Warum der einst gelobte „China Speed“ in den Abgrund führt
In Deutschland geht der Reformismus um. Alles muss reformiert werden, so landauf, landab die Meinung nicht nur politischer Kräfte von rechts – vor allem in Ostdeutschland – oder links. Es ist auch die Meinung der herrschenden Regierungsparteien, sogar der sonst lammfrommen Wirtschaftsverbände.
Ohne Zweifel: In Deutschland herrschen Stillstand und Reformnot. Null Wachstum seit Jahren, die Wirtschaft stets am Rande der Rezession. Die Infrastruktur bröckelt, wichtige Verkehrsadern in Form von Brücken über den Rhein und anderswo oder Eisenbahnlinien, bei denen eine jahrelange Sanierung droht. Fakt ist: Deutschland hat viele Jahre auf Verbrauch gelebt und zu wenig in Erhalt investiert.
Und über all dieser Misere schweben die ungelösten Probleme einer rapide alternden Bevölkerung sowie riesiger Löcher in den Sozialkassen im Renten- und Gesundheitssystem.
Vor allem die Wirtschaftsverbände, jahrzehntelang Säulen des Systems, werden des Klagens nicht müde. Sie weisen unablässig auf steigende Pleiten, überhöhte und wettbewerbsfeindliche Lohn- und Energiekosten, erdrückende Steuerlasten und auf strangulierende und lähmende Bürokratie hin.
Was ist der Ausweg aus dieser Misere? Zumindest eine der wichtigsten Branchen in Deutschland scheint dafür den Ausweg gefunden zu haben. Das Zauberwort heißt China Speed. Erfunden hat es die Autoindustrie. Und die muss es ja wissen, denn ein Drittel ihres gesamten Absatzes machte sie in China.
Wohlgemerkt in der Vergangenheit, denn inzwischen wurden die deutschen Hersteller, am stärksten Porsche und Volkswagen, von der schnell wachsenden chinesischen Autoindustrie regelrecht überrollt. Lag der Marktanteil des VW-Konzerns am China-Automarkt ehemals bei über 50 Prozent, so ist er binnen weniger Jahre auf knapp 15 Prozent zusammengeschrumpft. Bei Elektroautos, deren Anteil an allen Autoverkäufen in China aktuell bei über 60 Prozent liegt, haben alle deutschen Hersteller zusammen nur einen Marktanteil von 1,6 Prozent. Der Verbrenner trägt bislang noch das Geschäft. Da ist guter Rat teuer.
Die Marktverluste sind das Ergebnis eines knallharten Verdrängungswettbewerbs. Die Ursache haben die deutschen Manager zum einen in der staatlichen Förderung der chinesischen Autoindustrie, vor allem den hohen Kaufprämien für NEV-Autos (New Energy Vehicles), also Elektroautos jeglicher Antriebsart, verortet. Zum anderen aber vor allem in der Schnelligkeit, mit der junge chinesische, meist branchenfremde Unternehmen mit dem Bau von E-Autos und viel Bling-Bling in den chinesischen Automarkt eindrangen und in wenigen Jahren auf fast 25 Millionen Neuzulassungen im Jahr hochpushten. Und dafür in kürzester Zeit Fabriken hochzogen und den Markt mit immer neuen Modellen fluteten.
China Speed war die neue Gangart. Brauchten deutsche Autobauer über Jahrzehnte immer sieben bis neun Jahre, um ein Auto zu entwickeln und produktionsreif zu machen, und – wenn überhaupt – mindestens drei Jahre, um eine Fabrik zu bauen, so machten das chinesische Hersteller jeweils in einem Drittel der Zeit. Wohlgemerkt in China!
Das Ergebnis dieser egozentrischen Unternehmenspolitik ähnelt stark dem Wirken von Goethes „Zauberlehrling“. Dieser wurde bekanntlich die Geister, die er rief, nicht mehr los, und setzte das Haus unter Wasser: Zum einen sind in der chinesischen Autoindustrie gigantische Überkapazitäten aufgelaufen: Nach Expertenschätzung könnte die chinesische Autoindustrie mindestens das Doppelte des heutigen Absatzvolumens produzieren. Andererseits ist der Markt durch die staatlichen Kaufprämien in den vergangenen Jahren künstlich aufgebläht worden. Kurz: Diese Blase ist jetzt geplatzt. Allein im Mai 2026 lagen die Verkäufe in China um 22 Prozent niedriger als im Vorjahr.
Damit ist klar: Die deutschen Automanager sind mit ihrer neuen Heilslehre zum zweiten Mal auf dem Holzweg. China Speed alleine ist kein Heilsbringer, sondern führt in den Abgrund. Nur immer schneller Autos zu bauen und neue Modelle auf den Markt zu bringen, ist nicht die Lösung: Ein Auto ist immer noch ein Wertgegenstand, kein Wegwerf-Artikel. Das sollte in den Vorstandsetagen bekannt sein.