Das jüngste „Deutsche Schulbarometer“ nimmt die Perspektive von Schülern, deren psychische Gesundheit und schulische Zufriedenheit in den Blick. Bildungsexpertin Dr. Anna Gronostaj von der Robert Bosch Stiftung stellt die teils besorgniserregenden Ergebnisse der Erhebung vor.
Schulen sollen Orte der Bildung sein, die den Lernerfolg jedes einzelnen Schülers fördern und Mitbestimmung möglich machen sollen. Nur: Wie geht es den Schülerinnen und Schülern? Wie wohl fühlen sie sich an ihrer Schule? Und was lässt sich über die Zufriedenheit mit ihrer Schule sagen? Das ist eine Perspektive, die lange Zeit in der Bildungsforschung zu kurz kam. Seit 2024 untersucht das „Deutsche Schulbarometer Schüler:innen“ der Robert Bosch Stiftung, wie wohl sich Kinder und Jugendliche in der Schule fühlen und wie zufrieden sie dort sind.
Ein alarmierender Befund der jüngsten Studie „Deutsches Schulbarometer Schüler:innen“ für die Jahre 2025 und 2026 ist, dass es mehr Schülerinnen und Schülern hierzulande wieder schlechter geht. Die jungen Menschen sind psychisch belastet und leiden an psychischen Auffälligkeiten. „Das besorgniserregende Ergebnis des aktuellen Schulbarometers steht im Einklang mit anderen klinischen Studien wie der COPSY-Studie“, sagt Dr. Anna Gronostaj, die als Senior Projektmanagerin im Bereich Bildung bei der Robert Bosch Stiftung arbeitet. Gerade die COPSY-Studie habe gezeigt, dass in der Corona-Pandemie zur Zeit der Schulschließungen psychische Belastungen und Auffälligkeiten zugenommen haben. Aber: Nach den Schulschließungen schien sich das psychische Belastungsempfinden auf einem höheren Niveau zu stabilisieren. „Jetzt stellen wir zum ersten Mal wieder einen Anstieg der psychischen Belastungen und Auffälligkeiten fest“, sagt die Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung.
Angststörungen bis hin zu ADHS
Warum fällt dieser Befund so ins Gewicht? Dazu sagt Anna Gronostaj, dass viele psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter entstehen – und sich chronifizieren können. „In der Altersgruppe der Acht- bis 17-Jährigen helfen Prävention und frühzeitige Intervention am meisten“, sagt Anna Gronostaj. In der Erhebung befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Robert Bosch Stiftung eine ganze Reihe von Symptomen ab – von Depressionen über Angststörungen bis hin zu ADHS. Allein mit diesem Screeninginstrument lasse sich jedoch keine psychiatrische Diagnose stellen, sagt Anna Gronostaj. „Es gibt aber Normwerte. Wenn Kinder und Jugendliche über einem bestimmten Normwert liegen, sprechen wir von psychischen Auffälligkeiten.“ Unter psychische Auffälligkeiten falle es aber nicht, wenn jemand in einer bestimmten Situation wütend ist und Sachen gegen eine Wand wirft. „Aber wenn das jede Woche passiert, dann ist das ein Zeichen, dass etwas aus dem Lot geraten ist“, erklärt Anna Gronostaj.
Aus Sicht der Mitarbeiterin der Robert Bosch Stiftung ist das eigentlich Beunruhigende an dem Anstieg, dass er besonders Kinder und Jugendliche aus finanziell schlechter gestellten Familien trifft. „Ihnen geht es deutlich schlechter, und zwar nicht nur in Bezug auf psychische Auffälligkeiten, sondern auch in Bezug auf Lebensqualität und schulisches Wohlbefinden“, sagt die Bildungsexpertin. Vor allem weist Anna Gronostaj in diesem Zusammenhang auf einen Aspekt hin, nämlich die schulische Zufriedenheit. „Ich finde, es ist keine Zwangsläufigkeit, dass es diesen Kindern in der Schule schlechter geht.“ Allerdings kann die vorliegende Erhebung keine Antwort darauf geben, ob dahinter Erfahrungen mit Mobbing, Ausgrenzung und Diskriminierung stehen. „Das kann ich auf der Basis unserer Schulbarometer-Daten nicht beantworten. In der klassischen wissenschaftlichen Schulforschung untersucht man immer Klassen und Schulen. Wir dagegen haben einzelne Schülerinnen und Schüler von unterschiedlichen Schulen befragt“, sagt Anna Gronostaj.
