Singen erfüllt nicht nur seit frühester Menschheitsgeschichte wichtige soziale Funktionen, sondern ist auch ein wahres Wundermittel für Körper und Seele. Musikwissenschaftler Professor Gunter Kreutz spricht im Interview über die positiven Effekte, über Taylor Swifts Stimmbänder und warnt davor, Menschen unmusikalisch zu nennen.
Herr Professor Kreutz, es gibt viele Menschen, die vehement behaupten, nicht singen zu können. Was sagen Sie ihnen?
Dass sie nicht nur in der Minderheit sind, sondern sich in dieser Minderheit auch noch fehleinschätzen. Nur wenige Menschen, die von sich behaupten, unmusikalisch zu sein, sind es auch tatsächlich. Dafür gibt es meistens neurologische Gründe. Alle anderen sind eher von einem Phänomen betroffen, das in unserer Gesangskultur sehr verbreitet ist: „Du bist unmusikalisch“ darf jeder zu jedem sagen. Bei „Du bist dumm“ dagegen handelt man sich leicht eine Beleidigungsklage ein. Dabei müsste es genau umgekehrt sein. Auf eine bestimmte Art sind wir alle ziemlich blöd, aber die meisten von uns können singen. Das einer anderen Person abzusprechen, kann ohne jede Übertreibung traumatisch wirken, besonders auf Kinder, die das am häufigsten zu hören bekommen.
Ihr Buch heißt „Warum Singen glücklich macht“. Warum macht Singen denn glücklich? Und wen macht es glücklich?
Singen hält ein Versprechen für alle Altersgruppen bereit: Du wirst Dich damit besser fühlen. Es ist wie ein Spaziergang für die Seele. Spazierengehen ist die unangefochtene Nummer eins der Wohlfühl-Strategien. Nach einem Gang durch ein Waldstück oder durch einen Park hat man Luft eingeatmet, die Wunder bewirkt, weil man sich garantiert besser fühlt. Ein Friedwald ist praktisch ein natürlicher Beitrag zur Trauerarbeit, so wie das Singen, wenn man nach dem Verlust eines Menschen dessen Leben feiert – und damit den ersten Schritt zurück ins eigene Leben.
Gesang wird auch zu Therapiezwecken eingesetzt. Ist Singen grundsätzlich therapeutisch, zum Beispiel wenn man einmal in der Woche zur Chorprobe geht oder sogar schon im Fußballstadion bei den Fangesängen mitmacht?
Entweder immer oder gar nicht. Wenn man einen Zugang hat zum Singen, dann reguliert man damit Stimmungen, bringt sich weg von Gedanken, die Stress bereiten, und hört, wie die eigene Stimme mit anderen zusammen einen neuen Klang macht. Das verbindet, und früher oder später will man das nicht missen. Kolleginnen und Kollegen von mir haben das „Eisbrecher-Effekt“ genannt. Damit ist schon viel gesagt.
Kann man einfach lossingen? Gibt es Dinge, die man beachten sollte?
Sie ahnen es sicher schon: Das Singen kennt keine Grenzen, es bricht sich Bahn, und deswegen sind wir damit auch verletzlich. Denn das Singen auszuüben ist alles andere als ein Selbstläufer. Wir müssen viel trinken, an Stimmhygiene und Stimmgesundheit denken. Am besten mit Unterstützung professioneller Stimmbildung. Das ist überhaupt nicht teuer im Verhältnis zum Erlernen eines Musikinstruments. Aber ganz ohne geht es nicht. Dann ist es nebenbei auch ein Schutz des Vokal- und Stimmapparats sowie der Lungenfunktion. Lunge, Sprechapparat und Artikulation gehören zusammen. Sie bilden ein hochkomplexes System, das auf wundersame Weise funktioniert. Bedenken Sie: Die Stimmbänder sind groß wie Daumennägel. Und Taylor Swift verdient Milliarden mit dieser Fläche von der Größe eines Euros. Wir können auf diese Milliarden verzichten, aber unsere Stimmbänder sind nicht weniger wertvoll.
Was passiert beim Singen im Körper, das anders ist als beim Sprechen?
Neurobiologen haben gezeigt, dass bestimmte Neuronen im Kortex nur auf Singen und Musik reagieren. Zumindest teilweise geht die Verarbeitung des Singens im Gehirn eigene Wege. Es beginnt also alles schon beim Hören. Zudem kann das Singen bei der singenden Person so zurückwirken, dass mehr Antikörper ausgeschüttet werden, Proteine, die die Schleimhäute schützen. Und viele andere Hormone, die mit der Stress- und Gefühlsregulation zu tun haben, wahrscheinlich bis hin zu körpereigenen Opiaten. Das Problem ist nur, dass man das nur indirekt messen kann und naturwissenschaftlich belastbare Beweise dafür fehlen. Die Indizien aber sind vielfältig und schon beeindruckend.
Was passiert denn umgekehrt beim Hören? Und gibt es einen Unterschied zwischen der Rezeption von Instrumentalmusik und von menschlichem Gesang?
