KI-Chatbots ersetzen keine Psycho-Therapie – sie können eine Anlaufstelle bei milden Symptomen sein, besonders während der Wartezeit auf professionelle Hilfe. Doch was bringen sie? Und wer nutzt sie häufiger, Frauen oder Männer?
War es der Wunsch nach Sport oder doch eher der Wunsch, sein Leben zu beenden? Kommt eine Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz, können nach der Eingabe von Prompts oder Fragen die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausfallen, teils sogar extrem. „Woebot“ beispielsweise, eine KI-App für mentale Gesundheit, kümmerte sich um eine Eingabe, bei der eine Person schrieb, sie möchte auf eine Klippe im Eldorado Canyon klettern und von ihr herunterspringen. Die Antwort der KI: „Es ist so wunderbar, dass du dich sowohl um deine geistige als auch um deine körperliche Gesundheit kümmerst.“ Gut, dass es nur die Testeingabe einer Forscherin war.
Von einem anderen Fall berichtet „DW Deutsch“ auf Youtube: Die US-amerikanische Organisation National Eating Disorders Association (NEDA) deaktivierte 2023 den KI-Chatbot „Tessa“, da von dort gefährliche Tipps zum Abnehmen und zum Body-Maß-Index veröffentlicht wurden. Diese Beispiele scheinen zu bestätigen, was viele Nutzer bereits schon lange vermuten: Zwischentöne sind nicht so das Ding von KIs. Einem menschlichen Therapeuten wären Stimmung oder Zusammenhang sicherlich aufgefallen – hoffentlich, möchte man hinzufügen.
Doch „DW Deutsch“ sagt auch, dass Künstliche Intelligenz im Bereich der psychischen Gesundheit enormes Potenzial habe. Denn so könnte vielen Menschen geholfen werden, die einer herkömmlichen Therapie skeptisch gegenüberstehen. Außerdem könne die KI so programmiert werden, dass sie genau auf das Individuum passt. Wer schon mal auf der Suche nach einem Therapieplatz war, wird außerdem zugeben müssen, dass dies eine Zeitersparnis sein könnte. Da kann man schon mal zwei oder drei Praxen ausprobieren, bis es zwischen Patient und Therapeutin oder Therapeut „passt“.
Ein kompletter Ersatz ist also (noch) nicht möglich, aber wie wäre es mit einer KI als Unterstützung? Stichwort Niedrigschwelligkeit. Eine Metaanalyse aus dem „Journal of Medical Internet Research“ von 2025 zeigt: Die digitalen Helfer können in bestimmten Fällen tatsächlich wirksam sein, wie springermedizin.de
berichtet. Bei der Metaanalyse wurden 15 randomisierte Studien mit fast 2.000 jungen Teilnehmenden im Alter von zwölf bis 25 Jahren analysiert. Dabei standen KI-gestützte Chatbots im Mittelpunkt, die psychologische Unterstützung bieten, etwa durch kognitive Verhaltenstherapie oder Gesprächsführung – sogenannte Conversational Agents (CAs).
Vorzeigbare Erfolge zeigten sich bei Personen, die erste depressive Anzeichen ohne klinische Diagnose hatten, sogenannte subklinische Beschwerden. Die Effektstärke in „Hedges’ g“ zeigte laut dem Portal einen Wert von 0,74, was dem Medium zufolge „ein beachtliches Ergebnis für eine digitale, oft kostenfreie Intervention“ sei. Doch ging es um Angststörungen, Stresslevel und allgemeines Wohlbefinden, hätten die Chatbots keine signifikante Wirkung gezeigt. Das Autorenteam der Metanalyse schließt daraus, „dass viele aktuelle Tools zu generisch gestaltet sind und spezifischere psychologische Mechanismen, etwa für Angstbewältigung, (noch) nicht ausreichend adressieren“.
KI-Chatbots zeigen Erfolge bei subklinischen Beschwerden
Die Metaanalyse habe überraschenderweise auch gezeigt, dass weder die technische Plattform – also die App oder das Webtool – noch die KI-Art selbst oder Dauer der Nutzung einen relevanten Einfluss auf die Wirksamkeit hätten. Hier zogen die Autorinnen und Autoren den Schluss, dass es vor allem auf Inhalte und Struktur der Gespräche ankomme und weniger auf die äußere Form. Notwendig sei es jedenfalls, KI-gestützte Chatbots weiterhin zu verbessern, um die Wirksamkeit zu steigern und die Heterogenität psychischer Erkrankungen berücksichtigen zu können.
