Viel alter Wohnbestand, alte Heizungen und geringes Durchschnittseinkommen: Das Saarland ist in Sachen Wärmewende besonders gefordert. Eine Studie zeigt: Für viele ist sie derzeit nicht bezahlbar.
Bis 2045 will ganz Deutschland und damit auch das Saarland verpflichtend klimaneutral werden. Doch die Hürden sind enorm hoch, um dieses ehrgeizige Klimaziel hierzulande zu erreichen: Im Saarland gibt es einen hohen energie-ineffizienten Gebäudebestand, sehr viele Öl- und Gasheizungen, insbesondere im nördlichen Saarland, unzureichende Informationen und wenig gezielte Förderungen sowie ein im Bundesvergleich niedriges Einkommensniveau. Über 40 Prozent der saarländischen Haushalte wären derzeit finanziell nicht in der Lage, die Anforderungen der Wärmewende ohne Hilfen zu bewältigen. Bundesweit liegt dieser Anteil bei rund 30 Prozent.
Ernüchternde Zahlen
Diese ernüchternden Zahlen und Fakten sind das Ergebnis einer aktuellen Studie des Sozial-Klimarats im Auftrag der Arbeitskammer des Saarlandes, die Anfang November in Saarbrücken vorgestellt wurde. Das Positive: Es gibt jede Menge Luft nach oben, das vorhandene Energie-Einsparpotenzial zu heben, und Chancen, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die Frage ist nur: Wie, wann und mit welchen Mitteln? Der Hauptgeschäftsführer der Arbeitskammer, Thomas Otto, sieht in der Wärmewende weniger eine technische als eine soziale Herausforderung. „Für viele Immobilieneigentümer im Saarland sind Investitionen in Techniken wie Wärmepumpe oder energetische Sanierungsmaßnahmen wie Dämmung einfach unbezahlbar.“ Mieter seien wiederum auf die Vermieter angewiesen, die selbst nicht über die finanziellen Mittel verfügen oder keinen Überblick über Förderungen und rechtliche Vorgaben haben. Zwar verfügt das Saarland über die höchste Eigentumsquote im Bundesvergleich, aber die Studie macht auch deutlich, dass 63 Prozent der Gebäude vor 1969 gebaut wurden und somit einen hohen Energie- und Investitionsbedarf ausweisen. Viele dieser alten Häuser haben schlicht und ergreifend einen niedrigen Energiestandard aufgrund ihrer Bausubstanz.
Laut Studie sind lediglich rund 30 Prozent der Haushalte im Saarland überhaupt in der Lage, die Wärmewende aus eigener Kraft zu schaffen. Sie verfügen in der Regel über gute Einkommen, haben bereits in klimafreundliche Technologien investiert oder planen es, sind meist Städter, wohnen im Neubau oder in sanierten Altbauten und profitieren von einer klimafreundlichen Infrastruktur wie dem Anschluss an Wärmenetze. Bei rund 28 Prozent der Haushalte, so die Studie, kommt es auf lokale Bedingungen an, ob die Wärmewende gelingt. Zu dieser Gruppe zählen vielfach Eigentümer von Wohnungen oder Reihenhäusern oder gut situierte Mieter, allerdings müssen sie sich bei Investitionen in den Klimaschutz stets untereinander abstimmen, was als Hindernis gesehen wird. Für fast 42 Prozent der Haushalte sieht es beim Klimaschutz dagegen schlecht aus. Zu dieser Gruppe zählen vorrangig Mieter mit geringem Einkommen, die Mittelschicht in alten Häusern und Familien, die noch einen Großteil ihrer Kredite bezahlen müssen. Für sie käme jegliche Mehrbelastung durch gesetzlichen Sanierungszwang einer finanziellen Überforderung gleich. Thomas Otto sieht in der Situation des Saarlandes einen Beleg dafür, dass wir eine sozial differenzierte Klimawende brauchen. „Da steckt enormer sozialer Sprengstoff drin, wenn nicht gegengesteuert wird. Es ist zudem eine große Gefahr für die Demokratie, wenn das Gefühl der Überforderung bei der Wärmewende zu einem Gefühl des Abgehängtseins wird.“ Nicht alle Menschen seien resilient gegen die Verheißungen der Populisten.
