Hollywoodstar Russell Crowe spricht über seine Rolle als Kriegsverbrecher Hermann Göring im Justizthriller „Nürnberg“, wie er mit zwei gebrochenen Beinen einen Film fertig drehte und warum er immer noch jeden Tag Gitarre spielt.
Mr. Crowe, war die Rolle des Hermann Göring in „Nürnberg“ eine besondere Herausforderung für Sie?
Oh, ja. Diese Rolle hat mich psychisch und physisch sehr beansprucht. Die gut 20 Kilo, die ich mir dafür angefuttert habe, sind mittlerweile wieder weg. Aber das ist ja nur eine Äußerlichkeit. Mich in die geistige Verfassung von Hermann Göring hineinzuversetzen, war schon eine ganz besondere Herausforderung. Da ich mich sehr für die Weltgeschichte und ihre politischen Zusammenhänge interessiere, wusste ich über das Dritte Reich schon ziemlich viel. Ich hatte auch viele Bücher über den Zweiten Weltkrieg gelesen. Um mich in die Psyche von Göring einzufühlen, hat mir das hervorragende Drehbuch von „Nürnberg“ sehr geholfen. Es war fundiert, mit viel Insider-Wissen und großem Verständnis für die sehr komplexe Figur von Hermann Göring. Außerdem habe ich natürlich auch Filmaufnahmen von ihm sehr gründlich studiert.
Sie stellen ihn nicht als Monster dar, sondern als eindrucksvolle, oft sogar charmante Persönlichkeit.
Ja, er hatte Charme und konnte Menschen für sich einnehmen, die er dann natürlich zu seinen Gunsten manipuliert hat. Er war sehr gebildet, hatte einen scharfen politischen Instinkt, baute sich Netzwerke auf und versuchte so, den Lauf der Geschichte zu kontrollieren. Bis er die Kontrolle komplett verloren hatte. Es war sehr interessant, mich in diese Figur zu verwandeln.
Sie scheinen mit Ihren gut 60 Jahren noch einmal richtig Gas zu geben. Dieses Jahr kommen noch mindestens drei weitere Filme mit Ihnen ins Kino.
(lacht) Das liegt daran, dass ich ein Mann bin, der zu seinem Wort steht. Wenn ich für ein Projekt zusage, kann man sich hundertprozentig auf mich verlassen. Manchmal dauert es eben Monate, bis ein Film endlich grünes Licht bekommt. Wie zum Beispiel bei „Nürnberg“, bei dem es sogar fünf Jahre gedauert hat, bis endlich die Finanzierung stand. Auch das Remake von „Highlander“ lag lange Zeit auf Eis. Da war ich froh, dass wir mit den Dreharbeiten zu „The Weight – Goldrausch“ zügig beginnen konnten. Der Film wurde übrigens fast vollständig in Bayern gedreht.
In „Highlander“ sind Sie Highlanders Mentor Ramirez – die Rolle, die im Original Sean Connery spielte …
… und mit dem großartigen Henry Cavill als Highlander. Aber da muss ich jetzt etwas gestehen: Bei diesem Dreh war ich, zugegebenermaßen, sehr erschöpft. Ich wusste wirklich nicht, ob ich das schaffen würde. Doch da hat sich Henry eine Verletzung zugezogen und wir mussten die Dreharbeiten unterbrechen. Es wird aber bald nachgedreht (grinst). Es scheint so, als hätte Gott meine stillen Gebete erhört. Ich will mich an dieser Stelle übrigens dagegen verwahren, dass ich ein Workaholic bin. Manchmal kommt eben alles zusammen. Ich genieße mein Leben sehr, wenn ich nicht arbeite. Da verbringe ich viel Zeit auf meiner Ranch, bin mit meiner Familie unterwegs oder treffe mich mit Freunden. Freundschaften zu pflegen ist mir sehr wichtig.
Machen Sie einen Unterschied, wenn Sie eine fiktive Figur spielen oder jemanden darstellen, der tatsächlich gelebt hat?
