Die E-Mobilität und der benzinbetriebene Motorrad-Mythos scheinen kaum zusammenzupassen. Doch langsam öffnet sich die Biker-Szene, die Marktanteile von Elektro-Modellen steigen.
Es ist Biker-Wetter an diesem Frühlingstag in Berlin, die Sonne strahlt. Es könnte also laut und qualmig werden auf den Straßen, doch die Maschine von Rainer Jordan knattert nicht laut los, es ist bloß ein leises Surren zu hören. Satter Sound war noch nie die Stärke des Elektroantriebs, dafür beeindrucken die Fahrleistungen: Die Beschleunigung sei enorm, sagt Jordan, der sich vor Kurzem eine Zero SR/S – ein elektrisches Höllengefährt mit extremer Performance – gekauft hat. „Da drehst du einmal am Griff und bist weg.“ Andere Verkehrsteilnehmer sieht man nur noch im Rückspiegel.
Der Chemieprofessor und passionierte Biker aus Dresden ist mit seiner Zero SR/S zum „Reload Land“ gekommen. Europas größtes Festival für elektrische Motorräder stieg am ersten Mai-Wochenende in Berlin auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. Präsentiert wurde das Beste aus der Welt der Elektromotorräder, E-Scooter, E-Mopeds und Custom Rides – ohne Lärm und Abgase. Die batteriebetriebenen Zweiräder surrten flüsterleise über den Asphalt.
„Abartige“ Beschleunigung
Das ist ein Novum. Wenn der Frühling da ist und die Motorradsaison begonnen hat, wird es vielerorts wieder laut und verqualmt auf den Straßen. Doch immer häufiger sind Maschinen unterwegs, die nicht lärmend knattern, sondern nur leise surren: Elektromotorräder erobern langsam den Straßenverkehr. In der Verbrenner-verliebten Motorradszene lange eine Nische, werden E-Motorräder zunehmend beliebter. Während der Gesamtmarkt für zweirädrige Kfz zuletzt rückläufig war, verzeichnet das Elektro-Segment ein deutliches Plus. Rund 2.400 E-Motorräder wurden 2025 in Deutschland zugelassen, wie aus einer Statistik des Industrie-Verbands Motorrad (IVM) hervorgeht. Das ist eine Steigerung von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Noch deutlicher zeigt sich dieser Trend weltweit. In Indien waren schon 2022 mehr als die Hälfte aller neu verkauften Rikschas elektrisch. Auch für die Millionenmetropolen Chinas ist der Markt für elektrische Zwei- oder Dreiräder sehr groß. Zwar haben die Gefährte weniger Platz für große Akkus als ein Auto. Dafür können sie besonders sparsam mit Energie umgehen – vor allem, wenn sie leicht und wendig durch den Stadtverkehr cruisen.
Inzwischen springen namhafte Hersteller auf den Trend auf und bieten vollwertige elektrische Motorräder an. So bringt Kultmarke Honda im Juli ihr erstes Elektromotorrad auf den Markt. Das WN7 Naked Bike bietet eine maximale Leistung von 50 Kilowatt und ein Drehmoment von 100 Newtonmetern – damit sei eine „abartige“ Beschleunigung möglich, heißt es bei Honda. Das Bike schafft 130 Kilometer Reichweite und kann sogar über CCS-Technik schnellladen. Der Preis: 15.409 Euro.
130 Kilometer klingt nach wenig, reicht für die meisten Pendler aber aus. Ohnehin dürften Motorradfahrer mit Ladestopps deutlich weniger Probleme haben als Autofahrer. Da für Biker das Fahren auf langen Strecken viel anstrengender ist als im bequemen, wohltemperierten Pkw, sind sie regelmäßige Pausen gewohnt.
Einen Sonderweg hat der Hersteller Kawasaki eingeschlagen, der mit der Z7 Hybrid das weltweit erste Vollhybrid-Motorrad entwickelt hat. Dank Elektro-Boost soll das Mittelklasse-Bike aus dem Stand beschleunigen können wie ein 1.000-Kubikzentimeter-Sportmotorrad, aber nur so viel verbrauchen wie Modelle der 250-Kubikzentimeter-Klasse. Fahren kann die Zwitter-Kawasaki entweder mit Elektroantrieb oder mit Verbrennungsmotor oder mit einer Kombi aus beidem. Die Reichweite beträgt etwa 300 Kilometer. Erhältlich ist die Z7 Hybrid derzeit zu einem Aktionspreis von 8.995 Euro.