Der Geschäftsführer des Saarländischen Städte- und Gemeindetags, Stefan Spaniol, warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger. Zwar müssen die Kommunen bis 2028 eine Wärmeplanung vorlegen – die Landeshauptstadt Saarbrücken aufgrund der Einwohnerzahl bereits 2026 –, aber das sei nur eine Planung, und einen verbindlichen Anspruch gebe es nicht. Ob beispielsweise tatsächlich eine Nahwärmeversorgung in einem Stadtviertel aufgebaut wird, ein Anschluss an ein vorhandenes Wärmenetz erfolgt oder andere Energieträger wie Biomasse oder Wasserstoff zum Zuge kommen, können definitiv erst Machbarkeitsstudien zeigen. Und das kann bei dem deutschen Tempo in der öffentlichen Verwaltung und der Bürokratie samt Einspruchsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger gegen dieses und jenes dauern. Zeit, die das Saarland zur Erreichung der Klimaziele kaum hat, zumal die Preise für fossile Brennstoffe wie Öl und Gas schon aufgrund der politisch gewollten CO2-Besteuerung und des CO2-Zertifikatehandels weiter deutlich steigen werden. „Und wir reden hier nur von den privaten Gebäuden und nicht von denen der öffentlichen Hand“, so Stefan Spaniol. Schon heute haben die saarländischen Kommunen einen Investitionsrückstau inklusive der energetischen Gebäudesanierung von etwa drei Milliarden Euro. „Vielleicht hätte die öffentliche Hand bei der Sanierung mit gutem Beispiel vorangehen oder sich von dem Gedanken verabschieden sollen, in Deutschland alle Wenden wie Energie, Wärme und Verkehr gleichzeitig zu machen“, gibt Spaniol zu bedenken.
Eigene Landes-Energieagentur
Die Ausgangsvoraussetzungen, die Wärmewende zu schaffen, seien im Vergleich der Bundesländer unterschiedlich ausgeprägt und werfen die Frage der sozialen Gerechtigkeit auf, erklärte Frederik Digulla vom Sozial-Klimarat, der die Studienergebnisse vorgestellt hat. Zwar liegen noch keine konkreten Ergebnisse der Wärmeplanung im Saarland vor, lediglich einige Skizzierungen, worauf sich die Bürgerinnen und Bürger in Zukunft einstellen sollten. Konkrete Forderungen seitens der Arbeitskammer für eine sozial abgefederte Wärmewende liegen aber bereits auf dem Tisch. Neben einer einkommensabhängigen Staffelung der Bundesförderung für effiziente Gebäude wäre ein landeseigenes Förderprogramm mit Tilgungszuschüssen oder zinsfreien Darlehen für einkommensschwache Haushalte angebracht. Eine klare Absage an Förderungen nach dem Gießkannenprinzip. Gefordert wird auch die Einrichtung einer zentralen Landesenergieagentur, wie es sie in den meisten Bundesländern schon seit Langem gibt: Sie könnte kostenlos beraten und Licht in den Förderdschungel bringen. Gefordert wird außerdem eine koordinierte Zusammenarbeit bei der Quartiersentwicklung oder Sanierung zwischen Kommunen und Genossenschaften. Das senkt Kosten, schafft Arbeitsplätze und dient als Modell für eine erfolgreiche Wärmewende. Dazu käme verpflichtend ein öffentliches Monitoring, um Kontrolle und Transparenz beim Erreichen der Klimaziele sicherzustellen. Finanzielle Mittel stehen schließlich zur Verfügung wie das Sondervermögen für Infrastruktur des Bundes in Höhe von 500 Milliarden Euro oder der Transformationsfonds des Saarlandes. Gelder aus diesen Fonds würden, gezielt eingesetzt, zu Investitionen führen und die breite Akzeptanz der Wärmewende in der Bevölkerung erhöhen.
Neben allen planerischen, technischen und finanziellen Herausforderungen bleibt der Erfolg der Wärmewende allerdings auch eine Frage der Organisation dieser Investitionshürde. Eine strukturelle Überforderung wie im Saarland lässt sich nicht durch kommunale Selbsthilfe oder individuelle Förderung allein bewältigen. Es braucht systematisch adressierte Bund-Länder-Maßnahmen, so das Fazit. Sonst wird das nichts mit einer erfolgreichen Wärmewende im Saarland.