Seeland ist die am dichtesten bevölkerte und meistbesuchte Insel Dänemarks. Was größtenteils an Kopenhagen liegt. Die Hauptstadt ist bei einem Bike-Urlaub aber nur der Anfang: Es warten Museen, Schlösser und königliche Geschichten auf dem größten Eiland des skandinavischen Landes.
Vor Schloss Fredensborg bricht die pure Begeisterung aus. Sie habe sie ganz sicher an ihrer Kopfform erkannt, hinten, hinter der getönten Scheibe, sagt eine Dänin. „Ja, das war sie!“, platzt es aus einem anderen heraus. Wir, die kleine Gruppe Radreisender, stehen an der Hauptpforte. Und dass wir zuvor von den beiden Bodyguards, die in einem schwarzen Range Rover die Stellung gehalten hatten, mit den Worten, es müsse gleich jemand raus, gebeten wurden, mit unseren Fahrrädern die Einfahrt freizumachen, spricht ebenfalls dafür: Soeben ist Margrethe II. an uns vorbeichauffiert worden, samt Hofdame im Fond des standesgemäßen Bentley-SUV.
Eine Brücke mit Wikipedia-Eintrag
Für Dänen ist es etwas ganz Besonderes, Mitgliedern der königlichen Familie zu begegnen. Die Royals gelten als nahbar, ihr Verhältnis zur Bevölkerung als harmonisch, die Monarchie in ihrer repräsentativen Funktion als integraler Bestandteil der dänischen Identität. „Die Aufregung war groß, als Margrethe an Silvester 2023 bekannt gab, dass sie abdankt“, erzählt Christina Heinze Johannson, die als Touristikerin für die Region Nordseeland mit auf Radtour ist. „Allen standen die Münder offen, die Leute weinten, unser Hund stimmte jaulend ein“, berichtet sie. Und als dann am 14. Januar 2024 Margrethes Sohn Frederik in Kopenhagen zum neuen König proklamiert wurde, seien die Straßen dort so voll wie noch nie gewesen. Auch Frederik und seine Frau Mary wären selbst nicht mehr durchgekommen mit ihrem Lastenrad, mit dem sie ihre Kinder schon zur Schule brachten. Aber die Schulen hatten an diesem festlichen Sonntag ohnehin geschlossen.
Kopenhagen, das ist, zumindest in ihrer Selbstbeschreibung, die Fahrradhauptstadt weltweit. Die Infrastruktur mit rund 400 Kilometern an Radwegen ist vorbildlich. Sahnestück für Pedaltreter ist die berühmte „Fahrradschlange“ Cykelslangen, eine Brücke mit eigenem Wikipedia-Eintrag. Doch auch vor den Toren der Hauptstadt und weiter hinaus ist Seeland ein Radlerparadies – im Alltag und auch für die Touris. Dass etwa das Thema Pendeln durchaus ein größeres und älteres ist als in Deutschland, sieht man außerhalb der Stadtgrenzen. Die Landstraßen Seelands sind vielerorts von getrennten Radwegen flankiert, die in die Jahre gekommen scheinen. Das heißt für Radreisende, dass – zumindest auf dieser Tour – man sich die Strecken mit den Autos teilen muss, zumindest prinzipiell, denn viel ist nicht los.