Ich muss mir schon erlauben, dass mir jede Rolle unter die Haut geht. Sonst wird das nichts. Natürlich will ich jeder Figur gerecht werden. Ob das nun historische Persönlichkeiten sind wie Hermann Göring oder das schizophrene Mathegenie John Nash aus „A Beautiful Mind“ oder fiktive Charaktere wie Robin Hood oder der Gladiator Maximus. Für jede Rolle, die ich spiele, empfinde ich eine große Verantwortung. Aber es ist letztendlich eine Rolle, die ich nach Drehschluss ablege wie ein altes Kleidungsstück.
Es heißt, ein guter Journalist hat keine Freunde, sondern Informanten. Könnte man sagen, ein guter Schauspieler hat keine Freunde, sondern Material?
(lacht) Es stimmt schon, dass ich als Schauspieler immer und überall Informationen, Verhaltensmuster, Ticks und so weiter einsauge und auch oft Freunde, Bekannte und sogar Familienangehörige als „Material“ behandle. Aber die Figur, die ich mir dann daraus zusammenbaue, ist nie eins zu eins ein Mensch, sondern immer eine Mischung aus vielen Menschen.
Wie sind Sie denn eigentlich zur Schauspielerei gekommen?
Anfang der 80er-Jahre jobbte ich als Kellner in Australien, trat als Straßenmusikant auf und ergatterte endlich einen Job am Theater in Sydney. In dem Musical „Rocky Horror Show“ trat ich über hundertmal in der Rolle des verrückten Transvestiten Frank N. Furter auf (lacht). Und das mit allen Schikanen – also auch in Strapsen und roten Pumps. Es folgten Auftritte im australischen Fernsehen und beim Film. Man kann also sagen, ich bin sehr langsam ins Filmbusiness hineingeschlittert.
Der Türöffner für Hollywood war dann der Western „Schneller als der Tod“ …
… für den mich Sharon Stone unbedingt haben wollte. Dafür werde ich ewig dankbar sein. Denn sie hat – obwohl mich das Studio vehement ablehnte – darauf bestanden, dass ich die Rolle bekomme. Man darf nicht vergessen: Mitte der 90er-Jahre war Australien für Hollywood-Produzenten noch ein Niemandsland. Einzig und allein Mel Gibson hatte mit seinen „Mad Max“-Filmen den Sprung nach Hollywood geschafft und wurde dort sogar zum Filmstar.
Dann wurden Sie – mit dem Thriller „L.A. Confidential“ – selbst ein Hollywoodstar. Wie fühlte sich das damals an?
Es war eine große Genugtuung. Aber das lief alles andere als glatt. Obwohl ich mich wochenlang für die Rolle des Polizisten Bud White starkgemacht hatte. Plötzlich wollte das Studio aber einen dieser Mega-Hollywoodstars dafür haben statt einen Nobody wie mich. Man sagte zu mir, dass man mein Hotel nicht mehr bezahlen würde und ich eigentlich heimfahren könnte. Also habe ich mich auf eigene Rechnung in ein Motel in Santa Monica einquartiert und mich erst recht an der Rolle festgebissen. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt.
Warum haben Sie sich das überhaupt angetan?
Weil ich mit Leib und Seele Schauspieler bin. Es ist eine Besessenheit und Erlösung zugleich.
Was hat es denn bedeutet, dass Sie für Ihre Rolle als Gladiator Maximus den Oscar als Bester Hauptdarsteller bekommen haben?
Das war Balsam für meine Seele. Aber ich bin ganz sicher nicht ins Filmgeschäft eingestiegen, um Preise zu bekommen. Und auch nicht wegen des Geldes oder weil man als Hollywoodstar den besten Tisch in einem Restaurant bekommt. Auch das Flanieren auf dem roten Teppich ist doch nur Zugabe. Abgesehen davon wird das auch schnell langweilig. Der einzige Grund, warum ich nach all den Jahren immer noch dabei bin, ist, dass es mir Freude macht. Und ich hoffe, dass ich den Zuschauern auch Freude bringe. Ich möchte das Publikum zum Lachen bringen, zum Weinen, zum Mitfühlen ... Und ich möchte ihm Angst einjagen ... Sogar wenn es mal wirklich schwer ist und ich ausgebrannt oder furchtbar müde bin – dann weiß ich: Solange ich noch etwas zu geben habe, bin ich noch am Leben. Dann ist es gut!
