Die TSG Hoffenheim spielt den besten Fußball seit Jahren, doch rundherum bricht ein Machtgefüge auseinander, das lange als solide galt. Während Trainer Christian Ilzer seine Mannschaft auf Kurs hält, erschüttern Rücktritte, Entlassungen und alte Loyalitäten den Verein.
Es begann mit einem Ratschlag, den Christian Ilzer eigentlich für einen Trainerkollegen ausgesprochen hatte – und der nun rückblickend wie ein Leitmotiv für die Tage in Hoffenheim wirkt. Man müsse sich, wenn es richtig schwierig wird, „auf unsere tägliche Arbeit“ konzentrieren, sagte der Österreicher, und gerade in solchen Phasen „sehr viel lernen über sich selber und über seine Jobskills“. In der Konsequenz bedeute das: Dem treu bleiben, was funktioniert; anpassen, was nicht funktioniert; und alles ausblenden, was jenseits des Trainingsplatzes lärmt. Eine nüchterne Philosophie – und die Basis eines sportlichen Aufschwungs, der im Kraichgau zugleich zu einer Kulisse wurde für ein Führungschaos, das in diesen Wochen kaum noch zu bändigen ist. Für Ilzer, der immer wieder betont hat, dass Teams vor allem über Krisen wachsen, war diese Haltung nicht nur ein Coaching-Grundsatz, sondern plötzlich eine Art tägliche Überlebensstrategie.
„Weil jeder spielen will“
Sport-Geschäftsführer Andreas Schicker hatte Ilzer im Sommer geholt, und dass beide gemeinsam durch jene schwierige Startphase kamen, gilt inzwischen als kleine Meisterleistung. „Er hat diese schwierige Phase gut gemeistert“, lobte Schicker im „Kicker“. Darauf folgte ein Sommer, in dem die TSG fast im Akkord erneuert wurde: Wouter Burger, der in Wolfsburg seine ersten Bundesliga-Tore erzielte; Vladimir Coufal, der sofort zum verlässlichen Vorlagengeber wurde; Bernardo, der von einer „starken Gruppe“ sprach, „weil jeder spielen will“. Man hörte Sätze, die man in Hoffenheim lange nicht gehört hatte – nicht nur aufgrund des Inhalts, sondern vor allem wegen des Tons. Der interne Wettbewerb war zurück, die Energie auch. Es war, als sei plötzlich wieder jener Funke im Club, der ihn in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatte: eine Mischung aus jugendlichem Trotz, taktischer Klarheit und dem Selbstverständnis, mehr zu wollen, als man von außen erwartete.
Ilzer blieb seiner Linie treu, auch als die Resultate stimmten. „Um weiter zu punkten und zu gewinnen, müssen wir hungrig nach Entwicklung bleiben“, erklärte er und ließ keinen Zweifel daran, dass Erfolge nicht automatisch zu freien Tagen führen. „Die gibt es nur, wenn wir zu null spielen und gewinnen!“ Es war eine kleine Volte eines Trainers, der gelernt hat, dass Konsequenz über Stimmungen steht. Die Mannschaft folgte ihm. Auf dem Platz lief die TSG in die oberen Tabellenregionen, zeigte laufstarken, strukturierten Fußball, der Erinnerungen weckte an Phasen unter Rangnick oder Nagelsmann. Und vielleicht war es genau dieser Eindruck – der einer Mannschaft, die sich wieder auf etwas Gemeinsames verständigt hatte –, der die Diskrepanz zur Führungsetage noch schärfer hervortreten ließ.
Doch während die Mannschaft wuchs, zerfiel das Gebälk über ihr. Der 5. November wurde zum Wendepunkt. Geschäftsführer Markus Schütz und Finanzchef Frank Briel mussten gehen, mit sofortiger Wirkung. Die Worte, die Schütz zuvor im Clubmagazin geschrieben hatte – Hoffenheim sei „im besten Sinne ein Dorfverein“, ein Ort von Nähe und Austausch –, wirkten plötzlich wie bittere Ironie. Investor Dietmar Hopp hatte längst das Vertrauen verloren, nicht zuletzt wegen des verhängten Stadionverbots gegen seinen langjährigen Freund Roger Wittmann. Als der 85-Jährige das Vorgehen seiner Geschäftsführer öffentlich als „große Schweinerei“ bezeichnete, war absehbar, dass die Sache nicht ohne personelle Verwüstungen enden würde. Die Atmosphäre im Clubzentrum war in diesen Tagen geprägt von Flüstergesprächen in Fluren, von angespannten Sitzungen hinter verschlossenen Türen, in denen sich selbst langjährige Mitarbeiter fragten, wem sie noch vertrauen konnten.
