Online einen Partner zu finden, ist Trend. Doch wie funktioniert das? Und wie erfolgreich ist das überhaupt? FORUM-Mitarbeiterin Sofia Junghans (Name geändert) hat sich über einen der großen Anbieter auf die Suche nach dem Traummann begeben.
Das Leben ist schön. Ich, weiblich, 46, Single, lebe zusammen mit meiner vierjährigen Mitbewohnerin ein beschauliches Leben fernab des gängigen Erwachsenenlebens im selbst geschaffenen Kinderparadies. Die Tage sind voll, laut und nie langweilig – nachts gegen halb neun falle ich erledigt ins Bett – um Kraft zu tanken für den nächsten aufregenden Tag. Einfach schön. Wirklich.
Ob mir etwas fehlt? Naaa, alles gut. Klar, iiirgendwann wäre es schön, einen lieben neuen Partner an meiner Seite zu haben. Aber ich bin Meister darin, das Thema erfolgreich zu prokrastinieren, mit meinem charmanten Lachen abzutun und elegant das Thema zu wechseln. Das hat Zeit. Ich meine, hey, die Kleine schläft immer noch bei mir im Elternbett – okay, sie ist vor Kurzem von alleine ausgezogen. Frechheit eigentlich. Und überhaupt: Wie soll das denn gehen, jemanden kennenlernen, daten? Ich ignoriere das kleine Teufelchen in Form meines Chefs auf meiner Schulter, das mich seit zwei Jahren piesackt, ES endlich zu tun. Mit einem Wisch fege ich es weg. Jetzt hält es erst mal die Klappe, bis …
Im Umkreis von 20 Kilometern gerade mal 15 Treffer
… tja, bis ich von meiner Kollegin ganz deutlich gefragt werde, ob ich im Selbstversuch eine Online-Dating-Plattform teste – für ihr Titelthema über Liebe. Verdammt. Meine erste Reaktion ist: Das wollte ich noch 20 Jahre prokrastinieren. Und lenke dann nach tagelangem Hadern ein. Seufz. Für die nächsten Wochen werde ich einen Zugang bei einer Online-Partnervermittlung haben, deren Angebot sich an Singles mit höherer Bildung richtet. Im ersten Schritt muss ich mein eigenes und das gesuchte Geschlecht angeben – also Frau sucht Mann –, vergebe E-Mail-Adresse und Passwort. Jetzt geht es an das Profil. Als Erstes werde ich aufgefordert, einen umfassenden Fragebogen zu beantworten, der meine Vorlieben, Hobbys und Persönlichkeitseigenschaften erfasst, damit das Programm für mich passende Partner finden kann. Je ehrlicher die Fragen beantwortet werden würden, desto besser sei die Matching-Qualität. Ich kämpfe mich durch Dutzende Fragen, deren Beantwortung mir teils extrem schwerfällt – beispielsweise, was mir in einer Partnerschaft besonders wichtig ist, da ich am liebsten 80 Prozent der vorgegebenen Antworten mit „Ja“ beantworten würde. Abgefragt werden neben Persönlichkeitsmerkmalen, sozialer Kompetenz, Werten, Motiven, Interessen auch Einstellungen zu Partnerschaft, Nähe und Freiraum – zusätzlich beantworte ich einige Fragen frei, die später im Profil direkt auftauchen – so wie natürlich meine Selbstvorstellung.
Fast genauso schwer fällt mir im Anschluss die Fotoauswahl. Ich bin passionierte Fotografin der Knirpse, die eigene Kamerageilheit habe ich allerdings noch nicht für mich entdeckt – was man an der mauen Auswahl erkennt. Eine unserer Grafikerinnen hilft mir aus der misslichen Lage und schießt das Profilbild neu. Und dann kann die Suche auch endlich losgehen. Ich bin gespannt – während mich Zweifel umtreiben: Wer will das? Wer will mich? Wer will uns? Viele in meinem Alter haben schon erwachsene oder zumindest ältere Kinder. Wer würde sich freiwillig so ein Klötzchen wie uns ans Bein binden? Aber auch wahr: Es muss ja nur einen einzigen süßen, liebevollen und offenen Mann geben, der Lust darauf hat, das Leben mit uns zu verbringen, idealerweise mit einem eigenen kleinen Kind. Ich stelle mir einen Mann in meinen Träumen vor, der seine Frau durch einen tragischen Schicksalsschlag verloren hat (wer will sich schon mit der leidigen Ex rumschlagen) – und in mir die neue Liebe seines Lebens findet – doppel-seufz. Ob ich ihn hier finde?
