Bei Union Berlin bereitet man sich auf eine Zeit nach Trimmel, Khedira und Co. vor. Top-Talenten soll der Weg in die Profimannschaft vereinfacht werden. Ein 15-Jähriger durfte deswegen schon im A-Team trainieren.
Für Christopher Trimmel und Rani Khedira verlief die Länderspielpause höchst unterschiedlich: Der eine drückte die Schulbank, der andere feierte sein Nationalmannschaftsdebüt. Nach seinem Verbandswechsel wurde der 32-jährige Khedira für Tunesien nominiert, in den Testspielen gegen Haiti und Kanada sollte er erstmals für das Heimatland seines Vaters zum Einsatz kommen. Es sei ein „unerschütterlicher Wunsch des Spielers, für Tunesien spielen zu wollen“, schrieb der tunesische Verband in einer Pressemitteilung. Doch vor allem dürfte die wohl einmalige Chance auf die Weltmeisterschaft – Tunesien hat sich für die Endrunde in diesem Sommer qualifiziert – für den gebürtigen Stuttgarter den Ausschlag gegeben haben. Er hatte zuvor für den Deutschen Fußball-Bund lediglich Junioren-Länderspiele bestritten, war aber nie in die A-Nationalmannschaft berufen worden.
Trimmel wird sich den WM-Traum sehr wahrscheinlich nicht erfüllen können. Seine letzte Berufung ins österreichische Nationalteam durch den deutschen Trainer Ralf Rangnick liegt bereits dreieinhalb Jahre zurück. Der Rechtsverteidiger nutzte die spielfreie Zeit in der Bundesliga für eine Weiterbildung: Er arbeitete in seiner Heimat an seiner Trainerausbildung. „Ja, ich mache meine Trainerlizenz. Ich muss mich weiterentwickeln“, sagte der 39-Jährige. Er verlängerte kürzlich zwar seinen Vertrag bei Union um ein weiteres Jahr, doch auch der scheinbar nimmermüde Trimmel weiß: Auch seine Zeit als Fußballprofi ist begrenzt. Die Trainerausbildung und auch sein Experten-Job bei einem TV-Sender sind mit den Clubbossen abgesprochen. „Ich mache nix, was Union nicht erlaubt und was meine Leistung beeinträchtigt“, versicherte Trimmel.
Trainier im Nachwuchsbereich?
Die Eisernen dürften auch darauf spekulieren, dass der Routinier irgendwann im vereinseigenen Nachwuchsbereich als Trainer einsteigt. Der Club erhöht in diesem Bereich seit Jahren die Investitionen in Steine und Beine, was auch erste Früchte trägt. Mittelfeldspieler Aljoscha Kemlein hat bereits den Sprung von der D-Jugend zum Stammspieler der Profimannschaft geschafft und gilt intern als Paradebeispiel für die vielen Talente, die einen ähnlichen Weg gehen wollen.
Einer von ihnen ist Linus Güther, dessen Trainings-Premiere bei den Profis in der Länderspielpause für Schlagzeilen gesorgt hat. Schließlich ist der Teenager erst 15 Jahre alt. Doch körperlich und mental bringt er schon so viel mit, dass ihn Trainer Steffen Baumgart unbedingt testen wollte. Dass er sich nach der Einheit viel Zeit für ein Vier-Augen-Gespräch nahm, zeugt ebenfalls von großer Wertschätzung. Aber womöglich auch von der Sorge, das große Talent könnte den Abwerbungsversuchen der finanzstarken Konkurrenz nachgeben.