Ein Zuhause für moderne Kunst
Einer, der täglich vom Norden Kopenhagens aus im Sattel eine längere Strecke zum Arbeitsplatz macht, ist Jan Hybertz Gøricke. „33 Kilometer hin und 33 Kilometer zurück.“ An der Øresund-Küste zwischen der Hauptstadt und dem Louisiana Museum für Moderne Kunst in Humlebæk, wo Gøricke als Pressechef wirkt: „Und es kommen auch mehr und mehr Museumsgäste mit dem Rad.“ So wie wir. Das Museum selbst ist unbedingt einen längeren Stopp wert. Es gilt als eines der weltweit führenden Häuser für moderne und zeitgenössische Kunst und als eine der Top-Sehenswürdigkeiten in Dänemark. Im Jahr kommen rund 700.000 Besucher und erleben ein Museum, das schon zu seiner Eröffnung einzigartig war. Der Gründer Knud W. Jensen schuf erstmals in Dänemark ein Zuhause für moderne Kunst. „Er wollte ein Museum für die Leute, nicht die Elite“, sagt Gøricke. Man kann sich verlieren im Ensemble aus altem Landhaus, neuem Anbau und der mit Skulpturen bespielten parkähnlichen Gartenanlage, die bis zum Meer reicht – wo auch Museumsbesucher baden. „Unsere Gäste haben oft Handtücher dabei“, berichtet Gøricke. Im Louisiana wird der Badetag museal oder der Museumstag maritim, und Radler können sich beim kulturellen Zwischenstopp nach der Pedalarbeit abkühlen.
Weiter strampeln wir entlang von Stoppelfeldern und Wiesen, vorbei an Gehöften mit Reetdach, an einem sumpfigen Waldabschnitt, aber auch immer wieder der Straße entlang – wir sind auf der „Königinnenroute“ (Dronningerunden) unterwegs, die für uns, ohne dass wir es jetzt schon ahnen, zum guten Omen werden wird, siehe die beschriebene Begegnung mit Margrethe II. Theoretisch hätten wir bei Fredensborg auch dem königlichen Paar begegnen können, denn das hübsche Barockschloss ist die meistgenutzte Sommerresidenz der dänischen Royals. Nahezu eine Sichtungsgarantie kann man für die Garde mit ihren Bärenfellmützen aussprechen, die hin- und herstolziert – in relativer Einsamkeit, während die bekannte Wachablösung vor Schloss Amalienborg, Wohnsitz der Königsfamilie in Kopenhagen, täglich um zwölf, regelmäßig Touristenaufläufe produziert.
Rittersaal mit geschnitzter Decke
Wir strampeln dem nächsten Schloss entgegen: Frederiksborg im Ort Hillerød, bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ebenfalls königliche Residenz, und seitdem auf Wirken des Finanziers und Kunstmäzens J. C. Jacobsen, dem Begründer der Brauerei Carlsberg, Sitz des Nationalhistorischen Museums, das anhand von Gemälden, Porträts, Möbeln und Kunsthandwerk 500 Jahre dänische Geschichte erzählt. „10.000 Ausstellungsstücke sind zu sehen, weitere 70.000 haben wir in Archiven, teils an geheimen Orten“, sagt Museumsmitarbeiterin Sara Juel Andersen beim Rundgang. Im Rittersaal bewundern wir die geschnitzte Decke und die königlichen Porträts. Im barock ausstaffierten Audienzsaal aus den 1680er-Jahren wartet eine Kuriosität: ein mit rotem Samt bezogener Stuhl, der etwas im Boden eingelassen ist, daneben eine offene Klappe: „Das ist der vielleicht erste Aufzug der Welt“, sagt Sara. Jedenfalls ließ sich der König Christian V. diesen Stuhl bauen. So konnte er mithilfe eines Seilwerks vom Audienzsaal hinunter zum Münztor abgelassen werden, um dort in die Kutsche umzusteigen.
Durch das Haupttor verlassen wir das große Renaissanceschloss und satteln wieder auf. Nächster Halt: Roskilde, das für jeden Seeland-Besucher mit nur dem kleinsten Interesse an Historie ebenfalls Pflichtprogramm ist, denn Roskilde war über Jahrhunderte der Sitz der Könige. Der Dom, Unesco-Welterbe, gilt als die bedeutendste Kirche in Dänemark, und er ist die Begräbniskirche der königlichen Familie, 40 Könige und Königinnen sollen in den Grabkapellen ruhen. Bei aller Historie erlaubt der Dom auch einen makaberen Blick in die Zukunft: Denn schon längst laufen die Vorbereitungen auf Margrethes II. Tod. Über 15 Jahre arbeitete der Künstler Bjørn Nørgaard am „Zukünftigen Grabdenkmal“ für sie, das im Dom bereitsteht und enthüllt werden soll, wenn es so weit ist und der monumentale Sarg dann in die Krypta verlegt werden soll.
