Nach der Premiere auf dem Madring mit Sieger Kimi Antonelli verließ der F1-Zirkus Europa. Baku/Aserbaidschan ist der Auftakt der restlichen neun Überseerennen. Aber schon jetzt funkeln die Sterne, nach denen der Mercedes-Überflieger vorzeitig greifen kann.
Und schon wieder ein neuer F1-Stadtkurs! Von der ältesten Rennstrecke, der Motorsport-Kathedrale in Monza, pilgerte die F1-Gemeinde direkt nach dem Italien-GP (Sieger: Kimi Antonelli, später mehr) zu ihrer brandneuen Strecke, dem Circuito de Madring nahe der spanischen Hauptstadt. Aber schon vor dem Baku-Rennen in Aserbaidschans Metropole am Sonntag (15 Uhr/Sky) stellt sich die Frage: Wer kann außer Mercedes-Pilot Andrea Kimi Antonelli noch Champion 2026 werden? Nach acht Siegen in 14 Rennen und 81 Punkten Vorsprung auf den WM-Zweiten, seinen Mercedes-Stallrivalen George Russell (292:211), scheint die Frage doch (fast) beantwortet zu sein.
Bei den Rivalen und der Konkurrenz hat die italienische „Sturm-und-Drang-Mentalität“ jedenfalls für Ernüchterung gesorgt. Der brandneue Madring, wo die insgesamt 78. GP-Strecke der Formel-1-Geschichte zu ihrem Debüt kam, hat es gut gemeint mit dem Sternfahrer. Kimi Antonelli ist der erste Sieger auf dem Madring! „Es war nicht leicht zu gewinnen. Es ist gut zu gewinnen, aber es fühlt sich nicht so gut an, weil Lando den Sieg verdient hat“, gestand der Mercedes-Pilot frank und frei nach seiner Triumphfahrt. Diese Redlichkeit bedarf einer Aufklärung: Weltmeister Lando Norris war im McLaren von der Pole (erster Startplatz) gestartet, lag klar auf Siegkurs, hatte alle und alles im Griff, ist als Führender aber unglücklich in der ersten Boxenstopp-Phase zurückgefallen. Eine sehr günstige Virtual-Safety-Car-Phase spielte Antonelli in die Hände, und der Italiener nutzte diese eiskalt aus. Durch diesen günstigen Rennverlauf kreuzte Antonelli die Ziellinie vor Max Verstappen im Red Bull und McLaren-Star Lando Norris. Teamkollege Russell wurde nur Fünfter hinter Ferrari-Pilot Charles Leclerc. Sympathieträger Antonelli hat nicht nur das nötige Talent und Material, um sich zum Weltmeister zu küren. Er hat auch Fortuna auf seiner Seite. Offen und ehrlich gesteht der kürzlich vom Teenager (bis 19 Jahre) zum Twen (ab 20 Jahre) „gealterte“ Mercedes-Jungstar: „Den Sieg haben wir uns wahrscheinlich nicht verdient, aber wir nehmen ihn natürlich gerne mit. Auch mit unserer Pace können wir zufrieden sein. Das ist ermutigend für den weiteren Saisonverlauf.“ Sein Teamchef Toto Wolff: „Wir hatten bislang gar kein Glück in dieser Saison, jetzt haben wir profitiert. Aufgrund von Kimis Speed ist der Sieg schon okay.“ Bedeutet frei nach der Weisheit: „Glück ist auch Können.“
Mit seinem achten Saisontriumph hat Antonelli seinen Vorsprung in der WM-Wertung weiter ausgebaut. Trotz dieser Führung will der Bologneser (Einwohner Bolognas) nicht an den Titel denken. Teamkollege Russell, als Titelanwärter in die Saison gestartet, acht Jahre älter (28) und 128 Grands Prix erfahrener (insgesamt 166 GPs) als Hamilton-Nachfolger Antonelli (20) mit nur 38 GP-Einsätzen, resigniert und gibt die Hoffnung auf den WM-Titel vorzeitig auf. Nach seinem fünften Platz im Spanien-GP spricht Russell WM-Klartext: „Realistisch gesehen bin ich als WM-Zweiter bei 81 Punkten Rückstand auf Kimi nicht mehr im Kampf um die Fahrer-WM. Das erlaubt mir, mich auf jedes Rennen für sich zu konzentrieren.“ Zur Einordnung: 75 Punkte wären drei Russell-Siege bei gleichzeitigem Nuller von Antonelli. Nicht mal das würde also reichen. Entsprechend klar sind Russells Worte nach dem Spanien-GP.
„Großartige Position“
Wie aber blickt Russell nach dem enttäuschenden Madrid-Wochenende auf die nächsten Rennen? Der Mercedes-Pilot: „Einfach weitermachen. Es waren ein paar positivere Rennen, auch wenn das Spanien-Ergebnis weit entfernt von großartig war. Aber so ist diese Saison ein wenig. Ich muss mich einfach auf die Performance konzentrieren und versuchen, dem Team zu helfen. Wir sind offensichtlich in einer großartigen Position, die Konstrukteurs-WM zu gewinnen.“ Aktuell strahlen beide WM-Wertungen (Fahrer und Marke) silbern. Offiziell sind noch neun Rennen zu fahren, realistisch gesehen acht wegen der Lage im Nahen Osten. 233 Punkte sind im Maximum noch zu holen (bei neun GPs und einem Sprint), 208 beim Acht-GP-Szenario.
