Der Volvo EX90 bietet Komfort und Sicherheit. Doch selbst ein teurer Premium-SUV ist nicht perfekt, wie unser Test des E-Autos zeigt.
aber das Heckdesign wird eher keine Preise gewinnen - Foto: Steve Przybilla
Was für ein Brummer! Fünf Meter lang, zwei Meter breit, fast drei Tonnen schwer. „Alter Schwede“, möchte man angesichts dieser Ausmaße rufen, dabei ist es doch gar kein richtiger Schwede. Seit 2010 gehört Volvo zum chinesischen Geely-Konzern, genau wie Polestar, Zeekr oder Smart – um nur die bekanntesten Marken zu nennen. Die fernöstlichen Eigentümer sieht man dem EX90 allerdings nicht an. Der Elektro-SUV wirkt wie ein Volvo durch und durch: groß, kastig, schnörkellos. Zwar gibt es ein paar Spielereien. Diese sind jedoch so dezent, dass sie nicht groß auffallen.
Da wäre zum Beispiel das Panorama-Glasdach, das den Blick in den Himmel, auf Sternschnuppen und Nordlichter freigibt. Oder das Tagfahrlicht, das sich vor den Hauptscheinwerfern befindet. Zur Begrüßung fährt es wie ein Rolltor auseinander. Der EX90 ist ein Auto, das man sich gut auf einer schneebedeckten Piste oder auf einem endlosen amerikanischen Highway vorstellen kann. Auf deutschen Straßen eher weniger: Der Fünf-Meter-Block will erst mal eine Parklücke finden.
Opulent sind nicht nur die Ausmaße, sondern auch die Preise: Selbst in der einfachsten Variante verlangt Volvo rund 86.000 Euro. Mein Testfahrzeug kommt sogar auf 126.680 Euro. Damit positioniert sich Volvo im Luxussegment, vergleichbar mit Mercedes und BMW. Aber ist der Elektro-SUV wirklich so gut, dass er solche Summen rechtfertigt? Immerhin kosten Konkurrenten wie der Kia EV9 deutlich weniger.
Kolossal erscheint auch die im Unterboden verbaute Lithium-Ionen-Batterie: 107 Kilowattstunden passen hinein, das entspricht einer Menge von mehr als 7.000 Smartphone-Akkus. Weil so viel Energie irgendwohin muss, sind in der „Twin Motor“-Variante gleich zwei Elektromotoren verbaut. Eine matschige Landstraße oder eine Etappe durch die Wüste sollten für diesen Allradantrieb also kein Problem darstellen. Doch wir bleiben realistisch: Für den Test rollt der Elektro-SUV durch den Großstadtdschungel und über die Autobahn, so wie bei vermutlich 99 Prozent der Nutzer.
Reichlich Platz für die Großfamilie
Eines muss man dem EX90 lassen: Er macht nicht nur auf dicke Hose. Während viele SUVs vor allem von außen mächtig wirken, bietet der Schwede tatsächlich Platz für eine Großfamilie. Es gibt gleich drei Sitzreihen, die wahlweise mit sechs oder sieben Sitzen bestuhlbar sind. Etwas Ähnliches ist nur bei wenigen anderen Elektro-SUVs zu finden, zum Beispiel beim Mercedes EQS, beim Tesla Model Y oder beim besagten Kia EV9.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Großfamilie nicht aus sieben wohlbeleibten Erwachsenen bestehen sollte. Das liegt gar nicht so sehr am Platz – Beinfreiheit ist selbst in der dritten Reihe vorhanden –, sondern an der Kletterei. Da die hinteren Türen nur den Zugang zur Mittelreihe ermöglichen, muss man diese erst mal überwinden, also umklappen. Die Kinder können schnell über die Sitze klettern, auch ein Hund schafft den Einstieg mit einem Satz. Aber Erwachsene werden erst mal eine Weile brauchen, bis sie auf ihren Plätzen sitzen. Und wenn die Oma doch zu Hause bleibt? Dann genügt ein Druck auf einen Knopf im Kofferraum, wodurch die dritte Sitzreihe automatisch nach vorne klappt. So entsteht ohne Aufwand ein großer Laderaum – sehr praktisch!
Effizient geht es auch im übrigen Innenraum zu. Alles sehr aufgeräumt, alles intuitiv bedienbar. Plastik sieht man kaum, stattdessen viel Stoff und weiche Oberflächen. Die Sitze sind bequem und bieten auch in Kurven guten Halt. Hinzu kommt eine Armlehne, die in eine Smartphone-Ablage mit induktiver Ladefunktion übergeht. Auch hier keine Protzerei: Dass 25 Lautsprecher verbaut sind, fällt ebenso wenig auf – es sei denn natürlich, man schaltet die Musik an. Dann beginnt das große Konzert!