Doch wer nutzt eigentlich KI-Bots, um psychische Probleme zu analysieren? Eine Studie zu Chatbot Designs zeigt, dass Männer stärker auf funktionale, sachliche Interaktionen reagieren. Zahlreiche weitere Studien belegen, dass Männer eine geringere Bereitschaft haben, psychologische Hilfe zu suchen und emotionale Selbstoffenbarung stärker vermeiden. Studien zur Technikakzeptanz bei den Geschlechtern zeigen außerdem, dass Männer technische Systeme stärker nach Nützlichkeit bewerten und Frauen stärker nach sozialer Einbettung und Unterstützung. Daher sehen Männer emotionale KI-Chatbots eher als Werkzeug denn als Gesprächspartner.
Dazu passen die Ergebnisse einer umfangreichen Studie aus dem Jahr 2024 unter der Leitung von Anja Møgelvang von der Western Norway University of Applied Sciences. Dort heißt es kurz gesagt, dass Männer KI-Chatbots häufiger nutzen, sie diese vielseitiger einsetzen – von Analyse und Problemlösung über Ideenentwicklung bis hin zu technischen Anwendungen – und sie stärker als Werkzeug und für Zweck/Problemlösung wahrnehmen. Diese Studie bezieht sich zwar auf Studierende, aber die häufigere Nutzung durch Männer sei typisch für technikorientierte Nutzung. Außerdem betrachten sie KI als relevante Kompetenz für ihre berufliche Zukunft.
Frauen hingegen nutzen KI-Chatbots gezielter und vor allem für textbezogene Tätigkeiten, etwa zum Schreiben, Überarbeiten oder Strukturieren von Inhalten. Gleichzeitig äußern sie mehr Vorbehalte gegenüber möglichen Risiken wie Abhängigkeit, eingeschränktem kritischen Denken oder der Vertrauenswürdigkeit der Antworten. Dadurch entsteht ein höherer Bedarf an Orientierung, Anleitung und Kompetenzaufbau im Umgang mit KI. Die Autorinnen betonen, dass diese Unterschiede nicht auf Leistungsfähigkeit, sondern auf verschiedene Nutzungsziele, Technikakzeptanz und Unterstützungsbedarfe zurückzuführen sind.
Die Studie selbst untersuchte keine klinischen Symptome; teilweise weisen die geschlechtsspezifischen Nutzungsmuster jedoch auf Mechanismen hin, die bei depressiven Verstimmungen besonders relevant werden. Da Männer KI-Chatbots generell häufiger zur Problemlösung einsetzen, ist es plausibel, dass sich dieses Muster bei depressiven Verstimmungen verstärkt. Depressive Symptome gehen bei vielen Männern mit Rückzug, verminderter emotionaler Ausdrucksfähigkeit sowie der Tendenz einher, sich auf die Lösung von Problemen zu fokussieren. KI kann also die Möglichkeit bieten, anonym Unterstützung zu erhalten, ohne sich emotional offenzulegen. KI bietet Distanz, die emotional entlastet.
Frauen neigen hingegen zu einer Nutzung, die vorsichtiger und stärker reflektiert ist. Sie haben eine höhere Sensibilität für Risiken, mehr Bedarf an Orientierung und eine stärker textbezogene, strukturierende Nutzung. Überträgt man dies auf depressive Verstimmungen, kann dies bedeuten, dass Frauen KI-Chatbots eher nutzen, um Gedanken zu ordnen, Texte zu formulieren oder emotionale Belastung sprachlich zu verarbeiten – aber gleichzeitig kritischer gegenüber der emotionalen Qualität und Vertrauenswürdigkeit der Antworten bleiben. Frauen können so innere Zustände vorsichtig formulieren und emotionale Belastung „üben“, bevor sie mit Menschen sprechen. KI wird zur sicheren, kontrollierbaren Vorstufe sozialer Interaktion.
Um den Bogen zu springermedizin.de zurückzuspannen: Das Portal berichtete, dass geschlechterübergreifend gerade junge Menschen sich digitalen Angeboten gegenüber offener zeigten. Viele empfänden den Austausch mit einem Bot sogar als weniger stigmatisierend als den Besuch bei einer Therapeutin oder bei einem Therapeuten. KI-basierte Chatbots könnten als ergänzende Maßnahme helfen, die psychische Gesundheitsversorgung zu entlasten. Vor allem in der Prävention oder frühen Intervention könnten digitale Tools eine wachsende Rolle spielen. Vor allem in einer Zeit, in der Wartezeiten auf eine Psychotherapie oft mehrere Monate betragen.