Also gut, gehen wir mal auf die Suche nach meinem Traummann. Hasenfüßig scrolle ich durch die Suchergebnisse, besuche einige Profile und markiere den einen oder anderen als Favoriten. Die Auswahl ist begrenzt, im Umkreis von 20 Kilometern gibt es gerade mal 15 Treffer, dabei habe ich ansonsten nur das Alter eingegrenzt und auf 40 bis 55 gesetzt. Im Radius von 50 Kilometern werden mir weniger als 50 angezeigt. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Noch dazu scheint es so abzulaufen, dass der eine das Profil des anderen besucht, der andere den Gegenbesuch startet – aber nichts passiert. Als Zeichen der Zuneigung werden hier virtuelle Komplimente vergeben: Gibst du eines zurück, ergibt sich ein Match. Woher ich das weiß? Das kam so:
Mini-me und ich befinden uns gerade auf der zweistündigen Reise zur Oma, als – „pling“ – eine Nachricht am Handy aufploppt, als ich gerade am Parkplatz halte, um, mir eine ruhige Autofahrt erkaufend, die Kinderserien zu switchen. „Christopher schickt Dir ein Kompliment“, steht da. Von Natur aus neugierig klicke ich mich durch, drücke auf „Kompliment“, um es mir genauer anzusehen– und löse das erste Match aus. Verdattert starre ich auf den Bildschirm. Okay, damit muss ich mich später befassen. Am Ziel angekommen, untersuche ich wieder das Handy, ein zweites Kompliment habe ich erhalten: Christian. Dieses Mal bin ich vorsichtiger, wäre ja gelacht, ich will mir nur ansehen, wer Christian ist, und scrolle durch sein Profil. Am Wort „Kino“ setze ich zum Runterwischen mit dem Finger neu an und – verdammt – löse das nächste Match aus. „Kino“ steht jetzt dort unter Christians „Kompliment“. Dümmer geht’s kaum. Doppel-Seufz, also auf zum ersten Sammeln von Erfahrungen. Christopher will ich absagen, da er nicht meinen Geschmack trifft– und nehme mir vor, beim Absagen gut zu performen – verzögere aber auch hier, sodass Christopher mir mit einer guten Absage zuvorkommt. Okay, vorbildlich gelöst. Dafür fange ich an, mit Christian zu schreiben. Es bleibt frustrierend oberflächlich und dass er mit mir Spaß haben will, habe ich bereits nach einem Tag verstanden – der Kontakt verläuft sich und es ist nicht schade drum.
Viel mehr passiert hier nicht, ich bin irgendwann so weit, dass ich selbst Komplimente verteile – ohne Feedback – und bei mir trudeln sehr vereinzelt teils dubiose Anfragen ein. Wer will schon angeschrieben werden mit: „Interessant. Warum bist du geschieden, hast doch alles für eine glückliche Familie?“. Ich bin genervt und matche „Thomas“, damit ich ihn belehren kann. Eins muss ich sagen: Ich steh so richtig drauf, wenn Männer Grußformeln am Anfang und Ende der ersten Nachricht schreiben. Frustriert konzentriere ich mich auf das normale Leben, die Hürden zur Kontaktaufnahme empfinde ich bei dem Anbieter so hoch, dass ich mich frage, ob die Männer hier wirklich daten wollen oder ihr Abo einfach noch weiterläuft.
