Mit italienischem Design und witzigen Details fällt der Fiat Grande Panda ins Auge. Der E-Kleinwagen hat eigentlich viel Potenzial, leistet sich während unserer Testfahrt allerdings einen Totalausfall beim Versuch, den Wagen zu laden.
An wen denken Sie, wenn es um Pioniere der Elektromobilität geht? Mir kommt sofort Tesla in den Sinn. Schon 2008 brachte der US-Autobauer den Roadster auf den Markt, einen zweisitzigen Sportwagen mit bis zu 400 km/h Spitzengeschwindigkeit. Dann wären da noch Nissan und Renault, die schon Anfang der 2010er-Jahre alltagstaugliche Kompakt-Stromer bauten. Mit gutem Willen könnte man noch BMW hinzuzählen, wenngleich die Bayern nach ihrem legendären „i3“ lange der Mut verließ. Nur an einen Hersteller würde wohl garantiert niemand denken: Fiat!
Doch weit gefehlt. Schon 1990 – da hatte Tesla-Gründer Elon Musk gerade mit dem Studium begonnen – produzierten die Italiener den „Panda Elettra“. Seine Blei-Batterien reichten etwa 100 Kilometer, die Höchstgeschwindigkeit betrug 70 km/h, und zum Laden kam er an die normale Haushaltssteckdose. „Der für die Batterien benötigte Bauraum ließ Platz für zwei Sitze“, schreibt der Autokonzern Stellantis, zu dem Fiat gehört, auf seiner Website. Es klingt fast ein bisschen stolz. Aber auch nur fast, denn der erhoffte Erfolg blieb bei dem kleinen Stromer aus. Der hohe Preis und die mangelnde Familientauglichkeit schreckten die Kundschaft ab –
der „Elettra“ blieb ein Aushängeschild für Behörden und Kommunen.
Würfeldesign, wohin man schaut
Doch jetzt ist Fiat zurück. Das aktuelle Modell heißt „Grande Panda“, wobei sich im Namen schon der erste Anflug von Ironie versteckt. „Grande“ ist der vier Meter lange Kleinwagen nun wirklich nicht. Dafür strotzt er vor Anspielungen auf sich und seine italienische Heimat. So ist der Schriftzug „PANDA“ riesengroß in die Türen eingestanzt. Eine Antenne rundet den Retro-Look ab, genau wie schwarze Plastikradkästen und ein waschechtes Zündschloss. In der günstigsten Variante wird der Panda mit Stahl-Lochfelgen ausgeliefert – mehr 80er-Jahre geht nicht.
Ansonsten: Ecken, Ecken, Ecken. Die Rücklichter stehen hervor, als hätte man einen Lego-Würfel aufgeklebt. Die LED-Frontscheinwerfer erinnern an das Pixeldesign eines Hyundai Ioniq 5. So schafft der Grande Panda das Kunststück, gleichzeitig hübsch und hässlich zu sein, je nach Sichtweise und Wetter. Wenn die Sonne scheint, ändern sich sogar die Muster an der C-Säule. Mal zeigen sie die typischen Fiat-Streifen, mal den Fiat-Schriftzug, wie bei einem Wackelbild.
Innen setzen sich die Spielereien fort. Blau-graue Türverkleidung, Handschuhfach aus Bambus, gelb umrandete Mittelkonsole. Und was steht da neben dem Navi hervor? Ein Griff? Eine Plexiglasscheibe? Alles nur Deko, und auch noch putzig: In der Scheibe zeigt sich die Silhouette eines alten Pandas. Doch damit ist die Attacke auf die Sehnerven noch nicht beendet. Die Lüftungsdüsen stehen wie Bauklötze hervor, rund um den Gangwahlhebel schimmert staubanfälliger Klavierlack. Auf den Sitzen steht ein Spruch, der englischsprachige Menschen erschaudern lässt: „Panda made with love in Fiat.“
Auf Wunsch mit Spiralkabel vorn
Ich mag diesen Kitsch. Und die dahinterstehende Einstellung. Denn der Grande Panda will nicht gefallen – er will auffallen! Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass er gar nicht so einzigartig ist, wie er tut. Technisch gleicht er dem Citroën ë-C3, einem Kompaktwagen, der ebenfalls vom Stellantis-Konzern gebaut wird. Das betrifft die 44 kWh große Batterie ebenso wie das Starten per Zündschlüssel.