Ein „ständiges Vibrieren“
Die Tage danach verliefen wie in einer Chronik der Unsicherheit. Mitarbeiter wurden kurzfristig zu Versammlungen eingeladen, die dann wenige Minuten vor Beginn abgesagt wurden. Eine Sitzung jagte die nächste, Entscheidungen wurden vorbereitet, verworfen, neu sortiert. Am Ende blieben: der Abschied von Schütz und Briel, ein tiefes Misstrauen in der Vereinsspitze – und eine offene Frage, die schwerer wiegt als alle anderen. Bleibt Andreas Schicker? In Zuzenhausen beschreibt man die Stimmung jener Tage als ein „ständiges Vibrieren“: Alles schien möglich, jeder wusste von Gerüchten, niemand konnte verlässlich sagen, welcher Machtblock sich am Ende durchsetzen würde.
Niemand steht derzeit so sehr im Brennpunkt der Hoffenheimer Zukunft wie der Sport-Geschäftsführer. Wolfsburg lockt mit einem offenen Platz auf dem Chefsessel, reichlich Ressourcen und dem Versprechen eines Neuanfangs. Aus Niedersachsen heißt es, Schicker sei „einer der besten Manager der Bundesliga“; die „Wolfsburger Allgemeine“ meldete bereits ein Ja-Wort. Die Uhr tickt. Und im Kraichgau weiß man längst, was auf dem Spiel steht. Allein die Vorstellung eines Weggangs lässt viele Mitarbeiter zusammenzucken, weil sie wissen, wie eng die aktuelle sportliche Struktur an Schicker und Ilzer gekoppelt ist.
Denn das Fundament der aktuellen TSG-Saison trägt stark seine Handschrift. Mehr als 20 Spieler wurden im Sommer abgegeben oder verliehen, der Kader verjüngt und verschlankt, neue Spieler gezielt integriert. Junge, schnelle, hochveranlagte Profis wie Fisnik Asllani, Tim Lemperle, Leon Avdullahu und Albian Hajdari verbinden sich mit den Routiniers Baumann, Kramarić und Prömel zu einer Mannschaft, die wieder eine klare Idee trägt. Ein „Facelifting par excellence“, wie es intern genannt wird – und gleichzeitig ein Projekt, das ohne seinen Architekten an Stabilität verlieren könnte. Selten zuvor war ein Kaderumbau derart radikal und gleichzeitig derart treffsicher, was im Umfeld der Liga für Respekt sorgte – und im Kraichgau für ein ungewohnt ruhiges Selbstbewusstsein.
Verlust an Orientierung
Ilzer spürt den Druck. Die Führungskrise sei „präsent“, sagte er auf Sport1. Der Club habe sich „schütteln müssen“. Für ihn persönlich wäre ein Abgang Schickers ein Schlag, denn „von Vorteil“ sei es gewesen, „dass mit Andreas Schicker ein Vertrauter aus meiner Graz-Zeit in der Führungsebene tätig ist“. Geschlossenheit von oben, erklärte Ilzer, sei die Voraussetzung für sportlichen Erfolg. In Hoffenheim gab es davon zuletzt kaum etwas. Dass der Trainer dies öffentlich ausspricht, zeigt, wie sehr ihn die Lage beschäftigt – und wie ungewöhnlich offen die Verwerfungen in Hoffenheim inzwischen geworden sind.
Zu den Entlassungen kam der überraschende Rücktritt von Präsident Jörg Albrecht, der sich wegen einer unheilbaren ALS-Erkrankung aus dem Amt zurückziehen musste. Ein weiteres Vakuum, ein weiterer Verlust an Orientierung. Der Club wirkt in diesen Tagen wie ein Gefüge, das an zu vielen Stellen zugleich ausgedünnt wurde – und zugleich wie ein Team, das auf dem Rasen so stabil ist wie lange nicht. Es ist diese Gleichzeitigkeit, die den Blick auf Hoffenheim so komplex macht: ein Club, der auf dem Feld nach vorne marschiert und im Hintergrund Strukturen verliert, die jahrelang für Kontinuität standen.
Das ist die paradoxe Gleichzeitigkeit im Kraichgau: Während draußen die Fassade bröckelt, arbeitet die Mannschaft drinnen, fast trotzig, an ihrer Entwicklung weiter. Vielleicht ist es genau dieser Trotz, der Hoffenheim derzeit trägt. Vielleicht auch die Konsequenz eines Trainers, der gelernt hat, den Lärm auszublenden. Die Frage ist nur, wie lange das noch gelingt, wenn über ihnen die Architektur wankt. Denn ein Gerüst, das zu viele Lasten verliert, stürzt irgendwann in sich zusammen – und die TSG bewegt sich gefährlich nah an dieser Schwelle.
Noch ist Schicker da. Noch ist nichts entschieden. Doch sollte er gehen, wird es im Kraichgau kaum jemanden geben, der nicht die Gefahr erkennt: dass ein Club, der sportlich gerade wieder Atem geholt hat, im Inneren erneut die Luft verliert. Und dass die TSG, im Moment sportlich gefestigt wie seit Jahren nicht mehr, ausgerechnet daran scheitert, woran es ihr zuletzt am meisten mangelte – an Ruhe. Für Hoffenheim beginnt damit eine Phase, in der jeder Tag eine Entscheidung ist: zwischen Fortschritt und Zerfall, zwischen Stabilität und dem Risiko, dass ein einziger Abgang reicht, um alles ins Wanken zu bringen.