Stimmt es, dass Sie sich bei Dreharbeiten viele Verletzungen zugezogen haben?
Ich hatte mal eine Zeitlang eine Beziehung mit der Hollywoodschauspielerin Meg Ryan. Als sie die vielen Narben auf meinem Körper sah, wollte sie wissen, wie ich mir die zugezogen hatte. Ich glaube, sie war etwas enttäuscht, als ich ihr sagte, dass ich mir alle bei Dreharbeiten geholt habe (lacht). Wenn man sich körperlich so einbringt wie ich, kriegt man auch mal einen Schwerthieb ab und kommt aus einem Faustkampf mit jeder Menge Blessuren raus. Ich habe noch heute kein Gefühl im rechten Zeigefinger. Am Set von „Gladiator“ habe ich mir bei Kämpfen Hüft- und Knochenbrüche zugezogen sowie eine Verletzung der Achillessehne. Und die Speerspitzen an den Rädern eines Streitwagens hätten mir fast das Gesicht zerfetzt. Aber die schlimmste Verletzung hatte ich bei den Dreharbeiten für „Robin Hood“.
Was ist denn da passiert?
Da habe ich mir bei einem Sprung von einer hohen Burgmauer beide Beine gebrochen. Eigentlich sollte der Boden dort aufgelockert sein. War er aber nicht. Also schlug ich voll auf den steinharten Boden auf. Ich höre heute noch das Krachen. Der Schmerz schoss hoch bis in mein Gehirn. Doch ich habe eisenhart weitergedreht. Keine Schiene, kein Gips, keine Schmerzmittel. Mit der Zeit sind die Beine dann wieder verheilt. Und ob Sie es glauben oder nicht: Erst zehn Jahre später hat ein Arzt beim Röntgen festgestellt, dass ich sie mir damals gebrochen hatte. Was macht man nicht alles für die Kunst.
Sie gelten in der Filmbranche als integer, manchmal auch als schwierig, aber auf jeden Fall als jemand, der sich nichts gefallen lässt.
Wenn man sich in Hollywood durchsetzen will, geht das nicht, ohne ab und zu anzuecken. Wenn du kein Selbstbewusstsein hast, endest du dort schnell als Fußabstreifer. Allerdings sollte man sein Ego schon im Griff haben, sonst verbaut man sich viele Chancen. Ich habe immer aus einem Bauchgefühl heraus gehandelt. Da habe ich mich bei meinen Entscheidungen selten getäuscht. Und Integrität hat sicher nichts mit der Höhe des Bankkontos zu tun. Integrität ist nicht käuflich. Sie ist eine Lebenshaltung. Wie Loyalität. Wie Respekt, den ich für jemanden habe – oder eben nicht. Oder ob ich jemandes Freund sein will. Oder doch lieber sein Feind.
„Nur wer intensiv lebt, lebt richtig“, sagten Sie mal. Dafür braucht man viel Energie. Woher nehmen Sie die? Wie tanken Sie Ihre Batterien wieder auf?
Ich bin schon seit langer Zeit ein glücklicher Mensch, der ein erfülltes Leben hat. Ich habe eine wunderbare Lebenspartnerin (seit 2020 ist er mit der fast 20 Jahre jüngeren Britney Theriot zusammen; Anm. d. Red), habe zwei Kinder (aus seiner Ehe mit Danielle Spencer: Charles, 22, und Tennyson, 19; Anm. d. Red.), auf die ich sehr stolz bin. Zum Glück bin ich noch so gesund und habe auch noch so viel Energie, dass ich meinen Job als Schauspieler immer noch zu 100 Prozent machen kann. Und dann gibt es da noch die Musik. Rock ’n’ Roll ist nach wie vor mein Ding. Damit habe ich meine Laufbahn angefangen und das treibt mich immer noch an. Ich spiele fast jeden Tag Gitarre. Und ich schreibe auch noch Songs. In meinen Liedern kommen meine ganz privaten Emotionen und Gedanken zum Ausdruck. Wenn ich Musik mache, bin ich weit weg vom Filmbusiness, was sehr erfrischend für mich ist. Da tanke ich Kraft und Lebenslust. Das ist gut für meine Seele.