Voller Leben geht es weiter mit Henrik Stricker. Mit ihm unterwegs und umgesattelt auf E-Trekking-Bikes, erleben wir den landschaftlich schönsten Teil dieses Trips, der fast schon in Sport ausartet. Durch den hügeligen Boserup-Wald nordwestlich von Roskilde rasen wir wie die Mountainbiker, die hier eine zehn Kilometer lange Strecke pflegen.
Auf und ab, links und rechts die Buchen, umgestürzte Bäume, feuchte Senken und dann hinauf auf eine Lehmklippe, von der der Ausblick zwischen den Büschen hindurch wunderschön ist: Die Bucht von Kattinge Vig liegt uns zu Füßen, Teil des Fjords von Roskilde. Das Wasser am Kiesstrand weiter unten, wo eine Familie lagert, schimmert verlockend türkis. Henrik zeigt aufs Wasser, wo man einen Landring sieht, ähnlich einem Atoll, der einen See umschließt: Ringøen ist eine geologische Besonderheit, deren Entstehung nicht ganz klar ist. Jedenfalls haben sich Lachmöwen Ringøen angenommen, die hier brüten. Ein Stück urige Natur, ganz im Gegensatz zur Kulturlandschaft aus Feldern und Äckern, durch das wir anschließend auf erdigen Pfaden radeln, um an einem unscheinbaren Hof zu stoppen. Herslev Bryghus, eine Mikrobrauerei, wo Isabel Hansen Naturøl, also Bio-Bier, an den Hähnen zapft: Pilsener, IPA, Brown Ale oder Porter mit Alkoholgehalten zwischen zwei und neun Prozent. Wir bestellen ein Brett zum Probieren, um später nach einem Endspurt im Sattel im „Land der Legenden“ inmitten alter Eiszeitlandschaft einem architektonischen Superlativ gegenüberzustehen, der für einen wichtigen Wendepunkt der dänischen Geschichte steht. „Das ist die Nachbildung der größten Wikingerstruktur, die in Dänemark je gefunden wurde“, sagt Tania Lousdal Boelskift, eine studierte Archäologin, die im Sagenland die Gäste umherführt. Etwa drei Kilometer im alten Ort Lejre vom heutigen Standort der rekonstruierten Königshalle entfernt fand man in den 1960er-Jahren bei Ausgrabungen die Überreste vom Original und damit heraus, dass dort der Sitz der ersten dänischen Könige war, Wikingerkönige der sagenhaften Skjoldunger-Dynastie.
Während das berühmte Wikingerschiffmuseum in Roskilde die maritime Mobilität im Fokus hat, vermittelt das Sagenland einen Eindruck des sozialen Lebens, wie es die Wikinger geführt haben könnten. Es versteht sich auch als Schnittstelle zwischen ethnologischer und archäologischer Forschung und der Öffentlichkeit. Besucher dürfen mitmachen beim Kräuterhacken, Brotbacken, Buttern, Brennholzhacken, Blasebalgziehen und erfahren von akademisch geschulten Mitarbeitern wie Tania Geschichten aus der Wikingerzeit und anderen Epochen. 60 Meter lang und zehn Meter hoch, gezimmert aus 1.000 Tonnen massiver Eiche, ist der Nachbau der Königshalle, die wie ein umgedrehtes Schiff auf einer Anhöhe steht. Im Innern herrscht schummriges Licht, es riecht nach Holz. Im Zentrum unterhalb des Throns, auf dem gerade ein paar Kinder herumturnen, scharen sich um ein Kunstfeuer mittelalterlich gekleidete Gestalten. „Mit dem Wikingerzeitalter begann sich die dänische Gesellschaft zu entwickeln, der erste König wurde gekrönt“, erläutert Tania. Wie groß der Menschenauflauf zu solchen Anlässen damals war, ist nicht überliefert. Fest steht: Es gab auch noch keine schwarzen SUV oder Fahrräder, mit denen man stecken geblieben wäre.