Wie eben schon angedeutet: Wir sind selbst die ersten Hörer unseres Gesangs. Daher kann es gar keine Zweifel geben, dass Babys abends auf Wiegenlieder warten oder auf Spiellieder am Tag, die Vater oder Mutter mit ihnen singen. Das bedeutet Lebensqualität pur. Nur wissen das viele Eltern gar nicht oder unterschätzen es zumindest, besonders eben die Väter. Eltern sind leider ohnehin heutzutage mehr mit den sozialen Medien als mit ihren Kindern beschäftigt. Das bedrückt mich und macht mich unendlich traurig, wenn ich das sehe.
Was war zuerst da: Sprache oder Gesang? In der Wissenschaft scheint darüber kein Konsens zu herrschen.
Doch, es gibt den Konsens, dass beides gleichzeitig entstanden sein muss. Wir geben viele Laute und Gesten von uns, die ganz klare Bedeutungen haben. Es wird umgekehrt ein Schuh daraus: Nehmen Sie von der Sprache die Laute ohne Wortbedeutung, die Melodie und die Gesten beim Sprechen einmal weg. Plötzlich versteht uns niemand mehr so richtig. Das Singen macht uns zu verständigen Menschen, nichts weniger als das.
Welche sozialen Funktionen hatte Gesang für unsere Vorfahren und welche Funktionen hat er heute? Wie signifikant ist der Unterschied – oder gibt es gar keinen großen Unterschied?
Spätestens mit dem modernen Menschen und den Neandertalern haben wir Gehirne, die sich seit 40.000 Jahren nicht groß unterscheiden. Wir haben dieselben Bedürfnisse nach Essen, Sex und allem sonst, was uns und unsere Gruppe am Leben erhält. Diese Gruppen zu regulieren nach innen, ist eine Herausforderung. Singen und Tanzen sind in unzähligen Ritualen verewigt, für weltliche wie religiöse Zwecke. Deshalb sind die christlichen Kirchen beispielsweise, selbst wenn man ungläubig ist, sehr wichtige Stützen der Musikkultur. Für ältere Menschen oft die einzigen Orte, wo sie sich nicht einsam fühlen. Und da spielen Musik und Gesang entscheidende Rollen. Das geben auch Kirchenoberhäupter gerne zu. Die sagen ja auch: Wer keine Zweifel hat, glaubt nicht wirklich.
Es heißt ja, dass ein Lächeln überall auf der Welt ähnlich verstanden wird. Ist das auch beim Gesang so? Oder gibt es dabei stärkere kulturelle Abweichungen?
Es gibt unfassbar viele Gesänge, Gesangskulturen und Gesangstechniken auf der Welt. Ein ganzes Universum. Wie viele Sorten Erdbeeren kennen Sie? Oder Bananen? Oder Minze? Wir leben inzwischen in musikalischen Monokulturen und meinen, dass das „die Musik“ sei. Nein, man muss längst nicht alles kennen. Niemand hat da irgendeinen Überblick. Es gibt aber Sammlungen, die klar aufzeigen, wie kulturlos wir im wahrsten Sinne sind.
Was sagen Sie zur aktuellen Debatte um KI-Stimmen und komplette Lieder, die von Künstlicher Intelligenz generiert werden – inklusive künstlich erzeugter Stimme im Stil bekannter Künstler?
Die Hälfte der Musikproduktion, so schätze ich, ist inzwischen mit KI-Unterstützung infiltriert. 100-Prozent-KI-Musik feiert Erfolge, weil sie als authentisch identifiziert wird. Das funktioniert aber nur deshalb, weil wir diese relative Monokultur haben. Einen kleinen Schritt außerhalb bricht die ganze „Kreativität“, die KI sowieso nicht hat, weil sie auch keine biologische Intelligenz ersetzen kann, völlig in sich zusammen. Dann tut es einem nur noch leid um die Umweltschäden und den Ressourcenverbrauch, den KI verursacht, und durch den sie die Welt insgesamt – nicht aber an einzelnen Punkten, wie etwa der Medizin – schlechter und ärmer macht.
Sportförderung hat gesellschaftlich meist eine stärkere Lobby als die musikalische Bildung. Wie wichtig ist gesangspädagogische Arbeit, und wäre es hinsichtlich der positiven Effekte sinnvoll, das Singen ähnlich ernst zu nehmen wie den Sport?
Singen ist für die Seele das, was Sport für den Körper ist. Und weil Sport auch seelisch wirkt und das Singen körperlich, kann man sie nicht gegeneinander ausspielen. Die Domänen zu trennen, ist den Kulturhaushalten geschuldet. Menschen sind halt völlig verrückte Wesen, die Dinge immer auseinandernehmen, anstatt zusammen zu denken. So geht eben sehr viel, wie man so sagt, den Bach hinunter. Es gibt wenig Grund für Optimismus. Eigentlich ideal, damit es besser werden kann.