Dass sich viele Kinder und Jugendliche aus armutsbelasteten Familien in der Schule unwohl fühlen, liegt laut der Bildungsexpertin auch an den zunehmend segregierten Stadtteilen. An deutschen Schulen sei vielerorts eine „Ballung von Problemen“ zu beobachten. So könne es sein, dass ein einzelner Schulstandort homogen sei, weil das Gros der Kinder aus einkommensschwachen Familien stamme. Das führe dazu, dass sich Lehrkräfte dementsprechend „mit zu vielen Problemen auf zu vielen verschiedenen Ebenen“ überfordert fühlten.
Von diesen bedenklichen Ergebnissen abgesehen transportiert das „Deutsche Schulbarometer Schüler:innen“ auch positive Botschaften. „Es lässt sich ein ganz starker Zusammenhang zwischen gutem Unterricht und schulischem Wohlbefinden feststellen“, sagt Anna Gronostaj. Denn aus der klassischen Bildungsforschung wisse man, dass ein gutes Klassenmanagement, Unterstützung durch die Lehrkräfte und kognitive Aktivierung den individuellen Lernerfolg fördern. Die Daten des aktuellen Schulbarometers zeigen nun, wie eng diese zwei Dimensionen – Unterrichtsqualität und schulisches Wohlbefinden – miteinander verflochten sind. Anders gesagt: Je besser der Unterricht, desto höher ist die Zufriedenheit im Klassenzimmer. Und das hat weitreichende Effekte, denn es gibt eine direkte Brücke zur mentalen Verfassung: „Das schulische Wohlbefinden ist zugleich eine Schutzfunktion für die psychische Gesundheit“, so Gronostaj.
Lehrkräften „den Rücken freihalten“
Für die Projektmanagerin der Robert Bosch Stiftung weisen diese Ergebnisse auf einen entscheidenden Umstand hin: Wenn es die Lehrerinnen und Lehrer schaffen, sich auf ihre Kernaufgaben zu konzentrieren, wäre schon viel erreicht. Klar ist auch: Mit einer besseren Ausstattung von Schulsozialarbeit und Schulpsychologie würde sich in Schulen viel zum Besseren verändern lassen –
damit würden die multiprofessionellen Teams gestärkt. „Es muss nicht gleich jede Lehrkraft sich in Psychologie fortbilden oder eine Berufsausbildung zum Sozialarbeiter haben, sondern wichtiger wäre, Lehrkräften den Rücken freizuhalten, damit sie guten Unterricht geben können“, sagt Anna Gronostaj.
Hervorzuheben ist der Befragungsansatz des „Deutschen Schulbarometers“. Schülerinnen und Schüler wurden zu verschiedenen Aspekten befragt – es ging unter anderem um die Schulgestaltung, die Unterrichtsqualität und um Prüfungen. „Schulübergreifend kam heraus, dass Schülerinnen und Schüler sehr wenig mitbestimmen können.“
Interessanterweise spiegelte sich diese Einschätzung der jungen Menschen auch im „Deutschen Schulbarometer Lehrkräfte“ wider. Demnach gaben Lehrkräfte an, dass Schülerinnen und Schüler wenig mitbestimmen dürfen. „Aber zu einem großen Teil sagten Lehrkräfte, dass sie das so ganz in Ordnung finden“, sagt Anna Gronostaj. Interessant ist dabei auch: Jene Kinder und Jugendlichen, die im Schulalltag mehr mitbestimmen können, berichten auch von einem besseren Befinden. „Sie berichteten in diesem Zusammenhang auch generell über eine höhere Lebenszufriedenheit und ein höheres schulisches Wohlbefinden.“
An eben dieser Stellschraube könne man ansetzen und drehen. Es müsse aber Schülerinnen und Schülern eine echte und ernst gemeinte Beteiligung ermöglicht werden, betont Anna Gronostaj. Dafür müssten Lehrkräfte auch durch eine didaktische Fortbildung befähigt werden.
