Die Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland wird in Deutschland immer wichtiger. Ein Start-up im Saarland, „Kraftblock“, geht als Best-Practice-Beispiel voran – und erhielt dafür sogar eine Auszeichnung.
Als Sangeetha Natarajan im November vergangenen Jahres im Saarland ankommt, ist es kalt. Nicht einfach nur kühl, sondern für jemanden, der zuvor in Indien, Kuwait und Dubai gelebt hat, unangenehm kalt. „Wir waren tropische Temperaturen gewohnt, eher 30 Grad“, erzählt sie. Auf ihrer neuen Arbeitsstelle gab es direkt für dieses Problem schon einen ganz praktischen Tipp: lieber mehrere Schichten anziehen. Für Natarajan ist das mehr als nur ein Hinweis zum Wetter. Es ist ein Beispiel dafür, wie sie ihren Start bei „Kraftblock“ erlebt hat – persönlich, zugewandt, fast familiär.
Der Weg dorthin war allerdings alles andere als kurz. Rund ein Jahr vergeht zwischen den ersten Gesprächen und der tatsächlichen Ankunft in Deutschland. Der Kontakt beginnt im Herbst 2024, zunächst über ihren Mann, der sich bei „Kraftblock“ bewirbt. Erst über dessen Profil wird das Unternehmen auch auf sie aufmerksam. Beide sind Ingenieure, beide passen fachlich ins Profil. Er ist Ingenieur für Automatisierungstechnik, sie ist Ingenieurin im Bereich Elektrotechnik und befindet sich parallel in einem Promotionsstudium (PhD) in ihrem Heimatland. „Dann habe ich selbst den Interviewprozess gestartet“, sagt Natarajan. Schnell ist klar: Wenn es klappt, kommen sie gemeinsam.
Dass es für die junge Familie – beide haben eine Tochter – nach Deutschland geht, war nicht einmal geplant. „Eigentlich war es ein Zufall“, erzählt Natarajan. „Wir wollten einen Ort, an dem wir unser Leben langfristig aufbauen können – persönlich und beruflich.“ Deutschland erscheint dafür passend, das Saarland sogar besonders: überschaubar, ruhig, „gemütlich, fast wie ein Zuhause“, sagt sie.
Begleitung auch im privaten Bereich
Während die Familie noch im Ausland lebt, läuft der Prozess im Hintergrund weiter – und zieht sich. Visa, Dokumente, Übersetzungen, Abstimmungen mit Behörden. „Es war langsam, aber stetig“, beschreibt Natarajan diese Zeit. Entscheidend ist für sie die Begleitung durch das Unternehmen. Diese Begleitung ist kein Zusatz, sondern fester Bestandteil der Unternehmensstrategie. Die Relocation, das Anwerben und Einstellen, wird aktiv gesteuert – mit Meilensteinen vom Vertragsabschluss bis zur Ankunft in Deutschland. „Wir hatten regelmäßige Gespräche und definierte Checkpoints“, sagt Nina Kollmann, HR-Chefin (Human-Resource-Chefin, also Personalchefin). „So stellen wir sicher, dass niemand im Prozess verloren geht und alle wissen, welcher Schritt als nächstes kommt.“
„Kraftblock“ entwickelt thermische Energiespeicher – ein technologisch anspruchsvolles Feld. „Wir haben ein sehr exotisches Produkt“, sagt Kollmann. Entsprechend spezialisiert sind die Profile, die gesucht werden. „Die finden wir nicht unbedingt in der Region.“ Internationale Rekrutierung ist deshalb weniger Option als Notwendigkeit.
Dass dabei mehr entsteht als reine Personalgewinnung, ist durchaus gewollt. „Wir wollen mehr Internationalität“, sagt Kollmann. Englisch ist die Alltagssprache im Unternehmen, die Teams sind bewusst divers. Unterschiedliche Perspektiven gelten als Vorteil, nicht als Hürde.
Die Suche nach passenden Kandidaten läuft vor allem über Plattformen wie LinkedIn. Ist jemand gefunden, beginnt der aufwendigere Teil: der eigentliche Umzug nach Deutschland. „Das ganze Visaverfahren ist hochbürokratisch“, sagt Kollmann. Dokumente müssen übersetzt, beglaubigt, eingereicht werden. Zuständigkeiten sind nicht immer klar, Abläufe dauern. Drei Monate seien das Minimum, oft dauere es länger – insbesondere, wenn es nicht nur um Einzelpersonen, sondern komplette Familien geht, wie im Falle der Natarajans. Neben den formalen Prozessen muss die Familie auch praktisch umziehen, Schulen organisieren, den Alltag neu aufstellen. Als sie schließlich im Saarland ankommt, ist vieles noch ungeklärt. Eine Wohnung gibt es zunächst nicht, stattdessen eine Übergangslösung über AirBnB. „Die Wohnungssuche war die größte Herausforderung“, sagt Natarajan. Gerade mit Kind sei das deutlich komplizierter.