Gesamte Bedienung über Touchscreen
Auf Knöpfe wird verzichtet. Die gesamte Bedienung läuft über einen 14,5 Zoll großen Touchscreen in der Mitte sowie über die Touchfelder auf dem Lenkrad, die leider genauso glatt und glitschig ausfallen wie bei vielen Mercedes- oder VW-Modellen. Und dann ist da noch der Sprachbefehl: „Hey, Google!“ genügt, damit der EX90 Fragen zum Wetter oder zu schlechten Witzen beantwortet. Theoretisch jedenfalls, denn hier kommt der erste Kritikpunkt: Oft funktioniert das einfach nicht. „Entschuldige, das habe ich nicht verstanden“, antwortet das Auto, obwohl der gesprochene Text unten auf dem Bildschirm angezeigt wird. So muss man das Ziel doch wieder manuell eintippen. Ähnlich verständnislos reagiert der EX90, wenn man ihn per Sprachbefehl steuern möchte. Zum Beispiel die automatische Insassenerkennung. Ein solches System ist äußerst nützlich, damit im Hochsommer keine Personen oder Hunde auf dem Rücksitz zurückbleiben. Doch selbst im Winter scheidet eine Pipi-Pause ohne Vierbeiner aus, weil das Warngeräusch sofort losgeht, wenn der Hund alleine im Auto bleibt. Mal eben deaktivieren? Funktioniert erst nach langer Suche in den Untermenüs.
Sobald die Fahrt losgeht, wird der EX90 seinem Luxusanspruch dann wieder gerecht. Bodenwellen, Schlaglöcher und sonstige Unebenheiten pariert er mit sanftem Schaukeln. Tür zu, und die Welt da draußen verstummt. Volvo ist traditionell eine Marke, die viel Wert auf Sicherheit legt. Entsprechend üppig ist die Ausstattung an Assistenz- und Sicherheitssystemen. Es gibt Einpark- und Autobahnhilfen, Notbremsassistenten, Querverkehrswarner, eine 360-Grad-Kamera und sogenannte „Dooring-Alarme“. Sie warnen davor, Türen zu öffnen, wenn ein Fahrrad vorbeifährt. Die LED-Pixel-Scheinwerfer schalten im Dunkeln automatisch auf Fernlicht um, ohne den Gegenverkehr zu blenden. Das Fahrzeug hat so viele Kameras, Sensoren und sogar ein Lidar (Laserradar), dass der tote Winkel beinahe seinen Schrecken verliert. Das alles passiert im Verborgenen, ein echter Vorteil gegenüber vielen anderen asiatischen Modellen, die ständig piepsen und vor vermeintlichen Fahrfehlern warnen. In diesem Punkt ist der EX90 klar überlegen. Perfekt ist der Volvo allerdings auch nicht. So hält der Tempomat während der Autobahnfahrt zwar automatisch Abstand zu anderen Autos. Die Anpassung an Tempolimits klappt allerdings nicht immer. Und auch das auf Google Maps basierende Navi kommt manchmal ins Straucheln. An sich arbeitet es sehr zuverlässig, schlägt Ladestopps vor und zeigt sogar den prognostizierten Akkustand am Ziel an. Allerdings verliert es des Öfteren die Internetverbindung. Die Navigation funktioniert dann noch, aber auf aktuelle Stauinfos oder Sprachbefehle muss man verzichten. Ein ähnliches Problem hatte sich im Polestar 3 gezeigt, der das gleiche System nutzt.
Ladezeiten sind nicht zeitgemäß
Wo wir schon bei der Kritik sind: Sparsam ist der EX90 nicht gerade. Das bedeutet, dass er die versprochene Reichweite von mehr als 600 Kilometern nicht mal ansatzweise schafft. Trotz der großen Batterie sind es in der Realität eher 400 Kilometer – nicht schlecht, aber auch nicht wirklich Premium. An der Ladesäule der nächste Dämpfer: Im Gegensatz zu anderen E-Autos des Geely-Konzerns verfügt der Volvo EX90 noch nicht über ein superschnelles 800-Volt-System. Schlimmer noch: Die versprochene halbe Stunde Ladezeit von zehn auf 80 Prozent erreicht er nicht mal ansatzweise. Stattdessen dauert es 50 Minuten. Selbst nach einer Toilettenpause, einem Snack, einer Hunderunde und einem Nickerchen rattert die Ladesäule noch immer. Gäääähn!
Fazit: Bei Komfort und Sicherheit macht niemand Volvo etwas vor. Aber rechtfertigt das den Preis? Was Navi und Software angeht, ist die Konkurrenz gleichauf, bei der Ladeleistung teils deutlich besser. Ob man Zehntausende Euro mehr für eine gute Marke und einen hübschen Look bezahlt, sollte wohlüberlegt sein.
Transparenz-Hinweis: Der Hersteller hat das Fahrzeug für den Autotest zwei Wochen zur Verfügung gestellt. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt des Berichts.