Demokratische Bildung sei – insbesondere in den Zeiten, in denen wir leben – wichtiger denn je. „Tatsächlich ist es die Aufgabe jeder Lehrkraft. Demokratische Bildung ist eine Querschnittsaufgabe und sollte daher in jedem Fach vorkommen“, sagt Anna Gronostaj. Unklar sei jedoch, ob sich Lehrkräfte an deutschen Schulen dessen bewusst seien, also darüber, dass es ihre Aufgabe sei und wie wichtig diese überhaupt sei. Die Robert Bosch Stiftung vergibt jedes Jahr den „Deutschen Schulpreis“. 2025 wurde erstmals der Sonderpreis „Demokratie“ ausgelobt. Ausgezeichnet wurden drei Schulen, die nachweisen konnten, dass sie eine besondere demokratische Entwicklung durchgemacht haben. „Das sind nur drei Beispiele von ganz vielen Schulen, die das unheimlich gut machen“, sagt sie. Doch zum Gesamtbild, das das „Deutsche Schulbarometer Schüler:innen“ zeichnet, gehöre auch, dass das nicht die überwiegende Mehrheit der Schulen sei.
Insofern stellt sich nach Ansicht von Anna Gronostaj die berechtigte Frage, wie es gelingen kann, dass Schulen voneinander lernen, ohne bei null anfangen zu müssen. „Ich glaube, dahinter steht eine grundsätzliche pädagogische Haltung. Und ich denke, dass minderjährige Menschen die Kompetenz und das Recht haben, über ihre Angelegenheiten mitzuentscheiden“, sagt die Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung. Mit dieser gelebten Haltung würden Kinder und Jugendliche „anders miteinbezogen“: „Wir können anhand unserer Daten sehen, dass das gelebte Kultur an den meisten deutschen Schulen ist.“
Demokratiebildung weiter stärken
Da Kinder und Jugendliche in der Schule so viel Zeit verbringen wie nie zuvor, stellt sich drängender denn je die Frage, wie der Bildungs- und Erziehungsauftrag ausgestaltet werden kann. „Wir als Gesellschaft haben nicht nur Bildungs-, sondern auch viele Erziehungsaufgaben in die Schulen verlagert“, sagt Anna Gronostaj. Jedoch seien trotz neu hinzugekommener Aufgaben die Ressourcen mehr oder weniger gleich geblieben. Weniger die landespolitische Ebene sieht die Expertin der Stiftung in der Pflicht, tätig zu werden, als die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Ihr Appell richtet sich daran, Schulen und Kitas die Bedeutung beizumessen, die sie eigentlich haben. „Auch sollten wir dem Berufsbild des Lehrers und dem des Erziehers mehr Respekt entgegenbringen.“
Auf Bundesebene sollte sich die Kultusministerkonferenz, kurz KMK, an den Empfehlungen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK (SWK) orientieren. „Analog zu den Bildungsstandards in den Hauptfächern sollten die Länder gemeinsame Standards und Kompetenzziele für Demokratiebildung entwickeln“, sagt Anna Gronostaj. Wenn man dahin kommen würde, Demokratiebildung in den Curricula zu verankern, würde das die Demokratiebildung aufwerten, ist sie überzeugt. Die SWK hat bereits 2024 unter anderem eine langfristige Stärkung der Fächer Politik und Geschichte, eine demokratische Schulkultur sowie Hinweise für den Umgang mit akuten Krisen und Konflikten den Kultusministerinnen und Kultusministern empfohlen.