Die Zeichnerin Marie Sann hat den deutschen Beitrag zu einem weltweit erscheinenden Sammel-Album gezeichnet. Bekannt wurde die Berlinerin durch eine von ihr geschaffene Alltagsheldin.
Würde Marie Sann zu den Menschen gehören, die sich sagen lassen, was geht und was nicht, und die schnell aufgeben, was sie mögen, weil andere es für unrealistisch halten, dann wäre die Welt um mindestens eine Superheldin ärmer. „Mir wurde schon als Kind vermittelt, dass man von Kunst nicht leben kann“, erzählt die 39-Jährige. In der Schule sei Kunst als Fach belächelt worden. Sie selbst lächelte nicht über, sondern mit der Kunst – ihre ist das Zeichnen.
Und dieser Kunst blieb Marie Sann treu – auch als ihr sogenannte Kunst-Profis sagten, dass sie es lieber lassen soll. „Ich habe mich an zwei Hochschulen beworben und wurde wegen angeblich mangelnder künstlerischer Begabung abgelehnt“, erzählt die Berlinerin – und sagt: „Die maßen sich etwas an und zerstören Träume.“
Ihren Traum ließ sich die Zeichnerin nicht zerstören. Sie gehört inzwischen zur ersten Liga der deutschen Comic-Zeichnerinnen. Das hat spätestens der Auftrag bestätigt, den Marie Sann vom Panini-Verlag bekommen hat.
Tochter Kryptons beschützt die Erde
Sie hat den deutschen Beitrag zum „Supergirl: The World“ – Sammelband gezeichnet. Nach den Bänden mit Abenteuern von Batman, Superman und dem Joker präsentieren der DC-Comic-Verlag (DC = Detective Comics, Anm. d. Red.) und seine Partner-Verlage weltweit nun Supergirl-Geschichten aus 15 Ländern. „Das Ergebnis dieses globalen Comic-Projekts erscheint weltweit parallel am 2. Juni 2026 und lädt die Fans ein, kurz vor Start des Supergirl-Kinofilms mit Milly Alcock in der Hauptrolle, die Heldin durch die Linse verschiedener Kulturen, Landschaften und kreativer Traditionen zu betrachten“, sagt Steffen Volkmer vom deutschen Panini-Verlag. „Supergirl gilt als eine der inspirierendsten Heldinnen des DC-Universums: ein Symbol für Hoffnung, Widerstandsfähigkeit und Mitgefühl. In dieser neuen Anthologie erkunden die Kreativen aus aller Welt, wie die Geschichte von Kara Zor-El, wie die Heldin heißt, über Grenzen und Kulturen hinweg Resonanz findet und wie ihre Mission, ihre Wahlheimat zu beschützen, aus globaler Perspektive eine neue Bedeutung erhält“, erklärt Steffen Volkmer. „Supergirl, die letzte Tochter Kryptons, empfindet ihre neue Heimat manchmal als überwältigend und hat Mühe, ihren Platz darin zu finden“, heißt es in der offiziellen Beschreibung des Verlags zum Projekt. Und: „Was gäbe es also Besseres, als ihre neue Heimat kennenzulernen, indem sie die Welt bereist und ihre vielen Wunder entdeckt – und dabei natürlich auch Leben rettet!“ Jedes Kapitel bietet eine in sich abgeschlossene und im Land ihrer Entstehung verwurzelte Geschichte – von Heldentaten im Alltag bis hin zu epischen, mythischen Abenteuern. Die Storys ergeben zusammen ein Porträt von Supergirl, das sowohl universell als auch persönlich ist.
„Bei Superhelden, da war das, was sie privat erleben, das Spannendste“, erinnert sich Marie Sann an die Zeit, in der sie solche Geschichten gelesen hat. Beworben hat sich die Berlinerin nicht um diesen Auftrag. Der Verlag ist auf sie zugekommen. „Der Verlag hat wohl bewusst eine Frau ausgewählt“, sagt sie. Über die Heldin, die sie in Szene setzen sollte, wusste sie bis dahin eher wenig. „Ich habe erst gedacht: flacher Charakter, aber festgestellt, dass sie Tiefe hat.“ Sich auf eine Figur, die sie zeichnet, einzulassen, ist für Marie Sann Voraussetzung dafür, dass sie zu einem guten Ergebnis kommt mit ihrer Kunst. „Das Kennenlernen ist wichtig, die Figuren zu spüren“, erklärt sie.
Und plötzlich wurde aus der 1962 von Männern entwickelten Superheldin eine „feministisch starke Figur“, von der Marie Sann sagt: „Ich finde die cool und sympathisch. Bei meiner Supergirl-Geschichte ist klar: Es muss gekämpft werden, aber mir war wichtig, dass sie durch Intellekt Dinge löst, nicht nur, weil sie Kraft hat.“ Wichtig sei ihr bei ihrer eigenen Interpretation der Heldin auch gewesen, „dass sie kein Miniröckchen trägt, wenn sie durch die Luft fliegt“. Die japanische Manga-Heldin Sailor Moon, eine der ersten Comicfiguren, mit denen sie sich identifiziert hat, trägt allerdings auch Miniröcke, aber eigentlich sei das ja auch ganz in Ordnung, wenn man „wenigstens die Welt rettet“, sagt Marie Sann und lacht. Und die Figur, mit der sie als Zeichnerin bekannt geworden ist, trägt oft noch weniger: Kinky Karrot.
