Blumenkränze im Haar, üppiges Essen, Tänze in Tracht: Mittsommer wird überall in Schweden gefeiert, besonders ausgelassen in Åsens by, dem „Dorf, in dem die Zeit stillsteht“. Für den Besuch in Schwedens erstem Kulturreservat sprechen aber noch weitere Gründe.
Småland heißt übersetzt „kleines Land“. Was für das Kinderparadies des blau-gelben Möbelriesen Ikea zutreffen mag, stimmt für dessen Heimat nicht wirklich. Denn die südwestlich von Stockholm gelegene Wald-Wiesen-und-Seen-Provinz ist fast so groß wie Baden-Württemberg. Alles andere als klein präsentiert sich auch der regionale Veranstaltungskalender. Den wichtigsten Platz (für manche sogar noch vor Weihnachten) nimmt dabei das am Wochenende nach der Sommersonnenwende gefeierte Midsommar ein. Dieses Jahr fällt der Termin auf den 20. Juni. In Hunderten Gemeinden treffen sich Familien, Nachbarn und Freunde, um gemeinsam zu singen, zu essen, Kubb zu spielen (wobei es gilt, Holzklötze umzuwerfen) und Blumen zu pflücken. Diese werden entweder zu den omnipräsenten Haarkränzen geflochten oder – das betrifft jedoch nur ledige Frauen – unters Kopfkissen gelegt, um im Traum dem künftigen Ehemann zu begegnen.
Schön: Da die Sonne Ende Juni nicht untergeht, verbringt man in der Regel den ganzen Tag im Freien, gern auch mit auswärtigen Gästen. Die zieht es indessen mit Vorliebe nach Åsens by. „Wenn man Mittsommer auf urschwedische Art feiern möchte, eignet sich unser Bauerndorf besonders gut“, sagt Cecilia Andersson, die als eine Art Geschäftsführerin fungiert. „Zu den Höhepunkten zählen Pferdekutschfahrten, ein buntes Spiele- und Mitmachprogramm und die in aufwendige Trachten gewandete Tanzgruppe Tranås Hembygdsgille, die jahrhundertalte Tänze vorführt.“ Selbst Mittanzen ist explizit erwünscht (wobei sich dabei alles um die mit Blumen und Blättern geschmückte, maibaumartige „Midsommarstång“ dreht), ebenso das beherzte Zugreifen bei den typischen Mittsommerspeisen. Dazu gehören allen voran Räucherlachs, Hering und junge Kartoffeln samt Frühlingszwiebeln, Sauerrahm, Knäckebrot mit Käse und Kräuterschnaps. Zum Dessert kommen traditionell süße Erdbeeren aus der ersten Ernte des Jahres auf den Tisch. „Das Beste an diesem Tag“, fasst die 59-Jährige zusammen, „ist, dass sich alle Leute, ob alt oder jung, ob von hier oder von auswärts, wirklich bestens amüsieren.“
Geschichte im Bauernhofmuseum
Ein Grund für die fröhliche Stimmung ist mit Sicherheit auch die einmalige Kulisse von Åsens by. Dabei handelt es sich um drei urgemütliche Höfe mit 35 Hektar Land und 17 behutsam renovierten, knallroten Holzgebäuden. „In manchen hat noch nie eine Glühbirne geleuchtet, in anderen wird regelmäßig Brot in einem Holzofen gebacken“, weiß Andersson. Autos gibt es keine, dafür zwischen Heuballen und Katzen herumhüpfende Kinder. Kurz: Alles sieht exakt aus wie ein småländisches Dorf um das Jahr 1900, nur sorgsam gepflegt und up to date. Ein seltener Zustand, der sogar unter Schutz steht. Seit 2000 ist Åsens by Schwedens erstes Kulturreservat, über dessen Geschichte und Ziele sich Besucher (auch solche, die in einem der als Ferienwohnung genutzten Häuser unterkommen) im Bauernhofmuseum erkundigen können. Und wo hält die Chefin sich am liebsten auf? „Einer meiner Lieblingsorte ist der Hof Södergården, weil dessen Gebäude so gut erhalten sind. Außerdem liegt er etwas abseits vom Hofladen und dem Café, weshalb es besonders ruhig ist. Ja, und dann ist da noch ein ganz wunderbarer Aussichtspunkt in der Nähe, von dem aus sich ein überwältigender Blick über die sanftwellige Wiesenlandschaft und einige versprengte Nachbargehöfte ergibt.“
„Absolute Stille erleben“
Klingt alles ein bisschen nach Bullerbü und Lönneberga! Kein Zufall, spielen doch all die weltberühmten Kindergeschichten von Astrid Lindgren in deren Heimat, eben Småland. Konkret wurde laut Umfrage die „beliebteste Schwedin des Jahrhunderts“, die neben zahlreichen anderen Auszeichnungen 1978 als erste Kinderbuchautorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam, auf dem Hof Näs bei Vimmerby geboren. Ein Museum gewährt in Lindgrens Elternhaus tiefere Einblicke in ihr Leben, die nahe „Astrid Lindgren Värld“ widmet sich ihren liebevollen Figuren, allen voran Ronja Räubertochter und Pippi Langstrumpf. Klar, dass der Park ein äußerst beliebtes Ziel für Familien mit Kindern darstellt.
Andersson zieht es hingegen lieber ins unweit von Åsens by gelegene und nicht zuletzt für seine weiß-roten Polkagris-Zuckerstangen bekannte Städtchen Gränna und mehr noch ins nördlich gelegene Landschaftsschutzgebiet Girabäcken. Aber sie warnt: „Nicht verzagen, wenn man den Eingang in die tolle und ungemein pflanzenreiche Schlucht nicht gleich findet. Dann einfach einen Einheimischen fragen!“ Leichter gestaltet sich da der Weg zur Fähre, die zur geschichtsträchtigen Insel Visingsö mit ihren zwei bedeutenden Burgen hinüberpendelt. Südlich des riesigen Vättersees befindet sich mit dem Nationalpark Store Mosse übrigens Südschwedens größte Moorlandschaft. Ein Natur-Dorado, das zum ausgiebigen Wandern, Pilzesammeln und Beerenpflücken verleitet. „Hier lässt sich absolute Stille erleben, nur unterbrochen vom Gesang der Vögel und dem gelegentlichen Stampfen des Königs des Waldes, des Elchs.“