Allein ist Sangeetha Natarajan dabei nicht. Kollmann begleitet die Suche, hilft bei Gesprächen mit Vermietern, prüft Verträge. Auch bei den ersten Schritten im Alltag steht ein festes Onboarding-System im Hintergrund: Anmeldung, Bankkonto, SIM-Karte, Tickets für den öffentlichen Nahverkehr. „Wir lassen das nicht individuell laufen, sondern begleiten diesen Prozess aktiv – gerade in den ersten Wochen ist das entscheidend“, sagt Kollmann. „Das ganze Team hat uns unterstützt“, sagt Natarajan. Ohne dieses Netzwerk wäre der Einstieg deutlich schwieriger gewesen.
„Langfristig bleiben“
Trotzdem bleiben Irritationen. Zum Beispiel der Sonntag. „Wir sind los, um schnell noch Milch und Brot zu kaufen“, erzählt Natarajan. „Und alle Geschäfte sind geschlossen.“ Für jemanden, der das nicht kennt, wirkt das zunächst irritierend. Auch die Sprache wird schnell zum Thema. Englisch hilft im Job, im Alltag stößt man damit an Grenzen. „Man braucht zumindest grundlegende Deutschkenntnisse“, sagt Natarajan. Gerade am Anfang sei das eine Herausforderung gewesen, auch weil Zeit und Energie zum Lernen fehlen.
„Kraftblock“ versucht, diese Hürden abzufedern. Es gibt Unterstützung beim Deutschlernen, ein Paten-System im Team und viele gemeinsame Aktivitäten. Mitarbeitende bringen Essen aus ihren Herkunftsländern mit, tauschen sich aus, vernetzen sich auch außerhalb der Arbeit. Für Kollmann gehört das dazu: „Für uns endet Recruiting nicht mit der Vertragsunterschrift. Entscheidend ist, dass Menschen nicht nur anfangen, sondern auch langfristig bleiben und sich hier verankern“, sagt sie.
Diese Haltung war auch ein Grund dafür, dass das Unternehmen mit dem Welcome Star ausgezeichnet wurde. „Mit dem Welcome-Star-Wettbewerb zeichnet die saarländische Landesregierung Unternehmen aus, die bereits erfolgreich internationale Fachkräfte anwerben und erfolgreiche Konzepte einer Willkommenskultur umsetzen konnten“, erklärt der saarländische Sozialminister Magnus Jung (SPD), dessen Haus ab 2026 den Preis vergibt. „Der Arbeits- und Fachkräftemangel stellt eine der größten Herausforderungen für das Saarland dar. Der demografische Wandel, strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft und technologische Innovationen verschärfen die Situation.“ Das mache die Gewinnung ausländischer Fachkräfte umso bedeutsamer. „Kraftblock“ hatte den Preis 2025 – damals noch unter Wirtschaftsminister Jürgen Barke – in der Kategorie „Entschluss“ erhalten.
„Die Jury hat ihre Entscheidung damit begründet, dass „Kraftblock“ über ein breit aufgestelltes Personalmarketing mit zielgerichteten Stellenanzeigen, Social Media sowie Networking verfügt“, begründet Jung. „Ein weiterer Punkt waren die internationalen Kooperationen in unterschiedlichen Ländern sowie ein diverses HR-Team und dass Chancengleichheit schon im Bewerbungsprozess mitbeachtet wird.“ Für Kollmann ist die Auszeichnung auch ein Signal nach außen: Viele Bewerber hätten Zweifel, ob der Umzug wirklich funktioniert, ob Visa-Prozesse gelingen oder ob sie sich im System zurechtfinden. „Wir können sagen: Wir haben diesen Prozess nicht nur einmal gemacht, sondern ihn strukturell aufgebaut und mehrfach erfolgreich begleitet“, sagt sie.
Im Unternehmen selbst arbeiten inzwischen Menschen aus verschiedenen Ländern, darunter Indien, Pakistan oder Marokko. Hinzu kommen internationale Absolventen, die in Deutschland studiert haben und anschließend übernommen wurden. Für Kollmann ist das kein Ausnahmefall mehr, sondern ein funktionierendes Modell. „Es gibt im Ausland Qualifikationen, die wir hier so nicht haben oder noch nicht ausreichend abdecken“, sagt sie.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf Sangeetha Natarajan, dass es nicht nur um Fachkräfte geht, sondern um Lebensentscheidungen. Der Umzug nach Deutschland ist für sie kein kurzfristiger Jobwechsel, sondern ein kompletter Neustart. Was ihr geholfen hat, war vor allem Struktur: „Wenn man das System einmal versteht, wird es einfacher“, sagt sie. Was in Deutschland aus ihrer Sicht fehlt, sei Übersicht. „Es wäre gut, wenn es eine zentrale, verständliche Übersicht über alle Schritte gäbe“, sagt sie. Wie lange dauert was? Welche Unterlagen werden benötigt? Im Moment müsse man sich vieles zusammensuchen.
Bis dahin bleibt es oft bei individuellen Lösungen. Bei „Kraftblock“ heißt das: klare Prozesse, feste Ansprechpartner, viel Kommunikation. Für Sangeetha Natarajan und ihre Familie hat es funktioniert. Der Anfang war anstrengend, manchmal chaotisch, oft ungewohnt. Aber er war machbar. Und vor allem: Sie musste ihn nicht allein bewältigen.