Gastgeber Hannover blickt mit Vorfreude dem Event „Die Finals“ entgegen. Aber was national auch dank Kompromissen funktioniert, ist im europäischen Verbund aktuell eine Sackgasse.
Zumindest die PR-Abteilung von „Die Finals 2026“ in Hannover ist schon in Olympiaform. Um im Vorfeld auf das Multisport-Event in der niedersächsischen Landeshauptstadt aufmerksam zu machen, wurde verbal ziemlich dick aufgetragen. „Hannover ist bereit für die Finals 2026, die größte Sportveranstaltung in der Stadt seit der Fußball-WM 2006. Wir wollen den Menschen ein weiteres Sommermärchen schenken“, wurde zum Beispiel Oberbürgermeister Belit Onay auf der offiziellen Internetseite der Veranstaltung zitiert. Ein Sommermärchen wie bei der Fußball-WM 2006? Bei diesem Vergleich dürften womöglich falsche Erwartungen geschürt werden. Doch auch die Partner hielten sich verbal mit ihrer Vorfreude nicht zurück. Ein Sprecher der Geschäftsführung von Event-Sponsor Rossmann bezeichnete die Finals als „perfekte Bühne“, um den Sportlerinnen und Sportlern die Wertschätzung zuteilwerden zu lassen, „die sie verdienen“. Und Yorck Polus, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Sport, bekräftigte: „Die Finals gehören zur DNA von ARD und ZDF.“
Falsche Erwartungen
Es darf zumindest bezweifelt werden, dass der Großteil der Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Sender dies auch so sieht. Aber zumindest sind ARD und ZDF mit den Einschaltquoten des Events in der Vergangenheit so zufrieden gewesen, dass sie den enormen logistischen und auch finanziellen Aufwand auch in diesem Jahr auf sich nehmen und intern rechtfertigen können. Anders war es bei einem anderen Multisport-Event, das ebenfalls für sich warb, eine Art „Mini-Olympia“ auf die Beine zu stellen: die European Championships. Die Premiere 2018 im schottischen Glasgow und Berlin, als in elf Tagen 4.500 Athleten und sieben Sportarten antraten, war noch als voller Erfolg und nicht nur von Leichtathletik-Weltverbandschef Sebastian Coe als „Modell der Zukunft“ gewertet worden. Vier Jahre später war dann München Ausrichter der European Championships mit dem zentralen Highlight der Leichtathletik-Wettbewerbe – und auch das wurde aufgrund des starken deutschen Abschneidens und der prächtigen Stimmung im Olympiapark als Erfolg gewertet.
„Es entwickelte sich eine Art Sommermärchen. Die manchmal grantigen Münchner berauschten sich an sich selbst – und vor allem am Sport“, schrieb damals der „Spiegel“. Und Paul Bristow, Mitbegründer und Geschäftsführer des European-Championships-Managements, hatte damals prophezeit: „Wir sind optimistisch, dass wir 2026 ein fantastisches Sportprogramm haben werden.“ Denn eigentlich waren so gut wie alle zufrieden: Die Zuschauer, die Athleten, die Fernsehsender, die meisten Verbände, die Sponsoren, die Wirtschaft. Doch schon damals waren Zweifel aufgekommen, ob es eine Fortsetzung der Veranstaltung geben wird. Vor allem, weil die Leichtathletik als mit Abstand stärkstes Zugpferd mehr Einflussmöglichkeiten forderte und eine eigenständige EM-Austragung forcierte. Und so kam es, dass die für dieses Jahr anvisierte dritte Ausgabe still und heimlich abgesagt wurde. Von sieben Kernsportarten, darunter Volleyball, Rudern und Radsport, hatten die Veranstalter die Zusage bis einschließlich 2034 – aber eben nicht von der Leichtathletik und dem Schwimmen, ohne die ein solches Event nicht annähernd kostendeckend aufzuziehen ist.
Die Leichtathletik trägt ihre Europameisterschaft stattdessen in diesem Jahr vom 10. bis zum 16. August in Birmingham aus, der zweitgrößten Stadt in England. Die Schwimmer kämpfen in Paris zeitgleich im Becken um EM-Medaillen. Die Sportart Schwimmen war schon 2022 nicht im Programm der European Championships vertreten gewesen, sondern kürte ihre Europameister parallel in Rom. Es hatte Gespräche über eine Rückkehr gegeben – aber vergeblich. Die dritte Auflage, für die Birmingham neben Budapest als aussichtsreicher Kandidat galt, fiel ins Wasser. Ob es noch mal zu European Championships kommt, ist fraglich. Der Schweizer Fernsehsender SRF berichtete zwar davon, dass die Schweiz generell an einer Austragung interessiert sei, um „dem Multi-Sport-Event im Sommer 2030 neues Leben einzuhauchen“. Doch das käme höchstens dann infrage, wenn „die Leichtathletik als Flaggschiff wieder mit an Bord“ wäre. Danach sieht es aktuell aber nicht aus, und solange das so ist, dürfte sich kaum eine europäische Stadt daran wagen.
Wenig Interesse für European Games
Ist das Multi-Sport-Konzept – abgesehen von den alles überstrahlenden Olympischen Spielen – damit gestorben? Zumal auch die European Games, die vom Europäischen Olympischen Komitee (EOC) als kontinentale Spiele konzipiert werden, in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Die vierte Auflage dieses Events findet im kommenden Sommer in Istanbul statt – doch das dürfte kaum ein Sportfan bislang registriert haben. Turnen, Volleyball und Ringen kehren nach ihrer Pause bei den Europaspielen 2023 in Krakau zurück ins Wettkampfprogramm, Rudern (Beach-Sprint), Gewichtheben und Squash feiern in der türkischen Metropole ihr Debüt bei den European Games. Die Verbände und das EOC versuchen, die Bedeutung der Europaspiele dadurch zu erhöhen, dass dort Tickets für Olympia 2028 erkämpft werden können. Das macht es für die Athleten attraktiver und dadurch auch für die Zuschauer. Aber ob diese Rechnung wirklich aufgeht?
