Wie sich die Lebensrealität älterer Menschen verändert und welche Rolle soziale Angebote dabei spielen, zeigt ein Blick auf die Seniorenarbeit der Awo. Landesgeschäftsführer Jürgen Nieser spricht über Herausforderungen, Chancen und die Zukunft einer solidarischen Pflegekultur.
Herr Nieser, der Tag der Pflege macht auf die gesellschaftliche Bedeutung von Pflege aufmerksam. Welche Rolle spielt die Seniorenarbeit innerhalb der Awo insgesamt?
Die Arbeit mit und für hilfebedürftige Menschen jeglichen Alters nimmt eine zentrale Rolle innerhalb der Arbeiterwohlfahrt ein. Dieses Tätigkeitsfeld ist somit ein elementarer Bestandteil unseres sozialen Engagements.
Wie hat sich die Lebenssituation älterer Menschen in den vergangenen Jahren Ihrer Erfahrung nach verändert?
Einerseits sind die heutigen Senioren unabhängiger als Senioren vorangehender Generationen. Sie reisen, sind vielseitig interessiert und besitzen eine enorme Kaufkraft. Andererseits haben sich die tradierten Familienstrukturen einem Wandel unterzogen. Kinder und nahe Angehörige leben und arbeiten oftmals mehrere Kilometer entfernt von ihrer Verwandtschaft. Somit droht insbesondere alleinstehenden Senioren eine soziale Vereinsamung. Ferner stellen wir fest, dass einerseits viele Senioren finanziell abgesichert sind; diametral dazu wächst jedoch der Anteil derjenigen, welche von Altersarmut betroffen sind und diverse Hilfsangebote annehmen müssen, um ihren Lebensalltag bewerkstelligen zu können.
Welche Bedürfnisse Älterer werden Ihrer Meinung nach aktuell noch zu wenig berücksichtigt?
Aktuell fehlt es an niedrigschwelligen, leicht zugänglichen und gleichzeitig regelmäßigen Angeboten zur Kontaktpflege. Digitale Angebote können den menschlichen Kontakt, Nähe und Zuwendung nicht ersetzen, sondern nur unterstützen. Weiterhin sind viele Senioren besorgt, da diese nicht wissen, wie sie Pflege- und Unterstützungsangebote finanzieren sollen.
Wie wichtig sind soziale Teilhabe und Begegnungsangebote für die Lebensqualität im Alter?
Soziale Teilhabe ist ein zentraler Bestandteil von Lebensqualität, dies gilt altersunabhängig. Deshalb sind Begegnungsangebote, wie wir sie beispielsweise in unseren ehrenamtlich organisierten Begegnungsstätten und unseren drei Quartiersprojekten anbieten, existentiell.
Welche Bedeutung haben niedrigschwellige Angebote in der Seniorenarbeit, insbesondere für alleinlebende Menschen?
Niedrigschwellige Angebote stellen auch im Alter einen entscheidenden Zugang zur Teilhabe am Leben dar. Aus diesem Grunde sind seniorengerechte Angebote für die Arbeiterwohlfahrt bedeutsam.
Wie gelingt es, Pflege, Betreuung und soziale Angebote sinnvoll miteinander zu verzahnen?
Durch die Konzeption der sozialraum-orientierten Quartiersentwicklung könnten solche Angebote verzahnt werden. Dies setzt jedoch eine auskömmliche Refinanzierung solcher Projekte durch eine vorausschauende Politik voraus.
Welche Rolle spielen Ehrenamt und freiwilliges Engagement in der Arbeit mit Seniorinnen und Senioren?
Ehrenamt und freiwilliges Engagement spielen im Arbeitsalltag mit und für Senioren eine zentrale Rolle. Sie ergänzen die professionelle Pflege und Betreuung. Das freiwillige Engagement benötigt hierzu zukünftig stärkere Unterstützung und Koordination durch die Kommunen.
Wie kann Seniorenarbeit dazu beitragen, Pflegebedürftigkeit möglichst lange hinauszuzögern?
Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des zunehmenden Bevölkerungsanteils sehr alter Menschen werden gesundheitsfördernde Präventionsmaßnahmen immer wichtiger. Seniorenarbeit kann auf vielfältige Weise einer Pflegebedürftigkeit entgegenwirken. Die Förderung von sozialen Kontakten kann Einsamkeit und Depressionen vorbeugen. Sportliche Angebote können zum Beispiel das Gleichgewicht verbessern und somit eine Sturzpräventionsmaßnahme darstellen.
Wo sehen Sie konkrete Ansatzpunkte, um Pflege und Seniorenarbeit in Zukunft stärker zusammenzudenken?
In Anbetracht der demografischen Entwicklungen und gleichzeitig steigender Pflegebedarfe können Pflege und Seniorenarbeit nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Zukünftig wird neben der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit die Finanzierung der Pflege und die Stärkung der Seniorenarbeit – ob ehrenamtlich oder hauptamtlich organisiert – maßgeblich sein.
Welche Botschaft möchte die Awo zum Tag der Pflege an ältere Menschen, ihre Angehörigen und die Gesellschaft richten?
Pflege ist nicht nur eine Tätigkeit, mit welcher professionell Pflegende ihren Lebensunterhalt bestreiten. Pflege erfordert einerseits eine fachlich fundierte Ausbildung, welche äußerst anspruchsvoll ist. Andererseits sind weniger pflegeintensive Tätigkeiten zunehmend auf die Übernahme einer engagierten Bürgergesellschaft mit sozialem Bewusstsein angewiesen. Pflege stellt ein Fundament des sozialen Zusammenhalts dar. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich kein Bürger verschließen sollte.