Matthias Lilienthal hat die Intendanz der Volksbühne übernommen. Bevor die Spielzeit am 1. Oktober beginnt, gibt es ein öffentliches Schwimmbad auf dem Rosa-Luxemburg-Platz.
Der neue Intendant hat erst mal eine Frage: Wer will Pommes frites? Er erkläre das später, sagt Matthias Lilienthal, aber bevor die Pressekonferenz beginnt, wolle er noch schnell die Fritten für danach bestellen. Das Interesse ist groß – nicht nur am Snack danach. Es ist die erste Pressekonferenz, die Matthias Lilienthal als neuer Intendant der Volksbühne leitet. Und es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass der Saal im Prater öffentlich zugänglich ist. Matthias Lilienthal und sein Team stellen an diesem Vormittag die Schwerpunkte und Projekte der 112. Spielzeit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz vor. Für den Prater in der Kastanienallee wird es nun bereits die 157. Spielzeit.
Von 1949 bis 1954 nutzte die Volksbühne den Prater als Spielstätte, weil das große Haus ausgebombt war und fast vollständig neu aufgebaut werden musste. In den vergangenen 14 Jahren wurde der in die Jahre gekommene Prater-Saal saniert. Dass er nun wieder von der Volksbühne bespielt werden kann, sei „fast so etwas wie die Neueröffnung eines Theaters und wirkt nach zwei Jahren, in denen die Stadt hauptsächlich über die Schließung von Theatern gesprochen hat, wie ein kleines Wunder“, sagt Lilienthal. Den „Verfalls-Charme der DDR, der leider nicht als denkmalwürdig galt“, konnte man zwar nicht bewahren, aber dennoch gebühre dem Bezirksamt Pankow und der Senatsverwaltung Dank für diese Rettung einer Spielstätte.
Theater als Ort der Gastfreundschaft
„Im Prater Theater zu spielen heißt auch, sich immer mit Volkstümlichkeit und dem Biergarten ins Verhältnis setzen zu können“, sagt der neue Intendant – und fügt hinzu: „Mal schauen, ob uns das gelingt.“ Den ersten Versuch des Gelingens hat der Intendant in die Hände von Anta Recke gelegt. Sie inszeniert im Prater ab dem 2. Oktober „Perfection“, ein Stück nach dem Roman von Vincenzo Latronico. Eine provokante Sache, denn: „Es erzählt die Geschichte Berlins von 2005 bis 2019 als Berlin-Roman ohne Berlinerinnen und Berliner“, sagt Matthias Lilienthal. Es geht um die Jahre vor Corona aus der Perspektive von Menschen, die zugezogen sind – eben auch nach Prenzlauer Berg, also dorthin, wo der Prater ist.
Erzählt wird von „einem Berlin, das es nicht mehr gibt“, erklärt Anta Recke. „Die Protagonisten haben es verlassen“ – und die Frage sei nun, „was wir mit der Stadt machen wollen“, sagt die Frau, die Regisseurin. Sie will „den Stoff nutzen, um über Berlin nachzudenken“. Der Stoff ist dieser: „Nach dem Mauerfall sind der Prenzlauer Berg und das angrenzende Berlin-Mitte besonders früh unter den Druck der Gentrifizierung geraten. Großstädtische Freiräume mit tiefgreifender Geschichte wurden als temporäre Galerien, Party-Locations und billiger Wohnraum genutzt und verwandelten sich dann in austauschbare Oberflächen, frisch gestrichene Fassaden und Spekulationsobjekte. Berlin war aufregend, in Bewegung und für einige Jahre die angesagteste Stadt der Welt.“
„Es war alles anders, und genau das wollten sie; und doch war auf irgendeine Art alles gleich. Auch das wollten sie.“ Die Geschichte von Anna und Tom, den Hauptfiguren in Vincenzo Latronicos für den Booker Prize nominierten Roman „Die Perfektionen“, beginnt in einem Berlin der frühen Nullerjahre. Anna und Tom sind aus dem Süden Europas hierhergekommen, um der Enge ihrer Heimat zu entfliehen. Angezogen von digital erzeugten Designs, die Selbstverwirklichung und eine idealisierte Form von „Zeitgenossenschaft“ versprechen, müssen sie sich immer mehr damit arrangieren, dass sich solche Bilder genau dann auflösen, wenn sie beginnen, Wirklichkeit zu werden. Die Stadt wird zu einem Ort der Einsamkeit und der inneren Verlorenheit: Freiheit und Selbstverwirklichung scheinen jederzeit greifbar. Gleichzeitig ist den Akteurinnen und Akteuren jeder sinnstiftende Zusammenhang von Individuum, Welt und Geschichte abhandengekommen.