Kunst, Botschaft und Geldverdienen
„Sie ist auch eine Heldin, denn sie entdeckt ohne Angst, was sie erfüllt“, beschreibt Marie Sann ihre Hauptfigur, die sich auf sexuelle Erkundungstour begibt. Sie versteht ihre Kinky-Karrot-Reihe, mit der sie international erfolgreich ist, als „Sex-Education-Projekt“, das Menschen ermutigen soll, „etwas über sich selbst zu lernen“. Deshalb zeichnet Marie Sann ihre Figuren auch, wie sie es nennt, „etwas abstrakter“. Die Figuren mit den großen Augen seien dadurch „ausdrucksstark“. „Ich habe lange hochrealistisch gezeichnet. Das hat mich irgendwann gelangweilt, ich kann so viel mehr ausdrücken“, erklärt Marie Sann. Und: „Menschen sollen sich identifizieren können. Überzeichnen ist ein Mittel, das ihnen dabei hilft.“
Kinky Karrot ist für ihre Zeichnerin eine Alltagsheldin. Supergirl sei für sie „eine ganz tolle Herausforderung und schöne Abwechslung“ gewesen. Aber eben auch eine Figur, die durchaus heldenhafte Parallelen aufweise zu dem, was sie sonst zeichnet. Für dieses Projekt hat sie mit dem Autor Yann Krehl an der Geschichte gearbeitet.
Die 184 Seiten umfassende Supergirl-Anthologie präsentiert darüber hinaus Geschichten von einigen der bekanntesten Kreativen der internationalen Comic-Szene: aus den USA Mariko Tamaki (Autorin), Skylar Patridge (Zeichnerin), Joëlle Jones (Cover), aus Spanien Anneke (Autorin, Zeichnerin, Cover), aus Italien Francesca Michielin (Autorin), Federica Croci (Zeichnerin, Cover), aus Serbien Uroš Dimitrijević (Autor), Stevan Subic (Zeichner, Cover), aus Kamerun Njoka Suyru (Autorin), Coeurtys Ulrich Minko, Ejob Nathanael Ejob (Zeichner, Cover), aus Finnland Johanna Sinisalo (Autorin), Rosi Kämpe (Zeichnerin, Cover), aus Argentinien Tomás Wortley (Autor), Rocío Zucchi (Zeichnerin, Cover), aus der Türkei Mahmud Asrar (Autor, Zeichner, Cover), aus Frankreich Kid Toussaint (Autor) und Joël Jurion (Zeichner, Cover), aus Brasilien Fernanda Chiella (Autorin, Zeichnerin, Cover), aus Polen Anna Krztoń (Autorin) und Kasia Nie (Zeichnerin, Cover), aus Mexiko Mariana Moreno (Autorin, Zeichnerin, Cover), aus Kolumbien Sara (Autorin, Zeichnerin, Cover), aus Japan Satoshi Miyagawa (Autor) und Kai Kitago (Zeichner, Cover).
Für Marie Sann ist es eine Anerkennung ihrer Arbeit, in dieser Reihe genannt zu werden. Denn Kunst ohne Erfolg ist schwierig. „Erst mal frage ich mich, was interessiert mich, dann muss ich schon auch überlegen, ob ich damit Geld verdienen kann, sonst kann ich nicht daran arbeiten“, sagt sie. Es sei „eine Kunst für sich, etwas zu finden, womit man Geld verdienen kann“. Kinky Karrot sei für sie daher perfekt, denn da könne sie Kunst, eine Botschaft und Geldverdienen miteinander verbinden. Und Comics seien nun mal eine gute Art, Botschaften zu senden, denn „Comic ist nicht gleich Comic – und es gibt nur wenig Menschen auf der Welt, die gar nichts mit Comics anfangen können“.
„Comiczeichnen ist sehr viel Arbeit für wenig Geld“ – ja, das stimme, und manchmal tue es weh, wenn sie sehe, wie schnell manche Menschen Comics einfach nur durchblättern. Sie wisse aber auch von Menschen, die ihre Comics immer wieder neu lesen. Für sie selbst ist es „schön, die eigenen Emotionen zu übertragen und Menschen mit auf meine eigene Entdeckungsreise zu nehmen“, erklärt die Zeichnerin. „Ich fühle mit der Figur mit, während ich zeichne“, sagt sie. Und wenn das mal zu anstrengend wird, „kann ich ja eine Pause machen“. „Eigene Welten zu kreieren, hat mich schon im Kindergarten fasziniert“ – und davon hat sie sich bis heute nicht abbringen lassen.