Bei den Olympischen Spielen kam es oft auf Sekundenbruchteile an
Jetzt sind die Winterspiele in Milano und Cortina schon ein paar Tage vorbei und die olympischen Ringe unter unseren Augen fast komplett verschwunden. Eine Zeit lang hatten uns Langläuferinnen, Skispringer und Rodler bis in die Träume hinein verfolgt und das Zeitgefühl eines Normalsterblichen arg überstrapaziert.
Als der französische Autor Marcel Proust Anfang des 20. Jahrhunderts seine fiktionale Autobiografie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ geschrieben hat, muss er die seit 1886 wieder ausgetragenen olympischen Wettbewerbe im Sinn gehabt haben, weil sich dort junge Menschen alle paar Jahre wieder intensiv mit ihren Zeitproblemen befassen. Wenn man das aktuelle Geschehen in Cortina aufmerksam am Bildschirm verfolgt hat, erlebte man regelmäßig Sportreporter, die sich intensiv mit der für die Wettbewerber oft tragischen Bedeutung moderner Zeitmessung beschäftigen. Dass das alte olympische Motto „Höher, schneller, weiter“ dank verbesserter Messtechnik immer mehr auf die Spitze getrieben wird, kann man nirgends so deutlich erleben wie bei den Ski-, Bob- oder Rodelwettbewerben, wo Zehntelsekunden schon längst nicht mehr ausreichen, um die Spreu vom Weizen zu trennen.
Nehmen wir nur mal die Rodelkonkurrenz, wo mal ein, mal zwei Sportler durch knapp zwei Kilometer lange Eiskurven rasen, um ihre Schnellsten zu ermitteln. Mehr noch als deren Leistungen bewundern wir die Kommentare der kundigen Fernsehreporter, die offensichtlich ihren Proust kennen und die Ursachen der oft unerklärlichen Zeitverluste in der Rodelbahn kompetent erklären können.
Was für Menschen mit normalem Zeitgefühl nicht wahrnehmbar ist, nimmt für Kommentatoren gern riesige Ausmaße an: Hat ein Rodler nach dem ersten Fahrtkilometer fünf Hundertstelsekunden Rückstand, spricht der TV-Experte von „gigantischem Abstand“ und „von Welten“ zwischen dem Führenden und dem Zurückliegenden. Mit einer Zeitlupenwiederholung dokumentiert er dann ganz im Proust’schen Sinne, dass der „Langsame“ genau in der neunten Kurve „unnötig viel Zeit verloren“ hat. Auf der Suche nach dieser verlorenen Zeit wird der Reporter meist schnell fündig: „Unübersehbar“ habe der Rodler in besagter Kurve die Ideallinie knapp verpasst, was sich im Ziel in einem „wahnsinnigen Rückstand“ von vier Hundertstelsekunden medaillenmindernd niederschlägt.
Für uns Fernsehzuschauer ist selbst bei mehrmaligem An- und genauem Hinschauen nicht erkennbar, dass ein Rodler in Kurve 9 „viel Zeit liegen ließ“. Wo genau aber diese Sekundenbruchteile liegen, bleibt unklar. Offensichtlich hat das Streckenpersonal sie schnell wieder weggeräumt, damit die Nachfolgenden nicht beeinträchtigt werden.
Keineswegs viel Zeit haben die Olympioniken aber liegen lassen, um bei ihrer Lieblings-Freizeitbeschäftigung ans Ziel zu kommen. Schon nach nur drei Tagen waren alle vom Veranstalter kostenlos zur Verfügung gestellten 10.000 Kondome aufgebraucht. Da haben wahrscheinlich selbst die langsamsten Rodler immer die Ideallinie zu den Kurven gefunden. Und bei der Beschaffung der Kondome haben die knapp 2.000 teilnehmenden männlichen Sportler nicht „wahnsinnig viel Zeit verschenkt“, um an ihre kurvigen Ziele zu gelangen. Rein rechnerisch macht das gut fünf Kondome pro männlichem Kopf und halber Woche: Ganz schön sportlich! Da zahlt sich eben eine intensive Vorbereitungszeit echt aus!
Zum Glück haben die Veranstalter rechtzeitig für Kondom-Nachschub gesorgt, sodass die Olympioniken zumindest bei ihren außersportlichen Aktivitäten nicht viel Zeit liegen lassen mussten und ein vorzeitiger Abbruch der Spiele verhindert werden konnte. Gute Nachwuchsarbeit sieht allerdings ganz anders aus!
Inzwischen sind die Olympischen Spiele vorbei. Und alle sind weg: die Sportler ebenso wie die Kondome! Und wir sind überzeugt, dass selbst viele der Nicht-Medaillengewinner am Ende ziemlich befriedigt ihre Heimreise angetreten haben – in der stillen Gewissheit, dass Milano und Cortina trotz verlorener Rennen keine verlorene Zeit war.