Diese Rechenspiele lassen den schwarzhaarigen Lockenschopf mit den kullernden Augen vorerst kalt. Antonellis Motto ist das seines Teamkollegen: „Einfach weitermachen.“ Der neue „Matador von Madrid“, der den Madring gebändigt hat: „Ich will jedes Rennen für sich nehmen und immer alles liefern und Spaß haben. Ich werde jedes Rennen weiterhin alles geben. Dann schauen wir mal, wo wir am Ende der Saison landen.“ Für den „Corriere della Sera“, die auflagenstärkste und meistgelesene italienische Tageszeitung, steht fest: „Antonelli hat auch Spanien erobert, was zuvor keinem Italiener gelungen war. Er wird immer mehr zum Herrscher dieser Weltmeisterschaft.“ Fakt ist: Der Mercedes-Superstar ist auf WM-Kurs und greift nach den Sternen – dem WM-Titel. Es liegt auf der Hand, dass Kimi Antonelli der jüngste F1-Weltmeister werden kann.
Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es aber unbedingt noch eines Rückblicks mit einem Schnelldurchlauf auf ein Rennen zuvor, auf Antonellis beispielloses, phänomenales Heimspiel. In der Motorsport-Kathedrale Monza, in diesem Highspeed-Tempel, hat Mercedes-Heilsbringer Antonelli eine „F1-Messe“ mit Glanz und Gloria zelebriert – und seine F1-Gemeinde entzückt. In seiner „Predigt“ erklärte der kleine „Priester“, wie er von Platz 19 (wegen einer Motorenstrafe von hinten losgefahren) durch das ganze Feld pflügte und sich bis nach vorne an die Spitze gekämpft hat – die er bis zur Zielflagge nicht mehr hergab. Teamkollege George Russell wurde Zweiter vor „Bulle“ Max Verstappen. Als erster Italiener seit Ludovico Scarfiotti im Jahr 1966 gewann Antonelli sein Heimrennen. Gleichzeitig war sein Triumph der 50. Sieg eines Italieners in der Formel 1. „Oberpriester“ Toto Wolff, Mercedes-Chef der Sterne, hat sich nach der Glanzleistung seines Schützlings der Michael-Schumacher-Metapher (Spanien 1996) bedient und sie umgewandelt: „Kimi ist übers Wasser gegangen.“ Er, der gefräßige Wolf(f), habe diese Dominanz schon kommen sehen. „Ich beobachte schon seit einiger Zeit, wie Fahrer ihre Energie einsetzen. Ihre Einstellung und ihr Verhaltensmuster, und mir war klar, dass es in Monza seine Mission war, das Rennen zu gewinnen.“ Und diese Mission setzte der „Mercedes-Twen“ eine Woche später mit seinem Siegeszug auf dem neuen Circuito de Madring fort.
Madrid ist nach drei Jahren der erste brandneue Kurs im Kalender der Königsklasse, nachdem zuletzt 2023 das erste Rennen in Las Vegas stattgefunden hatte. Highlight, Prunkstück und herausragendes Wahrzeichen des Madring ist die spektakuläre Hochgeschwindigkeits-Steilkurve mit dem bescheidenen Namen „La Monumental“. Die 550 Meter lange, schnelle, überhöhte Steilkurve mit 13,5 Grad Neigung und maximal erlaubter Neigung von 24 Prozent wird mit Vollgas durchfahren. Die Fahrer mussten sich auf eine der größten Herausforderungen der Formel 1 der vergangenen Zeit einstellen. „Man kommt komplett blind heraus. Man sieht nur den Himmel“, schilderte der Madrilene Carlos Sainz als Insider. Den Architekten inspiriert haben bei seinem ersten Streckenentwurf 2022 die Kurse von Suzuka/Japan und Zandvoort/Niederlande. Der 5,416 Kilometer lange, 22 Kurven umfassende Kurs (zwölf rechts, zehn links) ist um die eher schmucklosen, tristen Messehallen eingebettet und liegt 16 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Zehn Jahre lang, bis einschließlich 2035, wird die F1 laut Vertrag auf dem Madring gastieren. Aber bereits im nächsten Jahr wird der (brand)neue Madring nicht mehr der alte sein. Der Jungfern-Grand-Prix hat die Fahrer nach ihrem Ausritt nicht gerade entzückt. Die PS-Helden drängen auf ein anderes Pistendesign. Allen voran Chefnörgler Max Verstappen: „Ja, ich weiß nicht. Ich bin kein Fan von Stadtkursen, das wird sich bei mir auch nie ändern. Ich werde es immer bevorzugen, auf einer Strecke wie Spa zu fahren.“ Der neue Madring sei zwar technisch anspruchsvoll und mache auch Spaß beim Fahren, aber guten Rennsport erlaube er nicht, heiße es aus Fahrerkreisen.
Wolff mag neue Strecken
Der „bissige Wolf(f)“ sieht das etwas anders, der Sterne-Sportchef hält dagegen: „Neue Rennstrecken beherbergen gleichermaßen Chancen und Unbekanntes. Dass eine ikonische Hauptstadt wie Madrid in den Rennkalender aufgenommen wurde, zeigt die Stärke unseres Sports und den Schwung, den wir weltweit weiter ausbauen wollen.“
Audi-Pilot Nico Hülkenberg, der auf dem Madring als Zehnter noch ein Pünktchen ergatterte, bekannte: „Die Strecke ist mit diesen hohen Geschwindigkeiten schon riskant und heikel, deshalb bin ich etwas überrascht, dass in der Formel 1 so wenig los war.“
Beim GP Aserbaidschan am Sonntag wartet eine ganz andere Aufgabe – und es wird mehr los sein. Der Baku City Circuit in den engen, winkeligen Gassen mit einer über zwei Kilometer langen Geraden ist der Gegenentwurf zum kurvenreichen Madring. Letzter Baku-Sieger 2025: ausgerechnet Stadtkurs-„Hasser“ Max Verstappen.