Kommunikation mit Küsschen und Liebesbekundungen
Dann sind wir wieder daheim und ich entscheide, dass es jetzt Zeit ist, dass sich etwas ändert. Und ich melde mich bei Tinder an. Ja, die App hat den Ruf, nur gut für die schnelle Nummer zu sein, aber viele haben hierüber auch schon ihre Partner gefunden. Ich habe keine Ahnung von der Plattform, und mache mich ans Rechts- und Linkswischen und -wutschen. Im Vergleich zur verkappten Kommunikation bei der recht bekannten Onlineplattform wirst du hier als Nutzer genötigt, dich für oder gegen das vorgeschlagene und auch noch absolut nichtssagende Profil der nicht enden wollenden Reihe an Kandidaten zu entscheiden. Immerhin, die Hemmschwelle Kontaktaufnahme sinkt umgehend. Mühsam wäre die treffende Beschreibung, sich durch die Bilder zu fressen, und die angeblichen Likes, die ich bereits erhalten habe, bekomme ich nur in der Zahlversion zu sehen. Für den Anfang will ich aber – wie die meisten anderen Nutzer, denke ich – den klassischen und eben mühsamen Weg gehen.
Immerhin, diesmal löse ich ganz freiwillig einige Matches aus, die Kommunikation ist in der Regel nett, nichtssagend, mal lustig, verläuft sich dann wieder. Der erste, mit dem ich länger schreibe, ist ein etwas jüngerer Single-Vater aus Landau. Absolut niedlich, nur – uff – er bringt mich innerlich zum Verzweifeln. Stichwort Kommunikation, das habe ich mir schon eher vorgestellt mit Fragen und Interesse und so – weniger mit verteilten Küssen und Liebesbekundungen, was mich innerlich leicht brodeln lässt, allerdings nicht vor Leidenschaft. Doch auch hier verläuft sich unser Kontakt. Danach ändere ich leicht meine Strategie und begrenze die Suche auf einen Umkreis von wenigen Kilometern um meinen Wohnort und bin positiv überrascht, auf einen 49-Jährigen aus Saarbrücken zu treffen, der – Trommelwirbel – sogar reden kann, romantisierend-anzüglich, aber ganz süß. Gut, an manchen Stellen läuft es seinerseits etwas verhalten, und in mir wächst das Bild einer verschlossenen Muschel, mit der ich versuche, jenseits des Kochtopfs in Kontakt zu treten. Meinen Vorschlag, zu Whatsapp zu wechseln, ignoriert er – und just in dem Moment, als ich auf seine Dating-Anfrage mit konkreten Terminvorschlägen antworte, ist sein Profil gelöscht. Okay, ehrlich gesagt verstehe ich die Welt nicht mehr. Nach kurzer Verwirrung beschließe ich, alle Gedanken zu verdrängen und gleich weiterzusuchen. Maximal zwei Gesprächspartner auf einmal, nehme ich mir vor. Alles andere ist für mich zu stressig. Et voilà, ich matche einen Franzosen, der bei mir um die Ecke wohnt, mit dem es gottlob sehr langsam beginnt. Denn fast zeitgleich passieren mehrere Dinge – der Verschollene meldet sich zurück, was mich etwas aus dem Takt bringt. Und: Ich matche einen weiteren Mann aus der Nähe, mit dem sich das Schreiben ausgesprochen gut anfühlt. Am Ende verabrede mich mit allen dreien …
… und einige Wochen später kann ich rückblickend sagen: Es gleicht einem Wunder und ist vielen Zufällen zu verdanken, dass ich auf meinen jetzigen Partner getroffen bin. Ich war es, der ihn nach dem Treffer zuerst angeschrieben hat und er war es, der mich mit seiner charmanten, witzig-romantischen Art in seinen Bann gezogen hat, der nicht nur sprechen und flirten kann, sondern mich auch wirklich wahrnimmt, wie ich bin, mit dem ich Werte und Ziele teile, mit dem es sich sehr bald, sehr viel ziemlich vertraut anfühlt. Ob ich je daran geglaubt habe, meine neue Liebe über eine Datingplattform zu finden? Gehofft schon, fest daran geglaubt eher nicht. Neuer Status: geküsst – und verdammt glücklich.