Medienberichten zufolge sollen zahlreiche Topclubs an Güther interessiert sein. Seine starken Leistungen in der deutschen U16-Nationalmannschaft beim Algarve Cup in Portugal mit vier Scorerpunkten blieben den Scouts nicht verborgen. Schon im vergangenen Sommer, als sich der Offensivspieler für einen Wechsel von Energie Cottbus zu Union entschied, waren dem Vernehmen nach unter anderem der FC Bayern, Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt mit im Rennen. Doch aufgrund der Nähe zu seiner Heimat gab der gebürtige
Spremberger am Ende Union sein Ja-Wort. Bei den Eisernen spielt der 15-Jährige hauptsächlich in der U17, für die er in der DFB-Nachwuchsliga auf acht Spiele und fünf Tore kommt. Güther gilt zweifelsohne als eines der großen Talente des Jahrgangs 2010, seine Technik und seine Dribblings beeindrucken die Verantwortlichen. Laut „Bild“-Zeitung wird der Youngster aufgrund seines Talents und seiner Spielanlage intern „mit Jamal Musiala verglichen“. Solche Vergleiche sind in so jungen Jahren zwar nur selten förderlich für die Entwicklung, doch auch Lutz Munack schwärmte als Geschäftsführer des Nachwuchsbereiches über das Toptalent: „Mit seinen außerordentlichen Stärken im offensiven Eins-gegen-Eins und seinem Spielwitz kann er für besondere Momente auf dem Platz sorgen.“
Solche Qualitäten sind auch in der Bundesliga gefragt. Theoretisch könnte Güther ab dem 8. April in der deutschen Eliteliga eingesetzt werden, denn dann feiert er seinen 16. Geburtstag und erfüllt die Alters-Mindestanforderungen. Für das Heimspiel gegen den FC St. Pauli am 5. April kommt der Youngster aber definitiv noch nicht infrage, das Abstiegsduell ist wohl auch nicht der richtige Moment für ein solches Experiment.
Eine Woche später beim designierten Absteiger 1. FC Heidenheim sieht es vielleicht schon etwas anders aus. Klar ist, dass Union seinen Talenten noch stärker den Weg Richtung Profiteam öffnen will. Erst kürzlich unterschrieb das 17 Jahre alte Top-Talent Duje Sliskovic einen neuen Vertrag, zur Vertragsunterschrift erschien auch Sport-Geschäftsführer Horst Heldt. Dem Mittelfeldspieler Sliskovic wird intern zugetraut, sich langfristig im Profibereich durchzusetzen.
Glaube an Talent und Zukunft im Verein
Gleiches gilt für Andrik Markgraf (20), der Linksverteidiger hatte zuvor schon einen Vertrag als Profi unterschrieben. Innenverteidiger Oluwaseun Ogbemudia (19) ist aktuell an Drittligist Waldhof Mannheim ausgeliehen, weil die Union-Bosse bei ihm Spielpraxis in einer tieferen Liga als werthaltiger erachteten als Training mit Bundesligaprofis. Der Plan scheint aufzugehen: Bei Mannheim kam der 1,88 Meter große Abwehrspieler zuletzt regelmäßig von Beginn an zum Einsatz. Unter Union-Trainer Baumgart hätte er wohl kaum Einsatzzeiten bekommen. Dass die Verantwortlichen dennoch an sein Talent und seine Zukunft glauben, zeigt sich darin, dass vor der Leihe nach Mannheim der Vertrag mit dem gebürtigen Bremer vorzeitig verlängert wurde. Heldt sieht in dem Spieler einen Rohdiamanten, den es zu schleifen gilt. Ogbemudia habe „sein Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft“.
Doch nicht immer setzten sich bei Union die besten Talente auch wie erhofft durch. Vor zwei Jahren stattete der Club ein Quartett mit Profiverträgen aus – doch weder Noah Engelbreth (20) noch Tim Schleinitz (20), Jerome Scholz (20) oder Baris Kalayci (20) schafften den Durchbruch. Engelbreth und Schleinitz spielen inzwischen in der Regionalliga bei anderen Vereinen, Scholz gar in der Oberliga. Kalayci wechselte ohne Profieinsatz für Union in die Türkei.
Um die Trefferquote zu erhöhen, sollen auch die Rahmenbedingungen verbessert werden. Im Vorjahr wurde deswergen die Position „Leiter Talententwicklung“ neu geschaffen und durch Maximilian Hoffmann besetzt. Der 33 Jahre alte Ex-Profi soll mit seiner Arbeit die individuelle Förderung verstärken und zugleich für eine bessere Verzahnung zwischen der Nachwuchs- und der Profiabteilung innerhalb des Vereins sorgen.
Potenzial sieht der Club auch in der neuen U21-Liga, die ab der Saison 2026/27 eingeführt werden soll, um den Übergang von der U19 zum Profifußball landesweit zu vereinfachen. Die Teilnahme an der Liga ist freiwillig – aber Union ist interessiert. „Wir haben bis Juni Zeit und werden das intern noch einmal abschließend besprechen“, sagte Heldt. „Für uns ist das interessant und eine ganz gute Sache.“