Elektro(klein)geräte angeht, so müssen natürlich Regeln eingehalten werden: Die elektrischen Geräte dürfen maximal eine Kantenlänge von 50 Zentimetern haben. Das heißt, dass alles vom Toaster über Föhn, Drucker, Kaffeemaschine, Steckdosen, bis Kabel aller Art als Sammelobjekt erlaubt ist. „Ganz wichtig ist, dass die Geräte ohne Akkus, Batterien und Leuchtmittel bei uns abgegeben werden“, sagt Simone Rudolph, Team- und Gruppenleiterin der Nachmittagsbetreuung des Ludwigsgymnasiums. Ebenso dürften auch keine kaputten Computermonitore mit Haarrissen wegen drohender Verletzungsgefahr mitgebracht werden. Für jedweden regelkonformen Elektroschrott gibt es entsprechend Punkte – von zwei Punkten für kleinere Geräte bis zu zehn Punkten für größere Gerätschaften. Wer es schafft, dass in Printmedien, in Rundfunk oder Fernsehen über den „E-Waste Race“ berichtet wird, holt obendrein Extrapunkte. Übrigens dürfen nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrerinnen und Lehrer den Elektroschrott von zu Hause, aus dem Freundes- und Verwandtenkreis wie auch aus der Nachbarschaft abgeben. „Nicht erlaubt ist aber, dass Firmen bei uns ihre alten PCs und Monitore vorbeibringen“, stellt Simone Rudolph klar.
Reparatur-Initiativen statt wegwerfen
Erst nachdem ein Elektrogerät abgegeben und dokumentiert wurde, folgt der nächste Schritt: Der Elektroschrott wandert in eine der drei auf dem Schulhof aufgestellten Sammelboxen des ZKE, dem kommunalen städtischen Entsorgungsbetrieb. „Wenn eine Box kurz davor ist, voll zu werden, rufe ich bei der ZKE an. Dort schickt man uns jemanden vorbei, der sie abholt und eine neue hinstellt“, erzählt die pädagogische Fachkraft. Der Elektroschrott wird zu einem der zwei Wertstoffhöfe in Saarbrücken gefahren, dort gewogen, sortiert und danach einem zertifizierten Entsorger in Rheinland-Pfalz zum Recycling der Rohstoffe zugeführt.
Simone Rudolph und ihrem Team von der Nachmittagsbetreuung des Ludwigsgymnasiums ist es wichtig, dass solche Aktionen nach Ablauf nicht verpuffen, sondern eine nachhaltige Wirkung zeigen. „Es ist uns ein wichtiges Anliegen, bei den Kindern und Jugendlichen das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass sie nicht allein auf der Welt sind. Wir leben auf einer Erde, und wir sollten alle einen kleinen Teil dazu beitragen, dass sie weiter lebenswert bleibt“, sagt Simone Rudolph. Neben dieser Fürsorgeethik für sich selbst und andere solle auch umweltbewusstes Verhalten in den Alltag einfließen. Ausrangierte, aber dennoch funktionierende Elektrogeräte könnten zum wohnortnahen Wertstoffhof gebracht oder in einem Sozialkaufhaus abgegeben werden. „Wir versuchen, die Kinder dazu anzuregen, dass sie noch funktionierende Geräte bei Ebay zum Verschenken einstellen oder an jemanden weitergeben, der sie gebrauchen könnte“, sagt Simone Rudolph. Wenn ein elektronisches Kleingerät repariert werden kann, muss nicht gleich ein Ersatz her. Vielerorts gibt es Repair-Cafés oder Reparatur-Initiativen, also Anlaufstellen, wo Privatleute ihre vermeintlich kaputten Geräte hinbringen und unter Anleitung selbst reparieren können. „Generell sollten wir von unserem gewohnten Konsumverhalten etwas wegkommen und nicht gleich wegwerfen, was kaputt und alt ist“, sagt Simone Rudolph.
Auch wenn der Gewinner-Schule ein Ausflug nach Pirmasens ins Dynamikum winkt und den Zweit- und Drittplatzierten Geldpreise, geht es bei der Recycling-Aktion darum, „etwas Gutes zu tun, ohne dass man dafür eine Gegenleistung bekommt“, sagt Simone Rudolph. Wenn ein kleiner Funken auf die jungen Leute übergesprungen ist, sei viel erreicht.