Doch Fiat wäre nicht Fiat, wenn es keine technischen Spielereien gäbe: Wer will, kann den Panda mit einem eingebauten Spiralkabel bestellen. Anders als sonst muss man beim langsamen Laden mit Wechselstrom dann kein eigenes Kabel anschließen, sondern kann es vorn aus dem Panda „herausziehen“. Das macht Spaß, bringt aber sonst nur Nachteile, denn wegen der Wickelung sind (statt 11 Kilowatt) nur maximal 7,4 Kilowatt möglich, oft sogar nur 3,7 Kilowatt. Das Laden am Straßenrand dauert dann zwölf Stunden. Nimmt man einen solchen Nachteil in Kauf, damit Passanten kurz staunen und „Ciao, Bella!“ rufen? In Italien vielleicht. Überall sonst dürfte der Pragmatismus siegen, zumal das Spiralkabel 250 Euro Aufpreis kostet.
Jetzt aber genug gestaunt! Wir wollen wissen, ob der Grande Panda nur gut aussieht oder auch gut fährt. Also: Zündschlüssel umdrehen und los! Mein erster Eindruck: gut gefedert für einen Kleinwagen. Die mit Schlaglöchern übersäten Straßen des Ruhrgebiets pariert der Grande Panda souverän. Der Tacho gefällt mir, weil er auf jeglichen Firlefanz verzichtet und nur die wirklich wichtigen Daten anzeigt: Geschwindigkeit, Akkufüllstand, Verbrauch. Auch lässt sich das Handy problemlos mit dem Auto verbinden, um Musik zu streamen oder Google Maps zu nutzen. Das bordeigene (und aufpreispflichtige!) Navi kann man hingegen vergessen. Zum einen ist die Menüführung kompliziert, zum anderen werden Ladestationen auf der Strecke nur unzureichend angezeigt. Eine Ladeplanung, wie sie etwa der deutlich kleinere BYD Dolphin Surf bietet, hat der Panda nicht. Allein der Sprachbefehl funktioniert einigermaßen: In den meisten Fällen versteht das Auto, welche Adresse ich suche.
Die Assistenzsysteme? Joa. Hier beschränkt sich Fiat – zumindest in der Serienversion – auf das absolut Nötigste. Außer einem Spurhalte-Assistenten und einer Verkehrszeichen-Erkennung ist nichts Erwähnenswertes an Bord. Dass selbst der Beifahrer-Airbag im Konfigurator als Feature aufgelistet wird, spricht Bände. Immerhin: Das, was da ist, funktioniert. So erkennt das System die allermeisten Verkehrsschilder, und der Spurhalte-Assistent greift nur dann ein, wenn ich eine Linie wirklich überfahre. In meinem Testfahrzeug, das die teuerste Ausstattungslinie „La Prima“ umfasst (ab 29.990 Euro), gibt es zusätzlich eine Rückfahrkamera. Deren Qualität lässt jedoch zu wünschen übrig, vor allem im Dunkeln.
Die Reichweite des Grande Panda beträgt auf dem Papier 320 Kilometer. Bei meiner winterlichen Testfahrt sind es in der Stadt knapp 250 Kilometer, auf der Autobahn unter 200 Kilometer. Die meiste Energie geht bei E-Autos im Winter für die Heizung drauf, sodass solche Werte durchaus als normal anzusehen sind. Zumal der Panda nun mal ein Kleinwagen ist, der sich am Stadt- und Pendelverkehr orientiert. Ansprüche wie an eine Langstrecken-Limousine zu stellen, wäre daher unfair.
Gleich mehrfach Ladehemmungen
Eine Grundvoraussetzung sollte ein E-Auto allerdings immer mitbringen – egal wie groß es ist: Sobald man es mit einer Stromquelle verbindet, muss es laden. Doch genau bei diesen absoluten „Basics“ schwächelt der Grande Panda: Gleich mehrfach stoppt der Ladevorgang aus unerfindlichen Gründen. Am Schnelllader verweigert er die Stromannahme sogar komplett.
Dieses Erlebnis lässt mich dermaßen verstört zurück, dass ich die Autobahnfahrt beende und umdrehe. Auch das Schwestermodell, der Citroën ë-C3, hatte während seiner Testfahrt mit solchen Software-Macken zu kämpfen. Damals erwies sich aber nicht das Laden als problematisch, sondern das Starten: Nach einer Pause sprang der Kleinwagen nicht mehr an. Zwar berappelten sich beide Autos nach einer Weile wieder, einen bitteren Beigeschmack lassen die Aussetzer trotzdem zurück.
Der Grande Panda mag also ein liebevoll gestalteter Stadtwagen sein, der für seine Klasse einen geräumigen Kofferraum (361 Liter) bietet und sogar einen kleinen Anhänger ziehen kann. Auch das Fahrwerk überzeugt. Damit enden jedoch die Pluspunkte. Was die Ausstattung angeht, bieten die Wettbewerber für den gleichen (oder sogar günstigeren) Preis oft mehr. Am gravierendsten wiegen für mich aber die Ladehemmungen, die gleich mehrfach auftraten. 1990, als der „Elettra“ noch Bleibatterien hatte, konnte man solche Anfängerfehler verschmerzen. 35 Jahre später sind sie einfach nur unnötig.