Zumindest national scheint das Multi-Sport-Konzept noch zu funktionieren. Auch, weil es einfacher ist, eine Einigung in der kniffligen Programm- und Standort-Frage nur unter den deutschen Verbänden hinzubekommen. Die Finals im Vorjahr in Dresden wurden zumindest in der Öffentlichkeit als großer Erfolg gefeiert, mehr als 250.000 Menschen sollen die Wettkämpfe in der sächsischen Stadt besucht haben. Das war für das Multi-Sport-Event ein Rekordwert. „In der Stadt herrschte eine grandiose Atmosphäre. Viele Menschenströme, die von der einen zur anderen Sportart pilgerten“, resümierte Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Und auch die öffentlich-rechtlichen Sender waren mit der Einschaltquote zufrieden – aber nicht nur damit. „Multi-Sport-Events wie die Finals begeistern nicht nur im klassischen Fernsehen, sondern über alle Ausspielwege hinweg“, sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky.
Und so schauen ARD, ZDF als TV-Partner und Hannover als Gastgeber auch den diesjährigen Finals mit großem Optimismus entgegen. Das Event in Hannover und am Steinhuder Meer funktioniert aber nur mit der Leichtathletik als Zugpferd und deswegen nur mit einem Kompromiss: Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) trägt seine nationalen Titelkämpfe in Wattenscheid aus. Im frisch renovierten Lohrheidestadion mit Platz für rund 15.000 Besucher werden mehr als 1.000 Leichtathleten um die Titel kämpfen. Für viele ist es zudem die letzte Chance, sich noch für die EM in Birmingham zu qualifizieren. Einzig der Stabhochsprung der Männer und Frauen wird nach Hannover ausgelagert, er findet auf dem Opernplatz statt. Das dürfte eines der Highlights der Finals werden, zumal die Zuschauer keine Eintrittskarten für diese beiden Wettbewerbe mitten im Herzen der Landeshauptstadt benötigen.
Deutsche Athleten sind motiviert
Der TV-Zuschauer wird kaum einen Unterschied bemerken, ob der Wettbewerb nun aus Hannover oder Wattenscheid übertragen wird. Für die Athleten ist es etwas anderes, sie genießen das Zusammenkommen der Sportler-Familie. „Die Finals sind immer ein Highlight“, sagte Triathletin Annika Koch. Die Mixed-Staffel-Weltmeisterin freut sich vor allem auf die Stimmung, die rundherum „einmalig“ sei. Das mache den Wettbewerb zu etwas Besonderem, „das ist schon sehr cool“. Besonders nachgefragt waren im Vorfeld die Tickets für die Wettbewerbe im Beachvolleyball. Eine Neuheit gibt es im Schwimmen im Stadionbad Hannover: Erstmals finden die deutschen Sprint- und Lagen-Meisterschaften im neuen Modus statt, so werden die Titel bei den Sprintern zum Beispiel im Eliminationsformat vergeben. „Ich finde es cool“, sagte Schmetterling-Schwimmer Luca Armbruster: „Man sollte immer wieder mal gucken, was man den Leuten bieten kann, damit man Sportarten vielleicht ein bisschen spannender macht und ich glaube, dass das ein Format ist, das gut funktionieren kann.“
Der Deutsche Turner-Bund fährt gar mit einer Weltpremiere auf: Erstmals wird in der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) das neue Wettkampfformat RSG-Duos ausgetragen. Je zwei Gymnastinnen zeigen dabei gemeinsam je zwei Übungen: mit zwei Reifen und mit zwei Bällen. Damit wolle man der gewachsenen Popularität der Sportart vor allem auch durch die Erfolge von Ausnahmeathletin Darja Varfolomeev Rechnung tragen. Beim Turnen sind die Augen vor allem auf Andreas Toba gerichtet. Der 35-Jährige hat seine internationale Karriere zwar beendet, national ist er aber weiter aktiv und für die Finals in seiner Heimatstadt qualifiziert.
Für Spannung und Unterhaltung ist also gesorgt. „Ich freu mich wie Bolle“, sagte Niedersachsens Sportministerin Daniela Behrens. Die SPD-Politikerin rührte im Vorfeld ebenfalls kräftig die Werbetrommel – mit einem klaren Appell an die Sportfans: „Man muss zu den Finals nach Niedersachsen kommen, weil man so viele Sportarten auf einem kompakten Raum in Hannover und der Region, so viele tolle Athletinnen und Athleten aus ganz Deutschland und so viele hochklassige Sportereignisse, so schnell in Niedersachsen nicht wieder erleben wird“, sagte Behrens: „Das kommt so schnell nicht wieder.“ Das Land steuerte drei Millionen Euro für das Event bei und ist auch deswegen klar daran interessiert, dass die Finals 2026 ein Erfolg werden. Dieser lasse sich aber nicht nur an Besucherzahlen und Einschaltquoten bemessen, gab Behrens zu bedenken: „Ich erhoffe mir von den Finals, dass man Gemeinschaft wieder erlebt, dass die Finals Menschen zusammenbringen.“ Womöglich würden sich Kinder nach dem Erlebnis dazu entscheiden, „einen bestimmten Sport anzufangen“.