Der exzentrische Fantasy-Zauberer Tim Burton spinnt in seiner Serie „Wednesday“ die Addams-Family-Saga weiter. Auch in der zweiten Staffel steht Jenna Ortega wieder als Wednesday Addams im Mittelpunkt.
Die erste „Wednesday“-Staffel war mit über 250 Millionen Zuschauern die meistgestreamte Netflix-Serie aller Zeiten. Regisseur Tim Burton scheint alles richtig gemacht zu haben, als er aus dem Addams-Family-Clan Tochter Wednesday herauslöste und in den Mittelpunkt seiner Fantasy-Horror-Serie stellte. Und mit Jenna Ortega auch die perfekte Besetzung für „meine kleine Todesfalle“ fand, wie ihr Vater Gomez (Luis Guzmán) seine Tochter zärtlich nennt.
Nachdem Wednesday wegen eines Anschlags mit Piranhas auf Mitschüler der Highschool verwiesen wurde, schickt sie ihre Mutter Morticia (Catherine Zeta-Jones) gegen ihren Willen auf die Nevermore-Academy, ein Internat für „Außenseiter“ wie Werwölfe, Vampire, Sirenen und andere Monster mit übersinnlichen Fähigkeiten. Dort muss sich Wednesday ein Zimmer mit der immer gut gelaunten Enid Sinclair (Emma Myers) teilen, die einen unstillbaren Hang zu knallbunten Farben, Kuscheltieren und Klatsch hat. Ein Alptraum für Wednesday, die meist introvertiert, düster und sarkastisch ist, mit gelegentlichen sadistischen Tendenzen. Wednesday hat für das Sonnenscheinchen Enid nur tiefste Verachtung übrig und Enid bezeichnet Wednesday einmal als „den Tunnel am Ende des Lichts“. Trotzdem raufen sich die beiden zusammen und werden im Laufe der Zeit sogar Freundinnen.
Burton-typisch düster
Mit unbändiger Lust entfaltet Tim Burton seinen dunkel-düsteren Bilderbogen voll morbider Surrealität und alptraumhafter Visualität und mit einem exquisiten Horror-Arsenal aus unheimlichen Gemäuern, labyrinthischen Geheimgängen, lichtlosen Gassen, gespenstischen Friedhöfen, verwunschenen Türmen und finsteren Waldstücken.
Neben den bekannten Figuren aus der ersten Staffel führt Burton diesmal auch weitere zwielichtige Gestalten ein. Zum Beispiel den neuen Schulleiter von Nevermore Barry Dort (Steve Buscemi) oder den Kansas City Scalper (Haley Joel Osment), einen Serienkiller mit Puppenfetisch. Außerdem wird im Laufe der Geschichte ein ziemlich toter Zombie wiederbelebt und auch das Monster Tyler Galpin (Hunter Doohan) verbreitet auf einem Horror-Trip wieder Angst und Schrecken. Es gibt diesmal vielleicht etwas zu viele Handlungsstränge und Nebenschauplätze. Wir erleben, wie Larissa Weems (Gwendoline Christie), die Ex-Schulleiterin von Nevermore, die am Ende der ersten Staffel vergiftet wurde, als Widergängerin und Wednedays Schutzengel auftritt. Und Burton hat sich auch die Gelegenheit nicht entgehen lassen, erneut auf sein Frankenstein-Faible anzuspielen, das er schon in seinem Animationsfilm „Frankenweenie“ (2012) auslebte.
Maskenhafter Gesichtsausdruck
Aber die Schlüsselelemente von Burtons Nachtmahr sind nach wie vor sehr originell und packend. In einer Vision sieht Wednesday den Tod Enids voraus und macht es sich zur Aufgabe, ihre Freundin zu retten. Dann lernt sie endlich ihre Raben-Großmutter Hester Frump (Joanna Lumley) kennen, ein Treffen, das für Wednesday viele Überraschungen birgt. Und auch die neue Musiklehrerin von Nevermore, Isadora Capi (Billie Piper), gibt Wednesday Rätsel auf. Denn unter ihrer attraktiven Hülle scheint Isadora ein gefährliches Geheimnis zu verbergen. Ein echter Clou ist der Cameo-Auftritt von Lady Gaga als Rosaline Rotwood, einer mysteriösen Chimäre, die Wednesday ihre verlorenen hellseherischen Fähigkeiten wieder zurückgibt. Allerdings zu einem hohen Preis: Als Wednesday aus der Trance erwacht, muss sie schockiert feststellen, dass sie mit Enid den Körper getauscht hat. Die nachfolgenden, völlig verdrehten Sequenzen sind der Höhepunkt der zweiten Staffel. Und sie zeigen, dass Jenna Ortega nicht nur die eisgekühlte Wednesday mit dem maskenhaften Gesichtsausdruck phänomenal gut spielen kann, sondern auch die buntfarben-ausgeflippte Enid. Und auch Emma Myers scheint an Wednesdays mega-cooler Düsterrolle sehr viel Spaß gehabt zu haben.
Und wie auch schon in der ersten Staffel gibt es auch hier zum Showdown eine spektakuläre Tanzeinlage. Diesmal legen Enid und die Wednesday-Stalkerin Agnes (Evie Templeton) zu „The Dead Song“ von Lady Gaga eine furiose Balletttanz-Einlage aufs Parkett.
Und ob Enid endlich ihr Coming-out als Werwolf hat, muss sich jeder selbst ansehen. Auf jeden Fall streift Enid am Ende der zweiten Staffel ruhelos in der Gegend umher. Der perfekte Cliffhanger zur dritten Staffel, die gerade grünes Licht bekommen hat.
Ein Wermutstropfen bei diesem fabelhaften Monster-Mysterium ist die Fahrstuhlmusik von Burtons Lieblingskomponisten Danny Elfman, die nonstop herumwabert. Aber Jenna Ortega in ihrer Paraderolle weiter bestaunen zu können, macht dieses Manko mehr als wett.
Und wenn sich, zum Beispiel, Enid bei Wednesday über deren Unvermögen beklagt, sich auch nur einmal in die Schuhe von anderen zu stellen, antwortet Wednesday nonchalant: „Meine Schuhe sind mit zersplitterndem Glas und Rasierklingen gefüllt. Nach zwei Schritten in meinen Schuhen würdest du bluten.“ Wer könnte sie für so eine Replik nicht lieben? Der Gothic-Meister Edgar Allan Poe hätte an „Wednesday 2“ jedenfalls seine diabolische Freude gehabt.