Deutlich wartungsärmer
Schon länger in der Elektro-Szene dabei ist Zero Motorcycles aus Kalifornien, die beim „Reload Land“ in Berlin ihre neuesten Produkte vorstellten. Der Weltmarktführer für Fullsize-Elektromotorräder wie die Zero SR/S bietet Highend-Gefährte mit brachialen Fahrleistungen an, die jeden Verbrenner in den Schatten stellen. Auch LiveWire, die Elektromarke von Harley-Davidson, ist bei vielen Bikern inzwischen anerkannt. Bei den elektrischen Motorrollern für den staugeplagten Stadtverkehr konkurriert Niu bereits erfolgreich mit etablierten Marken. Das Berliner Start-up Second Ride indes bietet für knapp 2.700 Euro Umrüstkits an, um alte Simson-Motorräder wie die Schwalbe auf zeitgemäßen Elektroantrieb umzurüsten. Mit zwei Prozent ist der Anteil elektrischer Bikes am deutschen Motorrad-Gesamtmarkt zwar noch immer bescheiden klein. Doch die Elektro-Maschinen würden immer beliebter, sagt der Mitgründer von „Reload Land“, Maximilian Funk. Angesichts hoher Preise für Benzin und Diesel fragten sich nicht nur Autofahrer, sondern auch immer mehr Motorradfahrer: „Wie bewege ich mich möglichst kostengünstig und zügig fort?“ Statt für einen Liter Sprit über zwei Euro zu zahlen, lasse sich ein E-Motorrad mit „Cent-Beträgen“ fahren, betont Funk.
So lässt sich bei vielen E-Modellen der Akku herausnehmen und günstig über die Haushaltssteckdose aufladen. Eine weitere Stärke von E-Motorrädern ist, dass sie deutlich wartungsärmer sind als vergleichbare Verbrenner. Motoröl wechseln, Zündkerzen tauschen, Ventile einstellen: All das fällt bei den batteriebetriebenen Bikes weg. E-Motoren haben deutlich weniger Verschleißteile als Verbrennungsmotoren – das gilt auch für zweirädrige Kfz.
Der Anteil der Elektro-Zweiräder werde weiter steigen, erwartet man auch beim Industrie-Verband Motorrad in Essen. Beeindruckend entwickeln sich vor allem Modelle für den Pendler- und den Sportbereich, hier verzeichnete der Verband im ersten Quartal 2026 einen Zuwachs von 125 Prozent. „Das liegt vor allem an zwei Herstellern: Niu und Stark Future“, sagt IVM-Sprecherin Jessica Heinen. Niu stellt E-Roller her, die über verschiedene Altersgruppen hinweg gerade im städtischen Bereich sehr beliebt sind. Zweiter Treiber ist laut IVM die elektrische Sport-Enduro EX von Stark, die hauptsächlich abseits der Straßen eingesetzt wird, ergänzt in kleineren Stückzahlen von der SM, einer Supermoto rein für die Straße. „Während der Sportbereich eine ganz spezielle Anwendung bedeutet, ist die Akzeptanz der zweirädrigen Elektromobilität im urbanen Bereich weiter im Wachstum“, erklärt Heinen. Diese Fahrzeuge bildeten aus Verbandssicht eine ideale, weil saubere Lösung für individuelle Mobilität in den Städten und ihrer Umgebung. Zudem seien elektrische Motorräder „DIE Problemlöser“ für die angespannte Parkraumsituation und dort, wo die Belastung durch Feinstaub und zeitraubenden zähen Verkehrsfluss hoch sei.
Viele Anwohner oft von Lärm genervt
Aber auch auf der Landstraße und bei Touren durchs Grüne haben die Stromer ihre Vorteile. Normalerweise vertreiben Motorradfahrer mit ihren knatternden Maschinen jedes Tier im Umkreis von einem Kilometer. Wenn Rainer Jordan mit seiner Zero SR/S fast lautlos an Feldern und Wiesen entlang surrt, bleiben Rehe und Hasen dagegen entspannt stehen. Und Anwohner von Ortschaften sind nicht wegen Motorenlärms genervt.
Es ist vor allem dieser Lärm von Verbrenner-Motorrädern, der die Gemüter erhitzt, wenn die Freiluftsaison beginnt und damit die Ausfahrten. Viele Biker lieben den Sound ihrer Maschinen, andere Verkehrsteilnehmer und Anwohner sind dagegen ziemlich gereizt wegen des Höllenlärms, den Ducatis, Yamahas und Harleys mitunter produzieren. In Teilen Österreichs wurde deshalb ein Lärm-Fahrverbot eingeführt. Vergleichbare Empfehlungen gab vor einigen Jahren auch der Deutsche Bundesrat, doch die Bundesregierung ließ diese nicht umsetzen. Zehntausende Biker hatten gegen Fahrverbote protestiert.
Mit seiner Yamaha knatterte früher auch Rainer Jordan aus Dresden laut über Land. Mit seiner neuen batteriebetriebenen Zero SR/S surrt er nur noch. Trotzdem oder gerade deswegen will er seine leise, aber pfeilschnelle E-Maschine nicht mehr missen: „Mit so einem Elektro-Motorrad hast du ganz viel Fahrspaß. Aber du gehst niemandem damit auf die Nerven.“