Es sei ein düsterer Roman, den sie auf die Bühne bringe, sagt Anta Recke. Und er blendet das aus, was nichts mit der Welt auf der Oberfläche der Smartphones und Tablets zu tun hatte: das Ostdeutsche, aber auch die nicht privilegierten Zuwanderer. Das sei „schon eine Provokation für diesen Ort“, sagt die Regisseurin, aber eben auch ein Text, um in den Dialog zu kommen.
Drei Jahre nach Anna und Tom zog 2007 auch die in München geborene Anta Recke nach Berlin, um dort zu leben und ihren Schulabschluss zu machen. „Wie in sorgfältig kuratierten Instagram-Realitäten verschwimmen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Ost- und West-Berlin. Plötzlich sind die Zuschauenden selber Teil einer Überschreibung von Geschichte“, formuliert es die Theatermacherin.
Auch Matthias Lilienthal macht sich Gedanken über die Stadt, in der er 1959 geboren wurde, in der er ohne Abschluss studierte und als freier Journalist arbeitete, bevor er als Regieassistent ans Wiener Burgtheater ging. Frank Castorf holte ihn nach Berlin zurück – an die Volksbühne, wo Lilienthal bis 1998 Chefdramaturg und stellvertretender Intendant war. Es zog ihn wieder weg aus Berlin und wieder zurück. 2003 wurde Lilienthal künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Hebbel Theaters (HAU), das unter seiner Intendanz 2012 zum „Theater des Jahres“ gekürt wurde. Da war Lilienthal aber schon wieder auf dem Sprung – diesmal nach Beirut, wo er knapp ein Jahr mit jungen Künstlern arbeitete. In der Folge leitete er Festivals und war Intendant der Münchner Kammerspiele.
Nun also wieder Berlin. „Eine seltsame Stadt“, wie Matthias Lilienthal findet, denn: „Sie verändert sich, aber man weiß nicht, wohin und weshalb.“ Der Slogan „Arm, aber sexy“ passe „schon lange nicht mehr“. Berlin sei eher „Reich und unsexy“ geworden. Die Diskussion, ob Berlin „over“ ist sei „verbraucht“. „Wen interessiert’s – schließlich ist Berlin noch immer ein wichtiger Ankerpunkt für Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt“, sagt er – und kündigt an: „Die Volksbühne soll ein Ort sein, an dem sie sich ausprobieren können. Sie soll raus in die Welt und sich mit den neuen Realitäten unserer Zeit verbinden – als Ort der ausgesprochenen und gelebten Gastfreundschaft.“ Lilienthal sieht es als „Aufgabe des subventionierten Theaters, Dinge auszuprobieren“.
Zu Beginn seiner Intendanz hat er sich deshalb „eine liebevolle Umarmung der Stadt Berlin“ ausgedacht. Bevor die Spielzeit am 1. Oktober offiziell beginnt, „laden wir alle ein, mit uns baden zu gehen“, sagt der Intendant. Aus der Volksbühne wird für einen Sommer das Volksbad. Das heißt: Vom 7. August bis zum 1. Oktober wird eine 25-Meter-Schwimmbahn auf dem Rosa-Luxemburg-Platz vor dem Theater aufgebaut. „Aus dem Theater wird ein Schwimmbad, für alle frei zugänglich. Das gegenseitige Sich-nass-Spritzen wird da zu einem theatralen Akt vor der Volksbühne“, kündigt Lilienthal an.
Die Idee zum Planschbecken gehe auf Florentina Holzingers Inszenierung „Ophelia’s Got Talent“ zurück. Dort tauchten die Performerinnen und Performer in Wasserbecken im Inneren der Volksbühne. Im Mai 2028, kündigt Lilienthal an, wird es Neues von Florentina Holzinger an der Volksbühne geben. Bis dahin werde man „Ophelia’s Got Talent“ und „A Year Without Summer“ noch mal zeigen. Er freue sich, dass die Volksbühne weiter die „Homebase“ der international gefragten Künstlerin ist.
Ach ja, die Pommes frites: Die gehören für Matthias Lilienthal einfach zu einem Schwimmbadbesuch dazu. Und so vertilgt er sie nicht nur genüsslich, sondern macht sie zum Detail seiner theatralischen Inszenierung.